Gendering-Workshop bei den 15. Lektorentagen des VFLL regte zum Austausch an

„Sprachwandeln wir künftig auf neuen Wegen?“ lautete das Motto der diesjährigen öffentlichen Tagung des Verbandes der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL), die vom 16. bis 18.09.2016 im Stephansstift in Hannover stattfand. Eines der dort diskutierten Themen war die so genannte politische Korrektheit. Kaum ein anderes Thema erregt dabei so die Gemüter wie das Gendering. Muss ich wirklich immer darauf achten, dass alle Geschlechter genannt und gemeint sind? Referentin Johanna Müller gab viele hilfreiche Tipps und zeigte elegante Wege auf.

Bei der Vorstellungsrunde wurde schnell klar: Unsere Berufsgruppen sind eng verbandelt, arbeiten doch viele Lektorinnen und Lektoren auch im Übersetzungsbereich und umgekehrt. Das Thema Gendering liegt dabei vielen auf der Seele: Wie kriege ich das hin, dass es möglichst kaum auffällt und dennoch korrekt und zeitgemäß ist? Allerdings: Nicht immer ist es „nur“ persönliche Haltung und Vorliebe, die gendergerechtes Schreiben fordert, manchmal ist es auch der Auftrag. So gibt es beispielsweise in Bildungsmedien oder in der Kommunikation diverser öffentlicher Stellen und Behörden bestimmte Vorgaben. Meist ist es das berühmte „Bürgerinnen und Bürger“ oder „Kolleginnen und Kollegen“. Aber muss das wirklich sein? Stört das nicht den Lesefluss?

Macht der Gewohnheit

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, auch das wurde im Austausch mit den Teilnehmenden klar. So sind die „Studierenden“ doch längst ins Bewusstsein vorgedrungen und haben sich im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt – auch wenn böse Zungen behaupten, der Ausdruck entspräche in vielen Fällen nicht der Wahrheit. Ähnliches gilt für das Partizip „Lernende“, das, so der Tenor in der Runde, in jedem Fall der unschönen Abkürzung „SuS“ (Schülerinnen und Schüler) vorzuziehen ist, die – wenn überhaupt – nur in der internen Kommunikation unter Lehrenden, keinesfalls aber gegenüber Eltern verwendet werden solle.

Generell erschien die Paarform den meisten zu umständlich, wenngleich sie sich sicherlich nicht immer vermeiden lässt. Man wolle ja auch nicht so sehr „in your face“ gendern, wie es einer der zwei Teilnehmer unter den zahlreichen Teilnehmerinnen ausdrückte. Wie wäre es also z. B. mit neutralen „Nachwuchskräften“ statt „Absolventinnen und Absolventen“? Aber erfasst das wirklich den Sinn? Da Sprache nun einmal lebendig ist, kamen wir immer wieder zu dem Schluss: Entschieden werden muss von Fall zu Fall, doch die hier gewonnenen Anregungen zum Umdenken erschienen definitiv hilfreich.

Das Genderwörterbuch

Professionell, mit Humor und Charme geleitet wurde der Workshop von Johanna Müller. Die Referentin hat sich über Jahre hinweg mit dem Thema Gendering beschäftigt und die vielen kleinen Tipps und Tricks in einem überaus nützlichen Wörterbuch gesammelt, das online verfügbar ist: www.geschicktgendern.de. Allen, die zweifeln und kopfschütteln, sei vor allem das Kapitel „Muss das sein?“ ans Herz gelegt. Dort heißt es unter dem ersten Punkt: „Sprache beeinflusst unser Denken.“ Im Workshop gingen wir noch einen Schritt weiter und kamen zu dem Schluss: „Sprache kann das Denken verändern.“

Die Frage ist nämlich: Stellen wir uns wirklich Frauen und Männer vor, wenn wir von Mitarbeitern, Abteilungsleitern oder Putzfrauen sprechen? Bemerkenswert erschien uns hier auch die Tatsache, dass zwar in der Bezeichnung des Berufsverbandes, in dem ähnlich wie im BDÜ der überwiegende Anteil der Mitglieder weiblich ist, auf das Gendering geachtet wurde (Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren), wir uns aber dennoch dort bei den „Lektorentagen“ befanden. Entspricht das Bild in unserem Kopf tatsächlich der Wirklichkeit? Diese Frage muss auch für die Bezeichnung „Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer“ erlaubt sein: Haben wir hier wirklich vor Augen, dass 79 % der Mitglieder Frauen sind? Über solch grundsätzliche Fragen lässt sich bekanntlich streiten, und selbstverständlich gingen auch unter den Teilnehmenden die Meinungen auseinander – manche Frau hatte kein Problem damit, sich selbst als „Lektor“ bezeichnet zu wissen, andere fanden schon den Gebrauch des allgemeinen Begriffs „man“ sexistisch.

In lockerer Atmosphäre gingen wir in Zweiergruppen dazu über, die verschiedenen Möglichkeiten des Gendering abzuwägen und hefteten die Ergebnisse auf grünen Pro- und roten Contra-Karten an die Tafel. Abschließend ließ sich feststellen: Leider gibt es kein Patentrezept, aber wir hatten viel Spaß und konnten viele wertvolle Anregungen mit nach Hause nehmen!

Die Alternativen

Hier die Ergebnisse unserer Argumentensammlung (herzlichen Dank an den Kollegen Wolfgang Pasternak für die Zusammenstellung):

  • nur weibliche Form: Lehrerinnen
    [+] kürzer im Vergleich zur Nennung beider Formen
    [+] stört den Lesefluss nicht so
    [+] Jetzt sind die Frauen mal dran!
    [+] nicht eindeutig (Zielgruppe)
    [–] sexistisch
    [–] ausgrenzend
    [–] kann sachlich falsch sein
  • Doppelform: Lehrerinnen und Lehrer
    [+] drückt Haltung aus
    [+] entspricht dem Gleichberechtigungs-Gedanken
    [+] grammatisch immer korrekt formulierbar
    [–] macht Sätze sehr lang
    [–] schafft evtl. Ressentiments
    [–] erschwerte Lesbarkeit
    [–] lenkt vom Textinhalt ab
    [–] entspricht evtl. nicht der Alltagserfahrung (Raserin, Vergewaltigerin)
  • Unterstrich: Lehrer_innen
    [+] kürzer als beide Formen zu bringen
    [+] Gender-Gap beinhaltet mehr Möglichkeiten als nur männlich/weiblich
    [–] funktioniert nicht bei flektierten Formen, bestimmten Artikeln (einem_r Paten_innen)
    [–] funktioniert nicht bei Lautänderung im Wortstamm (einem_r Anwalt_in/Anwält_in)
    [–] keine Unterstreichung möglich bzw. unterstrichen nicht mehr sichtbar (»Tipps für Lehrer_innen«)
    [–] weitgehend unbekannt, dass es sich um ein weiteres »Geschlecht« handeln kann
  • neutrale Formen: Studierende
    [+] kreativer Prozess
    [+] prägnant
    [+] alle sind gemeint
    [+] Klischees werden vermieden
    [–] kann sperrig-bemüht klingen
    [–] zeitaufwändig
    [–] entpersonalisierte Begriffe
    [–] z.T. schwierig umzusetzen
  • Binnen-I: LehrerInnen
    [+] lässt an beide Geschlechter denken
    [+] kürzer als beide Formen zu bringen
    [–] z.T. sprachlich-logisch unsauber (SchülerInnen OK: Schüler, Schülerinnen; PatInnen nicht: Pat, Patinnen)
    [–] im Singular teils nicht praktikabel (PatIn, AnwaltIn/AnwältIn)
    [–] wirkt auf manche putzig-überholt (»soooo 80er [wo es die historisch erste Technik war], klingt nach lila Latzhose«)
  • (in), /in, /-in: Pat(inn)en, Mitarbeiter/innen, Mitarbeiter/-innen
    [+] Texte werden nicht zu lang
    [+] DUDEN-konform
    [+] relativ gängig
    [–] Frauen eingeklammert = abgewertet?!
    [–] unleserlich und nicht durchgehend anwendbar
  • Sternchen: Lehrer*innen
    [+] grammatikalische Formen irrelevant
    [+] »alle« sind gemeint (demokratisch)
    [+] elegantere Formulierung
    [–] Aussage wird verwischt
    [–] funktioniert nur im Plural
    [–] Sternchen ist typografisch eigentlich für eine einzelne Fußnote/Anmerkung die Alternative zur Ziffer
  • Abkürzungen: SuS (Schülerinnen und Schüler), TN (TeilnehmerInnen), MA (MitarbeiterInnen)
    [+] schnell
    [+] spart Platz
    [+] z.T. auch sprechbar (Azubi)
    [–] Verständlichkeit
    [–] z.T. nur schriftlich einsetzbar (SuS)
    [–] nur wenige Beispiele gefunden
  • einzig männliche Form (›generisches Maskulinum‹), einmalige Fußnote: à la Frauen sind mitgemeint
    [+] Kürze
    [+] leserfreundlicher
    [–] nur pro forma, in Wirklichkeit respektlos
    [–] Text vermittelt falsches Bild
    [–] auf Seite 1 gelesen, auf Seite 2 vergessen
    [–] wird häufig gar nicht gelesen
    [–] Leserinnen fühlen sich nicht angesprochen
  • abwechselnd m/f: mal Lehrerinnen, mal Lehrer
    [+] gut geeignet für umfangreiche Texte
    [+] grammatikalisch korrekt
    [+] provoziert ggf. Aufmerksamkeit
    [+] lesefreundlich
    [+] demokratische Schreibweise
    [–] nicht geeignet für kürzere Texte
    [–] nicht eindeutig (ob im Einzelfall zufällig-stellvertretend oder konkret-explizit von Mann bzw. Frau die Rede)

Martina Korte, Dipl.-Übersetzerin, ermächtigt vom LG Hannover (Englisch/Französisch → Deutsch)

Gendering von Englisch nach Deutsch

Auch bei der 57. Jahrestagung der American Translators Association (ATA) gab es einen Workshop zum Gendering, kompetent und unterhaltsam geleitet von Silvia Fosslien und Margot Lück-Zastoupil. Bei der überwiegend von Frauen besuchten Veranstaltung wurde mehrfach herzhaft gelacht, wenn einer der wenigen männlichen Kollegen wieder einmal eine rein männliche Variante vorschlug, ohne dies selbst zu merken – sehr erhellend für alle Beteiligten.

Die beiden Vortragenden stellten ähnliche Ansätze vor wie für die Lektorentage beschrieben (die man problemlos auch Lektoratstage nennen könnte …), aber daneben gab es noch Ideen zum Umgang mit geschlechtergerechter Sprache beim Übersetzen vom Englischen ins Deutsche, die wir Ihnen nicht vorenthalten möchten. Die Workshop-Folien mit vielen schönen weiteren Beispielen stehen auch als PDF-Datei zur Verfügung.


Pluralbildung: Oft im Deutschen sowieso idiomatischer.

It requires courage from your superior to admit mistakes. → Vorgesetzte müssen den Mut aufbringen, Fehler einzugestehen.


Institutions- und Kollektivbezeichnungen: Auch diese sind im Deutschen gebräuchlicher.

For more information, please contact the department secretary. → Weitere Informationen erhalten Sie auf Anfrage vom Sekretariat der Abteilung.


Pronomen wie „Wer…“, „Alle…“: Dabei aufpassen, dass in einer Wer-Formulierung nicht mit dem Relativpronomen „der“ angeschlossen wird!

Every PhD candidate is eligible for participation in training seminars. → Wer promoviert, kann an Fortbildungen teilnehmen.
I would like to create a work environment where everybody can share and discuss their ideas openly. → Ich möchte für ein Arbeitsumfeld sorgen, in dem alle ihre Ideen vorbringen und offen diskutieren können.


Geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen

The team includes doctors, nurses and other health care professionals. → Zum Team gehören ärztliche, pflegerische und andere medizinische Fachkräfte.


Umwandlung der Substantivform in Adjektiv- oder Verbform: Damit lässt sich ein Nomen-Übergewicht durch Institutions- und Kollektivbezeichnungen ausgleichen.

On the advice of experts… → Auf fachkundigen Rat hin …


Umwandlung der Aktivform in Passiv-/Infinitivform: Widerspricht dem häufigen Rat zum Aktiv, ist aber in vielen Bereichen im Deutschen ebenfalls idiomatischer und meistens kürzer.

Visitors to the park must follow the warning signs. → Die Warnschilder im Park sind zu beachten.


Direkte Anrede

Users can reset their passwords. → Sie können Ihr Passwort zurücksetzen.


Umfassende Umformulierung: Das machen wir alle doch sowieso am liebsten, nicht wahr?

Around 51% of all Australians are female. → Der weibliche Bevölkerungsanteil Australiens liegt bei etwa 51 %.


Dr. Ulrike Walter-Lipow, Fachübersetzerin Medizin/Biowissenschaften (Englisch↔Deutsch)

Dieser Artikel erschien im Januar 2017 in TransRelations Nr. 3/2016 (Mitgliederzeitschrift des BDÜ Landesverbands Nord) .