Eine neue Norm soll Standards für diese Art des Dolmetschens setzen

Viele von Ihnen werden den Film „Wüstenblume“ über den Lebensweg des somalischen Models Waris Dirie gesehen haben. Und sicherlich erinnern Sie sich auch noch an die Szene im Krankenhaus, in der Waris, des Englischen nicht mächtig, auf die Dolmetschertätigkeit des somalischen Pflegers angewiesen ist, um die Diagnose des Arztes verstehen zu können. Der Arzt erklärt Waris, woher ihre Schmerzen kommen und was er unternehmen kann, um ihre Situation so weit wie möglich zu normalisieren. Da sie ihn nicht versteht, bittet der Arzt den somalischen Pfleger zu dolmetschen. Der spricht aber nicht als neutraler Dolmetscher und auch nicht als Pfleger, sondern als ein den Traditionen verhafteter Mann, der nicht die ärztlichen Erklärungen dolmetscht, sondern vehement seine eigene Meinung zu unbeschnittenen Frauen kundtut, sie als nicht ehrbar beschimpft und Waris vorwirft, ihre Heimat und deren Traditionen zu verraten, wenn sie sich operieren lässt. Zurück bleibt eine aufgelöste, verunsicherte und körperlich nach wie vor beeinträchtigte Waris.

Diese Situation steht stellvertretend für unzählige andere, in der Menschen die Hilfe eines Dolmetschers benötigen, der Dolmetscher ihnen aber nicht liefern kann, was sie brauchen. Diejenigen Menschen, die in solchen Situationen oftmals zum Dolmetschen herangezogen werden, sind zwar häufig zweisprachig, aber ihrer Aufgabe nicht gewachsen. Die Gründe dafür sind vielfältig, u. a.:

  • Sie sind selten ausgebildete Dolmetscher, die sich sicher in den verschiedenen Dolmetscharten Simultan-, Konsekutiv- und Verhandlungsdolmetschen bewegen können und die dafür notwendigen Techniken beherrschen.
  • Es fehlt die sprachliche Kompetenz, weil das Fachgebiet oder der Dialekt des zu Dolmetschenden unbekannt oder die Ausdrucksmöglichkeiten des Dolmetschers beschränkt sind.
  • Es fehlt die Sachgebietskompetenz, wie z. B. sichere Kenntnisse in Medizin oder Jura.
  • Es fehlt die kulturelle Kompetenz, die kulturelle Besonderheiten beachtet und damit richtig umzugehen weiß.
  • Es fehlen die kommunikativen und interpersonellen Kompetenzen, die dem Dolmetscher helfen, in schwierigen Situationen zurecht zu kommen.

Allerdings wissen auch diejenigen, die als Institution oder Behörde einen Dolmetscher beauftragen, oftmals nicht, welche Kompetenzen für das Dolmetschen notwendig sind und welche Rolle der Dolmetscher überhaupt einnimmt. Ebenso wenig werden die rechtlichen und/oder finanziellen Folgen aus einem Dolmetscheinsatz bedacht, die sich z. B. durch einen Schadensfall ergeben können. Meistens beschränken sich die finanziellen Überlegungen auf die durch den Dolmetscher entstehenden Kosten.

So gehen immer mehr Städte und kirchliche Einrichtungen dazu über, einen Freiwilligendienst zu organisieren, der für Migranten, Flüchtlinge und andere Menschen, die vor sprachlichen Barrieren stehen, ehrenamtlich dolmetscht. Das Aufgabengebiet reicht u. a. von Asylverfahren über Dolmetschen bei Behörden wie Ausländeramt, Polizei oder städtischen Ämtern bis hin zu medizinischen Angelegenheiten. All diesen Situationen gemeinsam ist, dass sie spezielle Fachkenntnisse erfordern und meistens rechtliche und/ oder finanzielle Auswirkungen haben, die im Vorfeld jedoch nicht bedacht wurden. Sollte durch falsche Übertragung ein Schadensfall eintreten, stellt sich die Frage, wer haftbar ist: der Auftraggeber, der in Unkenntnis der Tragweite seines Auftrags eine Dolmetschsituation herbeigeführt hat, oder gar der Dolmetscher, der ehrenamtlich tätig geworden ist, vom Auftraggeber in keiner Weise auf seine Aufgaben vorbereitet wurde und ebenfalls in Unkenntnis der rechtlichen Grundlagen seiner Tätigkeit gedolmetscht hat?

Um diese Situationen zu entschärfen, haben sich auf ISO-Ebene Länder aus allen Erdteilen zusammengetan, um einen Standard zu entwickeln, der als Richtlinie für das Dolmetschen im Gemeinwesen dienen soll. Zunächst war die Frage zu klären, wann ein Dolmetscher ein professionell arbeitender Dolmetscher ist. Bei der entsprechenden Definition hat man eine Hierarchie festgelegt, die bestimmt, dass ein professioneller Dolmetscher entweder eine entsprechende Ausbildung hat oder in Sprachen, für die eine solche Ausbildung nicht existiert, über eine Berufserfahrung von mindestens fünf Jahren verfügt. Gleichzeitig werden die Dolmetschdienstleister darauf verpflichtet, sich entsprechende Nachweise von den Dolmetschern vorlegen zu lassen. Der Normentwurf enthält zudem eine Definition der Kompetenzen, die ein Dolmetscher für die Erbringung einer professionellen Dienstleistung mitbringen muss, sowie Empfehlungen für Auftraggeber und Endnutzer von Dolmetschdienstleistungen.

Ziel dieser Norm ist es, mit der Beschreibung der Anforderungen an einen professionellen Dolmetscher und an den Auftraggeber die Institutionen von Städten, Behörden, Krankenhäusern und Kirchen für die Tragweite der Dolmetschtätigkeit zu sensibilisieren und die Voraussetzungen für eine Professionalisierung des Dolmetschens im Gemeinwesen zu schaffen. Von einer solchen Professionalisierung profitieren letztendlich alle Parteien.

Da die Tätigkeit des Dolmetschens in so vielen verschiedenen Umgebungen stattfindet und verschiedene Techniken verlangt, wird zusätzlich an einer Art Dachnorm gearbeitet, die informativen Charakter zum Dolmetschen hat und das Dolmetschen gegenüber dem Übersetzen abgrenzt. Die Norm zum Dolmetschen im Gemeinwesen soll eine von mehreren Unternormen ergänzend zur Dachnorm werden, die sich außerdem mit Dolmetschen in der Medizin, Dolmetschen vor Polizei und Gericht und dem Konferenzdolmetschen befassen werden. Diese sollen zur Klärung der Rahmenbedingungen für einen professionell ablaufenden Dolmetscheinsatz beitragen.

Isabel Schwagereit

Dieser Artikel erschien im FORUM 2/2013.