Gebärdensprachdolmetschen – Was ist das?






Das Gebärdensprachdolmetschen ist in Deutschland eine noch sehr junge Profession.

Erst mit Inkrafttreten des Behindertengleichstellungsgesetzes (§ 6 BGG) und der Anerkennung der Gebärdensprache als vollwertige Sprache im Jahre 2002 ist der Anspruch auf Gebärdensprachdolmetscher gesetzlich geregelt. Das gilt besonders für das Dolmetschen bei Behörden, Polizei, Gericht und im Arbeitsleben. Aber auch im medizinischen Bereich oder in der beruflichen Aus-/Weiterbildung war damit die Finanzierung gesichert.

Denn aufgrund der zuvor fehlenden Anerkennung der Gebärdensprache als eigenständige Sprache, gab es auch keine rechtliche Grundlage für die Übernahme dieser Kosten. Deshalb haben noch bis spät in die 1980er Jahre Kinder gehörloser Eltern oder Personen aus dem Hörgeschädigtenbereich, wie zum Beispiel Sozialarbeiter oder Seelsorger, die Aufgabe als Vermittler übernommen. Die Verdolmetschung war deshalb oft nicht neutral und hatte eher einen beratenden oder fürsorglichen Charakter. Der Gehörlose war nicht der selbst Handelnde, sondern es wurde für ihn gehandelt. Dies führte dazu, dass sie sich dadurch in vielen Situationen bevormundet und übergangen fühlten.

Asta Limbach bei der Arbeit in Schloss Bellevue

Asta Limbach bei der Arbeit in Schloss Bellevue

Mit Beginn der Erforschung der Deutschen Gebärdensprache an der Universität Hamburg in den 1980er veränderte sich auch das Selbstbild der Gehörlosen. Man sah sich nun als Mitglied der Gebärdensprachgemeinschaft mit einer eigenen, vollwertigen Sprache und eigener Kultur an. In diesem Selbstverständnis veränderte sich auch das Selbstbewusstsein der Gehörlosen. Man forderte nun auf politischer Ebene das Recht auf Nutzung der Gebärdensprache und auf Dolmetscher. Im Zuge dessen wurde auch der Ruf nach qualifizierten Dolmetschern immer lauter. Dem wurde in den 1990er in Hamburg mit der ersten nebenberuflichen Kurzausbildung für Gebärdensprachdolmetscher Rechnung getragen. Die einzelnen Landesverbände für Gehörlose nahmen Dolmetschprüfungen ab und stellten Dolmetschausweise aus. Das alles wirkte sich wiederum auf das Selbstverständnis der Gebärdensprachdolmetscher aus. Man fing an, sich über die Dolmetschrolle Gedanken zu machen und entwickelte sich weg vom Helfer und Fürsorger und verstand sich wie andere Fremdsprachendolmetscher auch als neutrale Sprachmittler zwischen Menschen, die zwei unterschiedliche Sprachen sprechen und Kulturen inne haben. Es entstand eine Berufs- und Ehrenordnung.

Joanna Romagnoli beim Kindermusikfestival Köln

Joanna Romagnoli beim Kindermusikfestival Köln

Im Zuge dieser Professionalisierung ist seit Ende 2006 ein qualifizierender Abschluss als Gebärdensprachdolmetscher in vielen Bereichen von nun an erforderlich. Dies führte dazu, dass sich viele bereits langjährig tätige Dolmetscher nachqualifizieren mussten. Mit der UN-Behindertenrechtskonvention, die seit 2009 auch in Deutschland gilt, soll die gesellschaftliche Teilhabe und Inklusion für Menschen mit Behinderungen sichergestellt werden. Damit rückt die Gebärdensprache immer mehr in die Mitte unserer Gesellschaft und es wird häufiger an Gebärdensprachdolmetscher für öffentliche Veranstaltungen gedacht, um die Teilhabe der Gehörlosen am kulturellen, politischen und sozialen Leben zu ermöglichen.

Deutsche Gebärdensprache

In Deutschland leben ca. 80.000 Gehörlose. Die Gebärdensprachgemeinschaft wird jedoch auf etwa 200.000 geschätzt. Diese umschließt allerdings auch hörende Gebärdensprachnutzer.

Im Jahre 2002 Ist die Deutsche Gebärdensprache (kurz DGS) als vollwertige, eigenständige Sprache anerkannt worden. Sie hat ein umfassendes Vokabular, eine eigene Grammatik und unterscheidet sich grundlegend von der deutschen Lautsprache. Zum Beispiel stehen adverbiale Bestimmungen der Zeit am Satzanfang. Oder werden Verben sowohl nach dem Subjekt als auch am Satzende gebärdet.

Mit der Deutschen Gebärdensprache kann man alles ausdrücken was man will,- auch sehr abstrakte, schwierige Sachverhalte. Mit dem Fingeralphabet bildet man anhand unterschiedlicher Handformen die Buchstaben des Alphabets ab. Es wird benutzt, um Wörter der Lautsprache zu buchstabieren, zum Beispiel als Hilfsmittel zum Buchstabieren von Eigennamen, Fremdwörtern und unbekannten Begriffen.

Die DGS ist, wie auch andere Gebärdensprachen, eine visuell-manuelle Sprache und besteht neben Mimik und Körperhaltung, vor allem aus Gebärden, um Gedanken oder Sachverhalte auszudrücken. Die Gebärden unterscheiden sich voneinander durch ihre Handform, Handstellung, Ausführungsstelle und Bewegung. Der größte Unterschied zu den Lautsprachen ist, dass Gebärdensprachen dreidimensional sind und von daher räumlich ablaufen. Personen und Orte können in einem Gespräch sozusagen im Gebärdenraum verortet werden, so dass sich je nach Ausführung oder Bewegungsrichtung der Gebärden zwischen diesen „Raumpunkten“ die Bedeutung des Inhaltes und grammatikalische Informationen des Satzes verändern.

Gebärdensprachen sind genau wie auch Lautsprachen natürlich entstandene Sprachen. Darum hat auch jedes Land seine eigene Gebärdensprache, in der sich auch regionale Dialekte entwickelt haben. In Deutschland gebärdet man in Bayern ganz anders als in Hamburg, im Rheinland anders als in Berlin. Dabei unterscheiden dich jedoch nur einzelne Gebärdenzeichen. Die Grammatik hat keine dialektalen Varianten, so dass man sich problemlos verständigen kann.

Auf internationaler Ebene, zum Beispiel auf Fachtagungen oder wenn Gehörlose aus unterschiedlichen Ländern aufeinander treffen, klappt die Verständigung untereinander trotzdem gut. Sie verwenden „International Sign Language“. Hierbei handelt es sich nicht um ein einheitliches System, wie bei „Gestuno“, dem gebärdensprachlichen Pendant zur internationalen Lautsprache „Esperanto“. Die Kommunikation von „International Sign Language“ beruht zum größten Teil auf Wiederholungen, der Übernahme von Landesgebärden und dem Umschreiben von Sachverhalten. Die Kommunikation klappt daher zwar, aber dauert entsprechend länger.

Joanna Romagnoli