Deutsche Sprachmittlerverbände bündeln Kräfte für effizientere Lobbyarbeit

Nachdem der Kampf um bessere JVEG-Vergütungssätze für unsere Berufsgruppe trotz aller Abstriche für einen Großteil der Kollegen und Kolleginnen doch ein insgesamt positives Ergebnis gebracht hatte, trafen sich am 29.06.2013 in Esslingen die deutschen Berufsverbände ADÜ NORD, ATICOM, VBDÜ, VÜD und VVU, um ihre bisherige Arbeit im sog. Berliner Kreis einer detaillierten Überprüfung hinsichtlich der Effizienz zu unterziehen, aber auch Fehleranalyse zu betreiben und zukunftsweisende Entscheidungen zu treffen.

Trotz mehrfacher Einladungen erschien als einziger Verband des Berliner Kreises der BDÜ nicht in Esslingen. Die Aufforderung, der BDÜ möge sich eindeutig dazu äußern, ob er wieder zur gemeinsamen, im Interesse aller Berufskolleginnen und -kollegen geführten und insbesondere bundesweit und über alle Verbandsgrenzen hinweg abgestimmten Lobbyarbeit aller deutschen Berufsverbände zurückkehren wolle, verhallte ungehört. Der BDÜ hüllte sich in Schweigen, das bis heute anhält.

Die anderen Teilnehmer des Berliner Kreises waren sich jedoch einig, dass das Interesse des gesamten Berufsstandes über jedweder partikulärer Verbandspolitik zu stehen hat und dass es zur Fortsetzung der Zusammenarbeit aller Berufsverbände keine Alternative gibt. Denn gerade die Erfahrungen während der JVEG-Novellierung zeigten deutlich, dass nur die gemeinsamen und abgestimmten Aktionen über alle Verbandsgrenzen hinweg letztendlich zum Erfolg geführt haben.

Folglich sah die Tagesordnung in Esslingen vor allen Dingen vor, zunächst die eigenen, also hausgemachten Fehler herauszuarbeiten. Das bedeutete, dass in Esslingen offen darüber gesprochen wurde, welche Fehlentwicklungen seitens der Verbände im einzelnen, aber auch bei uns allen, d. h. den Berufskollegen und –kolleginnen, unabhängig davon, ob sie in einem Verband organisiert oder verbandslos sind, während des fast drei Jahre währenden Prozesses der JVEG-Novellierung auftraten.

Es galt, die Ursachen dafür festzustellen und schließlich Erkenntnisse zu  gewinnen, welche Konsequenzen für eine künftige, effizientere Lobbyarbeit für uns alle zu ziehen sind, damit sich Fehler aus der Vergangenheit in der Kommunikation und der äußeren Darstellung des Berufsstandes künftig nicht mehr wiederholen.

In einem offenen, sehr kritischen, aber doch stets und zu jeder Zeit kollegial und im gegenseitigen Respekt geführten Meinungsaustausch wurde man sich bei diesem Treffen seitens aller Verbände sehr schnell einig, dass wir in allen Bundesländern mit den gleichen Schwierigkeiten und Problemen mit unseren Auftraggebern konfrontiert sind und die gleichen Missstände vorherrschen.

Ebenso erkannten die anwesenden Teilnehmer des Berliner Kreises sehr schnell, dass einer unserer größten Fehler in der Lobbyarbeit bisher war, dass wir uns nicht rechtzeitig und gegenseitig informiert und die Aktionen untereinander abgesprochen hatten. Die aus Eigeninteresse motivierten Alleingänge eines einzelnen Verbandes in der Vergangenheit, der aus der gemeinsam beschlossenen Linie des Berliner Kreises ausscherte, waren eindeutig für den gesamten Berufsstand kontraproduktiv und verbauten letztendlich die Möglichkeit, optimale Verbesserungen für alle Berufskollegen zu bewirken.

Als weiteres gravierendes Problem wurden auch das teilweise fehlende Selbstbewusstsein und die eklatant offen zu Tage tretende Mindereinschätzung der eigenen Zunft bezüglich ihrer doch wesentlichen und somit bedeutenden Rolle für die Sicherstellung der Kommunikation im Justizbereich erkannt. Zahlreiche Kollegen und Kolleginnen haben in der Vergangenheit, aus welchen Gründen auch immer, nicht den vollen JVEG-Vergütungsrahmen ausgeschöpft und weit unterhalb der ihnen nach dem Gesetz tatsächlich zustehenden Vergütungssätze gearbeitet.

Diese selbst auferlegte „Bescheidenheit“ hat jedoch während des Novellierungs- Prozesses dazu geführt, dass die politischen Entscheidungsträger in den diversen Ministerien, Parlamenten und Gremien bei unseren Forderungen nach höheren Vergütungssätzen den Berufsverbänden vorhielten, dass wir doch gar keine höheren Sätze bräuchten, denn schließlich sei es doch erwiesen, dass die eigenen Kollegen und Kolleginnen jahrelang nur stets den Mindestvergütungssatz in Rechnung stellten. Da auch keine Beschwerden oder auf breiter Front vorgebrachte Forderungen nach höheren Vergütungssätzen aus dem Kollegenkreis vorlägen, behaupteten die Entscheidungsträger, dass unsere Zunft wohl mit dem, was bisher finanziell nach dem alten JVEG möglich war, zufrieden und somit die (leichte) Steigerung des Mindestsatzes im Regierungsgesetzentwurf für uns doch als großer Fortschritt zu werten sei. Zudem, so die Auffassung der Entscheidungsträger, seien die beiden bisherigen höheren Vergütungssätze, der 1,85 €-Satz und der Höchstsatz von 4,- €, für unsere Zunft wohl nicht relevant, denn auch bisher seien sie – wenn überhaupt – nur selten von Kollegen und Kolleginnen beantragt worden.

Der Berliner Kreis stellte in Esslingen fest, dass künftig nicht nur gegen diese oben beschriebene verzerrte Wahrnehmung der Entscheidungsträger vorzugehen, sondern auch in den eigenen Reihen dringend dafür zu sorgen sei, dass die falsche Bescheidenheit abgelegt wird und wir künftig den uns gesetzlich zustehenden JVEG-Vergütungsrahmen von Beginn an voll ausschöpfen, wenn sich die finanzielle Lage der Kollegen verbessern soll.

Ein weiteres, die derzeitige finanzielle Lage unseres Berufsstandes weiter verschärfendes Phänomen wurde ebenfalls offen diskutiert: die Unterwanderung und somit Kürzung der seit Jahren bestehenden Honorarsätze durch den Abschluss von Rahmenverträgen gemäß § 14 JVEG. Hier herrscht dringender Handlungsbedarf, so dass beschlossen wurde, dass die Verbände künftig den Schwerpunkt auf die Bekämpfung gerade dieses Phänomens legen wollen.

Missbräuche sowohl seitens der Auftraggeber als auch innerhalb der eigenen Reihen, die es bedauerlicherweise auch gibt, und letztendlich die Rolle der Agenturen, die nicht nur mit Dumpingpreisen arbeiten, sondern auch mit zum Teil juristisch sehr fragwürdigen, zumindest jedoch immer aggressiveren Methoden die Einzelübersetzer und -dolmetscher vom Markt zu verdrängen versuchen, wurden in Esslingen ebenfalls offen diskutiert.

Die Teilnehmer des Berliner Kreises beschlossen, dass effiziente, abgestimmte Lobbyarbeit der diversen Berufsverbände, und vor allen Dingen die nach außen wirkende Darstellung und Kommunikation, heute mehr denn je wichtig und dringend geboten sind. Es muss und soll das Bild nach außen vermittelt werden, dass die Dolmetscher und Übersetzer in ihrer Interessensvertretung eine geschlossene Einheit bilden.

Um eine klare Zäsur gegenüber den nicht immer hilfreichen und in wesentlichen Bereichen sogar kontraproduktiven Einzelaktionen einiger Berufsverbandsvertreter in der Vergangenheit zu setzen, wurde als erster Schritt in Esslingen beschlossen, den Berliner Kreis in die eindeutigere Bezeichnung Bundesforum Justizdolmetscher und – übersetzer (Kurzform: BFJ) zu überführen.

Mit dem neuen Namen soll auch gegenüber den Auftraggebern und politischen Entscheidungsträgern, d. h. nach außen, dokumentiert werden, dass das BFJ die Interessen aller im juristischen Bereich tätigen Berufskollegen und -kolleginnen vertritt und stets mit „einer Stimme“ die abgestimmte und geschlossene Haltung der gesamten Zunft bundesweit und darüberhinaus kommuniziert. Das BFJ ist somit nicht nur der Interessensvertreter der in diversen Verbänden organisierten bzw. der verbandlosen Kollegen und Kolleginnen, sondern auch bundesweit der zu Fragen dieses Berufsbereiches fachkompetente Ansprechpartner für alle Bedarfsträger von Dolmetschern und Übersetzern.

Organisatorisch ist das BFJ der Zusammenschluss der juristisch weiterhin autarken Verbände ADÜ Nord, ATICOM, VbDÜ, VÜD und VVU. Die Einzelverbände sind im BFJ grundsätzlich alle gleichberechtigt, unabhängig von der Zahl ihrer Mitglieder, und tragen zum gemeinsamen Gelingen der abgesprochenen Aktionen sowohl finanziell als auch personell nach ihren jeweiligen Möglichkeiten bei.

Das oberste Gebot des BFJ sind das Wohl und die Interessensvertretung nicht des jeweiligen einzelnen Verbandsmitgliedes, sondern des gesamten Berufsstandes.

Das BFJ stimmt sich fortlaufend, auf elektronischem Wege, über alle Belange und beschlossenen Aktionen ab. Darüber hinaus trifft es sich zweimal jährlich bei einem der Mitgliedsverbände. Bei diesen jeweiligen Treffen werden neue Aktionen geplant, weitere Maßnahmen besprochen und beschlossen. Der gastgebende Verband stellt jeweils den ersten Vorsitzenden, der zugleich gegenüber den Auftraggebern, Behörden, Bedarfsträgern, kurzum in der Außenwirkung, als Sprecher und Ansprechpartner für das BFJ fungiert. Der Gastgeber des nächsten Treffens stellt den Zweiten Vorsitzenden und bereitet sich somit für seinen Vorsitzzeitraum vor. Dadurch soll Kontinuität gesichert werden.

In Esslingen wurde beschlossen, dass gerade in der Einführungsphase des neuen JVEG sehr intensiv Informationen nicht nur den Mitgliedern zur korrekten und vollumfänglichen Umsetzung der neuen JVEG-Vergütungssätze mitgeteilt werden, sondern auch intensive Aufklärungsarbeit und begleitende Unterstützung gegenüber den Auftraggebern und für die Bedarfsträger erfolgen werden.

Die erste gemeinsame Aktion in dieser Richtung ist bereits durch das Anschreiben an die einzelnen Gerichte erfolgt, in denen auf die neuen JVEGRegelungen hingewiesen wurde. Darüber hinaus plant das BFJ juristische Schritte, um gegen das Preisdumping durch die § 14-Rahmenverträge vorzugehen.

Auch eine Intensivierung der PR durch Pressearbeit, die in professionelle Hände ausgelagert wird, ist bereits eingeleitet worden. Die Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit im Bereich der §D/§Ü und Gesetzesvorlagen soll nach Möglichkeit in allen Bundesländern vereinheitlicht werden, um ein gemeinsames Auftreten mit allen Rechten und Pflichten zu fördern, zu intensivieren und letztendlich zu ermöglichen.

Da sich das BFJ als Sprachrohr aller Einzeldolmetscher und -übersetzer versteht, in deren Interesse es handelt, ergeht hiermit auch eine Aufforderung an alle Berufskollegen in den jeweiligen Verbänden, aber auch an die Verbandslosen, sich durch Feedback, Vorschläge und Mitarbeit einzubringen, kurzum des BFJ die benötigte Zuarbeit der Basis vor Ort zu gewähren.

Das Motto lautet: Unterstützen Sie uns! Machen Sie mit, denn es geht um jeden Einzelnen von uns und um unsere gesetzlich verankerten Honorare. Nur gemeinsam sind wir stark genug, gegen die Missstände anzugehen und sie letztendlich abzustellen.

Das nächste BFJ-Treffen findet im Herbst in Berlin statt; Gastgeber ist dann der VÜD.

Bei diesem Treffen sollen schon die ersten Ergebnisse der Aktionen, die in der neuen Zusammenarbeit von den im BFJ zusammengeschlossenen Verbänden unternommen wurden, erörtert, eventuelle Feinkorrekturen und weitere Maßnahmen besprochen und beschlossen werden.

Aktuelle Berichte und Nachrichten über BFJ, JVEG und andere Themen für vereidigte Ü/D finden Sie bei ATICOM in der Kategorie „Justiz und Recht“.

Dragoslava Gradinvić-Savić (Stellvertretende Vorsitzende von ATICOM e.V., Ressortleitung §D/§Ü)

Dieser Artikel erschien im FORUM 2/2013.