Aufgrund eines aktuellen Falls möchte ATICOM dringend vor der Praxis warnen, blanko unterschriebene Übersetzungsbescheinigungen für Kollegen oder Übersetzungsmakler auszustellen. Dies hat bei Missbrauch nicht nur strafrechtliche, sondern auch zivilrechtliche Folgen und kann bis zum Verlust der Ermächtigung führen.

In dem vorliegenden Fall hat ein ermächtigter Übersetzerkollege, auf Wunsch des ihn beauftragenden Übersetzungsmaklers, blanko unterschriebene, mit seinem Rundstempel versehene Übersetzungsbescheinigungen ausgestellt und dem Makler auf „Vorrat“ zugestellt.

Der Makler und der an einem anderen Ort wohnende Übersetzer vereinbarten, dass der Übersetzer Übersetzungsvorlagen per Mail erhält, die Übersetzung dann wiederum per Mail an den Makler zurücksendet. Der Makler sollte diese Übersetzungen ausdrucken, dann die blanko unterschriebenen, mit dem Rundstempel des Übersetzers versehenen Übersetzungsbescheinigungen aus dem „Vorrat“ an die Übersetzung anheften. Nach außen sah es so aus, als ob der Übersetzer die Bescheinigung der Übersetzung persönlich vorgenommen hatte. Das Ganze sollte nur der Beschleunigung dienen und bei Eil- oder gar Sofortaufträgen seitens der Kunden dem Makler den Zeitverlust durch die Postzustellung sparen.

Eine Zeitlang wurde dieses, nach den Bestimmungen des Dolmetscher- und Übersetzergesetzes nicht zulässige Prozedere, ohne Folgen praktiziert. Eines Tages hat jedoch der Übersetzungsmakler Blankobescheinigungen des Kollegen aus dem „Vorrat“ nicht, wie vereinbart, an die durch den Kollegen angefertigten Übersetzungen, sondern an eine für den Makler kostengünstigere, durch einen unqualifizierten Laienübersetzer angefertigte „Übersetzung“ angeheftet.

Diese so hergestellte „beglaubigte“ Übersetzung wurde einem Amt vorgelegt, das im Laufe des amtlichen Prüfverfahrens feststellte, dass die Über-
setzung erhebliche Falschübersetzungen enthielt. Das Amt stellte Strafanzeige u. a. wegen Urkundenfälschung sowohl gegen den Kunden des Maklers, als auch gegen das Übersetzungsbüro. Im Gerichtsverfahren behauptete der Makler zu seinem eigenem Schutz, die Übersetzung sei doch von einem ermächtigten Kollegen angefertigt worden, dem er vertraute und der auch die Richtigkeit und Vollständigkeit mit seiner Unterschrift und dem Rundstempel bescheinigt habe. Daher sei er, als lediglich Vermittelnder zwischen dem Kunden und Übersetzer, nicht für die Fehler und Falschübersetzungen in der Übersetzung verantwortlich.

Gegen den ermächtigten Kollegen wurde ebenfalls ermittelt und ihm letztendlich wegen Beihilfe zu einer Straftat die Ermächtigung entzogen. Der ermächtigte Kollege konnte nicht nachweisen, dass nicht er diese falsche Übersetzung erstellt, sondern dass der Makler durch Anheften seiner Blankobescheinigung an eine von einem Dritten erstellte Übersetzung, ohne sein Wissen, Missbrauch getrieben hat.

Das Gericht hielt dem Kollegen vor, dass die Ermächtigung ausschließlich an die persönliche Vornahme der Bescheinigung einer Übersetzung durch den Ermächtigten gebunden ist und dass dieser, mit seinem „Wissen und Wollen als Berechtigter“, zumindest billigend in Kauf genommen habe, dass erst durch seine Überlassung von Blankobescheinigungen dieser Missbrauch überhaupt ermöglicht werden konnte. Des Weiteren hieß es, dass Fragen der zivilrechtlichen Wirksamkeit von Vertretergeschäften, unter dem Gesichtspunkt strafrechtlicher Echtheitserwägungen zum Urkundenbegriff, unzulässig vermengt worden seien. Denn die Außendarstellung durch die von einem Ermächtigten vorgenommene Bescheinigung der Richtigkeit und Vollständigkeit einer Übersetzung hat erhebliche praktische Relevanz im Rechtsverkehr. Es sei also nicht nur beim strafrechtlichen Urkundenbegriff, sondern auch für die zivilrechtliche Einordnung keineswegs gleichgültig, wer die Bescheinigung unter einer Übersetzung vornimmt und/oder wessen Stempel darunter steht.

Daher möchten wir dringend vor diesen Praktiken der auf Vorrat ausgestellten Blankobescheinigungen warnen. Jeder Kollege/jede Kollegin sollte sich darüber bewusst sein, dass er/sie sich damit nicht unerheblichen Haftungsrisiken aussetzt, denn im Falle eines Missbrauchs, sei es
z. B. auch nur durch den Mitarbeiter eines Übersetzungsmaklers, wird man nicht beweisen können, dass man von diesem Missbrauch nichts gewusst hat. Letztendlich droht der Entzug der Ermächtigung und somit ggf. die Gefährdung der beruflichen Existenz.

Dragoslava Gradinčević-Savić
Stellvertretende Vorsitzende ATICOM e.V.
Ressortleiterin §D/§Ü