Mária Mlynarčíková ist Dolmetscherin und Übersetzerin (EN, DE, S) in Bratislava, Slowakei, und Vorsitzende der SAPT (Slowakische Assoziation der Übersetzer und Dolmetscher)

1. Kannst Du etwas über Dich erzählen – dein Lebensweg ist kein gewöhnlicher. Du bist noch in der Zeit vor der Wende aufgewachsen, hast dein Diplom in Berlin bekommen. Wie kam es dazu?

Vor der Wende war mein Vater in einer staatlichen Außenhandelsgesellschaft tätig und diese entsandte ihn 1986 in die DDR. Ich war damals knapp 14 Jahre alt und bin also mit meinen Eltern umgesiedelt. Zuerst besuchte ich die POS, dann die EOS, habe dort 1990 mein „Not-Abitur“ gemacht, wie wir es damals nannten, weil sich in unserem letzten Schuljahr so einiges in den Fächern Geschichte oder Staatsbürgerkunde geändert hat, und kam dann an die Humboldt Universität, wo ich die Studiengänge Englisch und Französisch als Sprachmittler angefangen (mit Deutsch als A-Sprache) und 1995 mein Studium mit einem Dolmetscherdiplom abgeschlossen habe.

2. Jede/r von uns Sprachmittlern hat ihre/seine eigene Motivation, warum sie/er mit Sprachen arbeitet. Warum hast du dich den „Wortspielen“ verschrieben?

Mit etwa 15, 16, habe ich ein Buch über Michelangelo gelesen. Danach wollte ich unbedingt all die Orte besuchen, an denen er tätig war – zum Beispiel die Sixtinische Kapelle oder Florenz. Reisen war damals natürlich nicht möglich, also überlegte ich mir, ich würde das Dolmetschen studieren, um Reiseleiterin zu werden, und somit die Welt sehen können.

Natürlich habe ich dann an der Uni nicht schlecht gestaunt, als ich bemerkt habe, worauf ich mich da eingelassen habe. Aber es hat mir immer großen Spaß gemacht, Neues zu lernen und zu erfahren, neue Welten zu entdecken. Dafür ist der Beruf perfekt. Jetzt nach 20 Jahren, wo ich mich nicht mehr um den „Rohbau“ kümmern muss, macht es mir Spaß, mich um die „Deko“ zu kümmern – ich habe jahrelang beim Dolmetschen Wörter gesammelt, mit denen man in der Kabine beim Simultandolmetschen schon kämpft, weil die jeweilige Entsprechung in der anderen Sprache zum Beispiel viel zu lang ist oder es sie gar nicht gibt. Daraus ist dann mein Blog entstanden.

3. Du arbeitest mit Englisch, Deutsch und Schwedisch, bzw. mit zwei „großen“ und einer „kleinen“ Sprache. Ich selbst lebe und arbeite in Deutschland, übersetze und dolmetsche in und aus dem Slowakischen und Tschechischen, die in Deutschland als kleine Sprachen gelten. In unseren Kreisen kommt immer wieder das Thema der Spezialisierung zur Diskussion. Bei einer solchen Diskussion habe ich von einer erfahrenen Kollegin die Antwort bekommen: „Deine Sprachen sind bereits deine Spezialisation!“ Wie ist deine Meinung hierzu, wobei du auch die Vergleichsmöglichkeit hast?

Ja und nein. Ich kann mich natürlich nicht so eng spezialisieren wie jemand, der mit einem „großen“ Sprachenpaar wie Englisch-Deutsch arbeitet, da ich einfach, wenn ich mich nur auf, sagen wir, „Schmetterlingszucht“ spezialisieren würde, vielleicht einmal alle Jahre wieder was zu tun hätte. Ein kluger Kollege hat mal auf eine ähnliche Frage geantwortet, dass man, wenn man sich nicht genau spezialisieren kann, zumindest wissen sollte, welche Fachgebiete man absolut meiden will. Für mich fällt hier alles, was mit Technik oder Naturwissenschaften zu tun hat, mit hinein. Medizin würde ich zum Beispiel nicht übersetzen wollen, aber bei Konferenzen habe ich in diesem Bereich schon gedolmetscht und die Zuhörer waren sehr zufrieden. Außerdem habe ich sehr lange, sehr intensiv für die EU-Institutionen gedolmetscht und da kann man sich auch nicht wirklich spezialisieren, denn oft erfährt man erst am Morgen, was man an dem Tag dolmetschen wird. Umso wichtiger ist es, gute Glossare zur Vorbereitung zu haben.

4. Du bist Vorsitzende der SAPT und treibst das Berufsleben mit großem Einsatz, Enthusiasmus und großer Begeisterung an. Was sind, deiner Meinung nach, die Aufgaben der Berufsverbände in unserer Branche?

Ich kenne die Lage auf den anderen Märkten nicht so genau, als dass ich mich dazu äußern könnte. So wie ich das auf dem slowakischen Markt sehe, ist es die Aufgabe unseres Verbandes, für mehr Professionalität und Aufklärung unter Kollegen zu sorgen. Damit Kollegen sich auch Gedanken über eine „Spezialisierung“ machen oder zumindest darüber, dass sie nicht alles an Aufträgen annehmen sollten. Damit sie ihre Kollegen nicht nur als Konkurrenz sehen, sondern als Kollegen, die ihnen helfen können oder interessante Aufträge vermitteln. Damit wir besser zusammen arbeiten. Damit Kollegen nicht auf dieses ewige Spiel um den niedrigsten Schleuderpreis hereinfallen. Wir machen Vorträge an Unis, an denen die Dolmetscher und Übersetzer ausgebildet werden, damit auch die künftigen Kollegen wissen, an wen sie sich wenden können, wenn sie am Anfang ihrer Karriere stehen. Und wir versuchen auch, das Berufsbild des Dolmetschers und Übersetzers „an den Mann“ zu bringen, denn leider passiert es viel zu oft, dass durch öffentliche Vergabe die billigsten Anbieter ausgewählt werden und unsere staatlichen Behörden schlechte Leistung für das Geld der Steuerzahler bekommen.

5. Du bist ein sehr beschäftigter Mensch – Du arbeitest sowohl in heimischen Gewässern wie auch für die EU, sprich, du bist auch sehr viel unterwegs, bist Vorsitzende und leitende Kraft der Slowakischen Assoziation der Übersetzer und Dolmetscher. Was hilft Dir, dein Gleichgewicht und einen Ausgleich zu finden? Was sind deine Hobbys?

Einerseits kostet mich die Arbeit im und für den Verband einiges an Kraft, andererseits glaube ich, schon kleine Resultate zu sehen, und das gibt mir dann wieder die Kraft weiterzumachen. Wenn ich entspannen will, gehe ich spazieren, ganz lange Spaziergänge in der Natur. Ich habe das Glück, am Stadtrand direkt an Weinbergen zu wohnen. Bei den Spaziergängen küsst mich dann auch die Muse und ich komme auf Ideen für Blogposts u. ä. Dinge. Letztes Jahr habe ich wieder ernsthaft das Klavierspielen aufgenommen und ich versuche, mindestens einmal in der Woche schwimmen zu gehen.

Vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Ivona Stelzig.