„Translating Europe Forum“ (TEF) der EU zum Thema Übersetzungstechnologie

Eindrücke einer Beobachterin vom heimischen Schreibtisch aus

Wie bei so vielen Veranstaltungsangeboten für unsere Branche hatte ich am Rande mitbekommen, dass das diesjährige Forum „Europa übersetzt“ (international bekannt als „Translating Europe Forum“ oder TEF) der Generaldirektion Übersetzen (Directorate-General Translating, DGT) der EU am 27. und 28. Oktober 2016 stattfinden würde und dass es um Übersetzungstechnologie gehen soll („Focus on translation technologies“). Eigentlich ein sehr aktuelles Thema, zu dem ich auf dem Anglophonen Tag (AT) einen interessanten Vortrag von Reiner Heard über maschinelle Übersetzung gehört hatte und zu dem die FIT ein Positionspapier („Machine Translation“) veröffentlicht hat. (Nebenbei: Im FORUM 2/2016 von ATICOM gibt es einen ausführlichen Bericht zum AT16 und eine deutsche Zusammenfassung des FIT-Positionspapiers.) Aber eine Konferenz, veranstaltet von der behäbigen EU und dann auch noch weit weg in Brüssel – ach nö, nicht interessant genug, damit ich mich aus meinem kleinen Dorf im Nordosten Deutschlands auf den Weg mache.

Wunder der Technik

tweet-tefAm Donnerstagmorgen (27.10.) bekam ich auf Twitter mit, dass es einen Live-Stream für die Veranstaltung gibt, und der offizielle Twitter-Account der DGT @translatores lieferte mir den direkten Link gleich frei Haus. Inzwischen gab es auch immer mehr Tweets mit dem Hashtag #TranslatingEurope von begeisterten Teilnehmern vor Ort. Jetzt war ich aber doch neugierig und klinkte mich in den Live-Stream ein. Und schon war ich mittendrin in einer Podiumsdiskussion über Übersetzungstechnologie – faszinierend! Dank meiner sehr guten Internetanbindung (200 GB Up- und Download) war die Übertragung ruckelfrei und lippensynchron. Ich entdeckte, dass ich sogar zwischen dem Originalton auf Englisch und der simultanen Verdolmetschung ins Deutsche und Französische umschalten konnte – was für ein Service! Ein kurzer Blick ins Programm des TEF 2016 zeigte mir, dass noch etliche interessante Vorträge kommen würden und so verfolgte ich die Konferenz weiterhin im Live-Stream und über Twitter.

Als sich das Programm nachmittags und am nächsten Tag in drei parallele Sessions teilte, gab es sogar für jeden Strang einen Live-Stream (außer Workshops), ebenfalls mit Verdolmetschung. Auch die Qual der Wahl entfiel, denn alle Streams werden archiviert und können jederzeit abgerufen werden. Beim Streaming service of the European Commission kann man sich sogar noch das letztjährige TEF (29./30.10.2015) „Young people in translation“, die Verleihung des „Juvenes Translatores IX Award“ (14.04.2016) oder den Vortrag „Whose English?“ von Prof. David Crystal (sehr amüsant, 14.10.2016) angucken. Man gibt einfach ein Datum und/oder eine Kategorie an und es werden alle verfügbaren Videoaufzeichnungen angezeigt. Eine echte Fundgrube!

Translating Europe Forum 2016

Aber zurück zum diesjährigen TEF: Wer sich einen Überblick über den technischen Stand und die Verbreitung maschineller Übersetzung (MÜ), über die Akzeptanz von MÜ-, CAT- und Terminologie-Tools unter Sprachmittlern, über die Zukunftsaussichten unseres Berufsstands und über die Einstellung von Verbänden, Institutionen, Anbietern und Anwendern verschaffen möchte, sollte sich die Aufzeichnungen der beiden Konferenztage ansehen. Anhand der Uhrzeiten im Programm kann man in den Videos schnell die interessanten Stellen finden.

Meine Highlights am ersten Tag: Die Keynote von Andrew Bredenkamp (Translators Without Borders), die erste Podiumsdiskussion (u. a. mit Véronique Özkaya von GALA und Ralf Lemster vom BDÜ), die Session „The human factor“ (u. a. mit einer aktuellen Untersuchung zum Nutzerverhalten von Patrick Cadwell vom ADAPT Research Centre der Uni Dublin und Andy Walker, Uni Roehampton, der die Frage „How realistic is the idea that the translation profession is threatened by technology?“ zu beantworten versucht).

tweet2tefUnd am zweiten Tag: Interview mit Jost Zetzsche (Autor von „A Translator’s Tool Box“ und dem gleichnamigen Newsletter, langjähriger Branchenkenner, aka „Jeromobot“), der alle Übersetzer zum Dialog mit den Tool-Herstellern aufrief (denn schließlich sind wir deren zahlende Kunden) und seine These erläuterte, dass fortschrittliche CAT-Tools den Weg zur Abrechnung auf Stundenbasis statt auf Wortbasis ebnen werden, die Session „Minds and machines working together“ (Katrin Marheinecke von text&form gibt einen Einblick in die Anforderungen an Post-Editoren aus Auftraggebersicht, Natascha Dalügge-Momme, Präsidentin von FIT Europe, spricht auf Französisch über die Zukunft unseres Berufsstand, ein Vortrag, bei dem ich für Verdolmetschung sehr dankbar war) sowie die zahlreichen Vorträge, in denen Tools und Initiativen von Universitäten und der EU vorgestellt werden (IATE2, CAT4TRAD, CATE Lab, MicroHint, MateCat, CASMACAT usw.).

Die Links zu den einzelnen Video-Streams finden Sie hier. Stellen Sie rechts unter „Filter“ 27.10.2016 bis 28.10.2016 ein und wählen Sie die letzte Kategorie (Translation DG). Einen guten Eindruck der Stimmung auf der Konferenz vermitteln die gesammelten Tweets und Retweets zu #TranslatingEurope am 27. und 28.10.2016.

Nachtrag: Am 4. und 5. November 2016 fand die BDÜ-Konferenz „Maschinelle Übersetzung und Post-Editing“ in Köthen statt. Im Blog von Katja Althoff, Fachübersetzerin EN/FR->DE, gibt es einen Bericht über diese Veranstaltung.

Helke Heino