Vom 11.-12. Februar 2016 fand die ELIA together Konferenz in Barcelona statt. ELIA together ist eine internationale Konferenz, die sich an freiberufliche Übersetzer und Dolmetscher richtet und ein Forum zum Austausch und Netzwerken mit Agenturen und Unternehmen bietet. Als eine von drei Referentinnen im übergeordneten Modul „Growth“ thematisierte Dr. Ana Hoffmeister (docConsult GmbH, Bonn) gemeinsam mit zwei weiteren Referentinnen aus Wissenschaft und Praxis in einer Podiumsdiskussion das Schulungs- und Zertifizierungskonzept für Freiberufler.

In Erwartung einer kontroversen Diskussion über das Zertifizierungskonzept bereitete ich mich auf skeptische Anmerkungen und Fragen der Teilnehmer vor. Stattdessen wurde ich mit interessierten Wortmeldungen und konkreten Anfragen aus dem Plenum in Bezug auf eine Zertifizierung nach ISO 17100 überrascht. Die Frage, ob eine Zertifizierung für Freiberufler sinnvoll ist, stand entgegen meiner Vermutung gar nicht zur Diskussion. Freiberufliche ÜbersetzerInnen, die seit über 20 Jahren in der Branche tätig waren, kommentierten eine Zertifizierung nach ISO 17100 mit den Worten „das muss kommen“ und bezeichneten dies als einen notwendigen und lang ersehnten Schritt zur Professionalisierung. Wie ein roter Faden zog sich zum einen der Wunsch nach professioneller Weiterentwicklung und zum anderen die Verunsicherung in Bezug auf neue Kundenanforderungen insbesondere im Bereich Informationssicherheit durch die gesamte Konferenz.

Bislang war neben der Qualität vor allem das Vertrauen in freiberufliche ÜbersetzerInnen der ausschlaggebende Grund, weshalb selbst große Unternehmen eine direkte Zusammenarbeit mit Freiberuflern bevorzugten. Man wisse nun mal, wer hinter der Übersetzung steht. Das kann ich aus eigener Erfahrung in meiner früheren Tätigkeit u. a. als Verantwortliche für das Lieferantenmanagement des Sprachendienstes der Volkswagen AG bestätigen. In jüngerer Zeit beobachte ich, dass die Auftraggeber von den Agenturen immer häufiger vollständige Übersetzerprofile und geeignete Nachweise entlang der Prozesskette verlangen. Das geht übrigens konform mit Forderungen der ISO 17100 für jegliche Form der Unterbeauftragung. Letztlich ist für Auftraggeber vor allem die Gewissheit wichtig, dass sich Firmen- und Fachwissen langfristig in guten Händen befinden, kontinuierlich aufgebaut und sorgsam behandelt werden.

Dass jedoch eine vertrauensvolle Zusammenarbeit alleine nicht länger ausreicht, zeigen die steigenden Anforderungen rund um das Thema Informationssicherheit, die sich in komplexeren Vereinbarungen niederschlagen. Vertrauen, als vielleicht größter Bonus von Freiberuflern gegenüber Agenturen, wird nun durch den Bedarf nach einer nachweisbar professionellen Vertraulichkeit ergänzt, wenn nicht sogar ersetzt. Und an diesem Punkt benötigt das Vertrauen als Basis für eine gute Zusammenarbeit einen professionellen Schliff.

Mit einer Zertifizierung nach ISO 17100, bei der erstmalig das Thema Informationssicherheit im Bereich Übersetzen platziert wird, kann ein Freiberufler das emotionale Vertrauen auf eine professionelle Ebene bringen. Freiberufliche ÜbersetzerInnen können für sich beanspruchen: „Ich bin als zertifizierter Übersetzer nicht nur vertrauenswürdig, sondern gehe nachweislich vertraulich mit Kundendaten um, arbeite organisiert und erfülle darüber hinaus die Anforderungen im Bereich Informationssicherheit“. Durch diesen nach Außen erbrachten Qualitätsnachweis wird eine vertrauensvolle Zusammenarbeit neu definiert.

Im Februar 2017 wird die ELIA-Konferenz in Berlin stattfinden.

Dieser Artikel erschien im FORUM 1/2016.

Dr. Ana Hoffmeister, docConsult GmbH, Bonn