Bericht vom Anglophonen Tag 2011 in Wiesbaden

Unter dem Motto: Business, Culture, and “Wellness” hatte der BDÜ LV Hessen in das Hotel Dorint in Wiesbaden eingeladen. Vom Hauptbahnhof zu Fuß bequem erreichbar bot diese Tagungsstätte alle räumlichen und technischen Möglichkeiten, um dem Anglophonen Tag (AT) ein passendes Ambiente zu geben.

Neben dem offiziellen Programm am Samstag gab es sowohl am Freitag als auch am Sonntag ein optionales Programm, das den Besuchern zwar keine Erfahrungen in der englischen Sprache brachte aber sehr wohl Eindrücke von der Kurstadt Wiesbaden vermittelte. Für die Hauptveranstaltung am Samstag war der Konferenzraum für 24 Personen vorbereitet, die von Barbara Müller-Grant [BDÜ LV Hessen] begrüßt wurden. Die Vertreter weiterer Berufsverbände wie Natascha Dalügge-Momme vom ADÜ Nord und Martin Bindhardt vom ATICOM Fachverband hatten Gelegenheit, ihre Verbände kurz vorzustellen. Die weiteste Anreise hatte eine Kollegin aus Florida. Bei den meisten anderen englischen Muttersprachlern stellte sich im Laufe des Tages heraus, dass sie im Rhein-Main Gebiet lebten, während die deutschen Muttersprachler aus der gesamten Republik angereist waren.

Für den Berichterstatter ist es immer verwunderlich, dass Veranstaltungen wie der AT in Deutschland, dem größten Übersetzungsmarkt der Welt, nur eine solch überschaubare Anzahl von Besuchern anlocken können. Ein Phänomen, das Veranstalter generell beobachten, Vorträge – egal worüber und von wem angeboten – scheinen nur ein Publikum zu interessieren, das ohne das Internet erwachsen geworden und in das Berufsleben eingestiegen ist. Deswegen gibt an dieser Stelle auch direkt einen Aufruf an alle, die gerne professionell auftreten möchten:

Leute, engagiert Euch!

Per Mausklick durch das Internet surfen ist nicht genug, um sich untereinander kennen zu lernen mit dem Ziel, dauerhafte und verlässliche Freundschaften und/oder Geschäftsbeziehungen aufzubauen. Dazu bedarf es der direkten Kommunikation. Dafür ist der AT eine ideale Veranstaltung, weil er nicht nur Fachwissen sondern auch wertvolle Kontakte vermittelt. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die engagierten Veranstalterinnen!!!

Der erste Vortragende war Thomas Martini, MCIL. Unter dem Titel „Propositional shifts in translating and reporting President Obama in two German media“ befasste er sich mit einigen wichtigen Reden, die US-Präsident Obama zu verschiedenen Gelegenheiten, z. B. in Kairo, Buchenwald oder auch Washington gehalten hatte. Diese Reden sind in der Regel kurz nach dem entsprechenden Ereignis von der Homepage des Weißen Hauses abrufbar. In der Analyse ging es dann darum, zu erfassen, in wie weit die deutschen Medien das, was im Ursprung gesagt worden war, in der Zielsprache Deutsch wieder gegeben hatten. Einige typische Zahlen:

  • Die Ausdrücke „nicht“ bzw. „kein“ erschienen 140 Mal in Der Welt. Das war 1,4 Mal die Anzahl des Originals. Der Informationsdienst t-online kam auf 1,3 Mal.
  • Ein weiteres analysiertes Word war „nation“. In Obamas Rede kam es 74 Mal vor. In der Wiedergabe dieser Rede in der Welt nicht ein einziges Mal. In der Wiedergabe bei t-online ebenfalls nicht.
  • Obama hatte in derselben Rede das Word „security“ 52 Mal verwendet. Die Welt erwähnte es 7 Mal, t-online überhaupt nicht.

Darüber hinaus berichtete Die Welt zu etwa 5% über etwas, was Obama überhaupt nicht gesagt hatte, während dieser Berichtsanteil bei t-online schon 8%  erreichte. Hier wurde das Thema bzw. die Meinung des Redners einfach durch die Meinung der Journalisten ersetzt. Das Wort „Nation“ scheint in der deutschen Presssprache politisch nicht korrekt zu sein. Da es sowohl in der englischen als auch in der deutschen Sprache die gleiche Bedeutung hat, dürfte es sich um eine bewusste Entscheidung der jeweiligen Journalisten handeln, den Begriff einfach auszulassen, wenn sie Obamas Reden in einer anderen Sprache wiedergeben. Mit einer getreulichen und gewissenhaften Wiedergabe, wie sie von uns Übersetzern gefordert wird, hat das nichts mehr zu tun. Im Gegenteil, große Teile der Bevölkerung, die solche Reden nicht im Original hören oder lesen können/wollen, werden vorsätzlich Falschübersetzungen und Fehlinterpretationen ausgesetzt – mit welchen Folgen auch immer. Der Berichterstatter hat nach diesem Vortrag die Entscheidung gefällt, die örtliche Tageszeitung abzubestellen!

Es folgte der Vortrag von Natascha Dalügge-Momme über „interkulturelle Unterschiede bei technischen Übersetzungen“. Zu den betrachteten Bereichen gehörte die Nahrungsmittelindustrie. „Saure Sahne“ oder „Sauerrahm“ lässt sich zwar mit sour cream übersetzen, aber meinen die Anwender in der jeweiligen Zielsprache immer dasselbe, wie in der Ursprungssprache? Mit „crème fraiche“ gibt es in der französischen Küche zwar auch ein Produkt mit vergleichbarer Anwendung, aber der Fettanteil ist doch sehr unterschiedlich, was zu einer ganz anderen Konsistenz des Produkts führt. Fazit: Die Übersetzung von Kochrezepten erfordert nicht nur sprachliche Kompetenz sondern auch noch Erfahrung bei der Zubereitung von Speisen. Schließlich werden Rezepte zum Nachkochen übersetzt.

Derartige Erfahrungen sind nicht auf unsere Nahrung beschränkt. Die Materialklassen beim Stahl können sich durchaus als nicht übersetzbare Hürden erweisen, weil die europäischen Staaten ihr jeweils nationales Normensystem haben und die Materialgüten nur miteinander verglichen werden können, wenn die einzelnen chemischen Bestandteile nebeneinander aufgelistet werden. Was für das Grundmaterial zutrifft, gilt in noch gesteigertem Maße für die daraus gefertigten Produkte. Schrauben stehen hier als exemplarisches Produkt. Wahrscheinlich produzieren die deutschen Hersteller die meisten Sorten. Doch wie sollen deren Produktbezeichnungen in eine andere Sprache übersetzt werden? Wie preist man ein vielleicht geniales Produkt in einem Markt an, der es noch gar nicht kennt? Es erweist sich mal wieder, das Übersetzen ist keine Kleinigkeit, die jeder mal eben erledigen kann sondern eine hochkomplexe Aufgabenstellung!

Dr. Martina Bleymehl-Eiler erläuterte nach dem „Lunch“, wie Wiesbaden zu einer Kurstadt – nicht Kurort – wurde, wie sich die Badekultur entwickelte und was es mit dem Kurschatten auf sich hatte. Wer sich Wiesbaden noch näher anschauen wollte, bekam hier die besten Anregungen für die Sehenswürdigkeiten.

Leider war Sabine Hartmann als Referentin über die heißen Quellen und die Geologie von Wiesbaden und Umgebung verhindert, aber das Glossar zu ihrem Vortrag wurde verteilt.

Danach gab es eine kleine Programmumstellung:

Renate Ray-Klößmann führte die Anwesenden in die progressive Muskelentspannung nach Jacobsen ein. Auch hierzu gab es ein Glossar, sodass alle Interessierten in Zukunft ihre Muskeln sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache entspannen können.

Als Gegenpol referierte Barbara Müller-Grant dann über den Rheingau und seine köstlichen Produkte, die dem Publikum in der Form einer Weinprobe näher gebracht wurden. Dieses war mit Sicherheit der lebhafteste Programmpunkt, mit dem die Vortragsveranstaltung endete.

Das gemeinsame Abendessen fand im Ratskeller statt, der sich zwar an historischer Stelle befindet, heute aber keine heimische sondern bayrische Küche bietet. Die geistigen Getränke vermochten auch den letzten Teilnehmern die Zunge zu lösen, sodass sich in geselliger Runde die englische Sprache immer mehr Gehör verschaffen konnte. Dafür waren wir doch eigentlich gekommen oder?

Zum nächsten AT am 16. Juni 2012 lädt ATICOM nach Bonn in das Gustav-Stresemann-Institut ein. Bonn ist zwar nicht mehr Hauptstadt der BRD, aber die vielen neuen dort angesiedelten Aktivitäten haben aus Bonn ein lebendiges Zentrum gemacht, das an sich schon einen Besuch wert ist.

Martin Bindhardt