Bericht vom Anglophonen Tag 2012 in Bonn

Der Anglophone Tag ist immer wieder für Überraschungen und den Erwerb neuer Kenntnisse und Erkenntnisse gut. So fand ich es erstaunlich zu erfahren, in welchem Umfang die UNO in Bonn präsent ist – allerdings ohne einen Sprachendienst. Auch die Bedeutung einiger Themen auf der Tagesordnung des AT war völlig anders besetzt als für mich erwartet, und von welcher Seite es im Internet zusätzlich zu Manipulationen kommen kann, hat mich ebenfalls überrascht. Zu diesen Punkten und anderen Vortragsthemen unten nähere Informationen.

Nicht überraschend war natürlich, dass eine seit 18 Jahren von verschiedenen Verbänden abwechselnd organisierte Veranstaltung für den Übersetzer- und Dolmetscherbereich mit den Fachsprachen Englisch und Deutsch immer wieder ein erfolgreiches Netzwerktreffen darstellt, in dem neue Kontakte geknüpft und alte aufgefrischt werden. Dieses Jahr wurde der Anglophone Tag von ATICOM durch Reiner Heard in der alten Bundeshauptstadt Bonn durchgeführt. Er konnte uns als Veranstaltungsort das Gustav-Stresemann-Institut bieten, eine europäische Tagungs- und Bildungsstätte, deren Rahmen perfekt unseren Vorstellungen von Weiterbildung für internationale Zusammenarbeit entsprach. In diesem modernen Ambiente mit beeindruckenden innen- und außenarchitektonischen Anlagen konnte sich jeder sehr wohl fühlen und wir wurden rundherum bestens versorgt.

UNO

UNO Bonn

UNO Bonn

Zum Vorprogramm des Freitagnachmittags, der Besichtigung der Bonner UNO-Präsenz, berichtet Reiner Heard:

Herr Ganns vom Besucherdienst lieferte interessante Informationen zu den UNO-Organisationen in Bonn. Mithilfe einer Präsentation erzählte er nach einem aufschlussreichen Rückblick, dass es mittlerweile 18 UNO-Sekretariate mit knapp 1.000 Mitarbeitern in der Stadt gibt. Zu diesen Einrichtungen gehören u.a. das UNV (Freiwilligenprogramm der VN), EUROBATS (Sekretariat des Abkommens zur Erhaltung der europäischen Fledermauspopulationen) und UN-SPIDER (Plattform der VN für raumfahrtgestützte Informationen für Katastrophenmanagement und Notfallmaßnahmen). Bonn ist zu einem Zentrum der internationalen Klimapolitik geworden und dient bekanntlich auch als Sitz des UNFCCC (Sekretariat des Rahmenübereinkommens der VN zur Bekämpfung des Klimawandels). Der Besuch endete mit einem herrlichen Ausblick über Bonn vom 29. Stock des Langen Eugen, wobei man auch die Baustelle des neuen großangelegten UNO-Konferenzzentrums sehen konnte, das bis Mitte 2013 fertiggestellt werden soll.

Zu den Vorträgen im Samstagsplenum hatten sich 30 Kolleginnen und Kollegen angemeldet – zwei fehlten dann leider wegen kurzfristiger Arbeitsüberlastung. Wenn allen Kunden klar wäre, was unser Berufsstand für sie auf sich nimmt und bei einer solchen Gelegenheit verpasst. Unter den Teilnehmern konnte Reiner Heard den Mitbegründer des Anglophonen Tages, John D. Graham, begrüßen. Neben diesem schottischen und vielen deutschen Kollegen waren einige englische und amerikanische Muttersprachler bei diesem Treffen. Any barriers? Die Aussage „I wouldn’t pronounce it like that, but that is the word we use.“ zeigt die kleinen, feinen Unterschiede, die es zu beachten gilt.
Leider musste aufgrund eines akuten Krankheitsfalles in der Familie Herr Shyam Gupta , der dieses Jahr neu in den ATICOM Vorstand gewählt wurde, seinen angekündigten Vortrag absagen. Wir wünschen gute Besserung und hoffen, bei anderer Gelegenheit von seinen „Snapshot impressions – working across cultures“ profitieren zu können.

European Works Councils

Nach Berichten über Neuigkeiten aus den vertretenen Verbänden (Chartered Institute of Linguists, DTT, ITI, BDÜ Hessen, ADÜ Nord, AIIC und ATICOM) hielt Barbara Müller-Grant vom BDÜ ihren Vortrag zum Thema „European Works Councils and what they are doing to promote international cooperation“. Der Inhalt dieses Themas war für mich eine Überraschung, weil es bei ihr nicht um Vertretungen innerhalb der EU ging, wie ich beim ersten Überfliegen der Überschrift gedacht hatte, sondern um die in den verschiedenen europäischen Ländern etablierte Mitbestimmung von Arbeitnehmervertretern in den Unternehmen. Sie ging insbesondere auf die deutsche und UK-Terminologie ein und es wurde schnell klar, welch fundiertes Wissen sie sich in diesem Bereich in der Praxis erarbeitet hat. Sie konnte uns damit ein Bild der sehr differenzierten und für die Übersetzung diffizilen Feinheiten und Unterschiede in den beiden Systemen, aber auch innerhalb der verschiedenen Unternehmensformen in Deutschland aufschlüsseln. Von erheblicher Bedeutung wird dieser Bereich, wenn es um die Gründung der neuen SE (Societas Europaea, europäische Aktiengesellschaft, European public limited company) geht, da dann eine einheitliche Abstimmung erfolgen muss. Es wird hier einen Bedarf für Übersetzungen und Dolmetschen in 5–19 Sprachen geben, und das für die vorbereitenden Verhandlungen, die Gründung und nicht zuletzt die nationale Gesetzgebung. Also ein großes Arbeitsgebiet, das sich für Kollegen mit Interesse an diesem Thema auftut und sich bis in die Mitbestimmungsgremien aus den verschiedenen europäischen Ländern erstreckt, einschließlich der Treffen ihrer Vertreter und der entsprechenden Dokumentation; nicht zu vergessen die Organisationen, die den Gewerkschaften angeschlossen sind. Von der Hans-Böckler-Stiftung wurden 44 Vereinbarungen zu der SE gesammelt; auf der Seite der BASF können Interessierte eine zweisprachige Vereinbarung finden.

Challenges facing in-house language services

Etwas entspannen konnten wir nach diesem komplexen Thema bei der humorvollen Schilderung dessen, wie sich in über 100 Jahren ein großer Sprachendienst entwickelt hat. Elaine Britton, Leiterin des Sprachendienstes von Currenta, berichtete über „Challenges facing the in-house language service of an international company“. Manchmal ist die Realität weit entfernt von der Idealsituation. Die Herausforderungen in den letzten 30 Jahren sind natürlich eng an die rasante Entwicklung im Computer- und Softwarebereich für Sprachen und Übersetzungswerkzeuge gebunden. Durch die Einführung von Deutsch und Englisch als offizielle und inoffizielle Unternehmenssprache und eine viel größere Anzahl von Muttersprachlern unterschiedlicher Nationen in den verschiedenen Abteilungen hat sich heute auch die Art der Übersetzungsaufträge verändert, die im Sprachendienst selbst bearbeitet werden. Elaine Britton geht aber davon aus, dass der Bedarf an Übersetzungen insgesamt steigen wird, und sie bricht einen Stab für angemessene Preise, damit die Erstellung guter Qualität und verständlicher Übersetzungen gewährleistet ist und auch in Zukunft eine Lebensbasis für unseren Berufsstand bietet. Das konnten wir natürlich nur voll unterstreichen.

World Wide Web

Ilse Freiburg, seit kurzem Vorsitzende des BDÜ Hessen, wusste uns mit überraschenden Einsichten in das Internet zu faszinieren. My next surprise: „World Wide Web – Freund oder Feind“ beschäftigte sich nicht mit Recherchefallen oder Übersetzungshilfen zweifelhafter Qualität, sondern ganz konkret mit der Entwicklung des Internets und der Domains, die zuletzt in den USA bei der ICANN registriert werden mussten. ICANN ist nach Ilses Darstellung heute zu vergleichen mit einer „Weltregierung des Internets“, seit diese Organisation ab 2009 nicht mehr dem Handelsministerium der USA unterstellt, sondern unabhängig und global besetzt ist. Wenn ein internationaler Domainname eingetragen werden soll, müssen Unternehmen heutzutage hierfür und zum Schutz vor Warenzeichenmissbrauch erhebliche finanzielle Mittel aufwenden. Mögliche Markenrechtsverletzungen entstehen in vielfältigster Weise: durch Brand-Hijacking, Phishing-Angriffe, Cybersquatting (die Registrierung fremder Warenzeichen), Typosquatting (Tippfehlerdomain), den Missbrauch von Logos oder anderer graphischer Inhalte oder den Erwerb und Weiterverkauf von Domainnamen (Domain- Monetarisierung) sowie die falsche Darstellung der Unternehmensverbundenheit mit einer Marke. Seit diesem Jahr muss deshalb für die Registrierung eines Hauptlevel-Domains eine Offenlegung sämtlicher Firmendaten erfolgen. Die Gefahr: Mit der Umstellung von IPv4 auf IPv6 zum 6.6.2012 ist damit eine einmalige Zuordnung der Firmendaten möglich und Datenschutz ist nicht sichergestellt, weil nur eine so genannte „Startpage“ die IP-Daten im Internet verdeckt. In Großbritannien kann man sich über eine Adresse wie „third level.co.uk“ und „ …org.uk“ schützen, in Deutschland über eine „secondlevel.de“-Adresse. In den einzelnen Ländern gibt es aber immer noch sehr unterschiedliche rechtliche Vorschriften in diesem Bereich. Während zum Beispiel eine Registrierung in Deutschland verlangt, dass die Firma und ihr Administrator in diesem Land ansässig sind, kann man in anderen Ländern einfacher eine Domain käuflich erwerben. Für uns als Nutzer der Informationen im Internet bedeutet dies, dass wir uns die Seiten, auf denen wir recherchieren, weiterhin sehr genau ansehen müssen.

Internationale Normen

Isabel Schwagereit, im ATICOM-Vorstand speziell für das Thema Normen zuständig, ließ uns an ihren Überlegungen zu der Frage „Sind internationale Normen (auch im Übersetzungsbereich) sinnvoll und hilfreich?“ teilhaben. Bewusst klammert sie hier die aktuellen Verhandlungen zu DIN, EN und ISO-Normen für den Translationsbereich aus und konzentriert sich auf die prinzipielle Fragestellung. Die Bedeutung von Normen ist für Projektentwicklung und Dienstleistung nicht so direkt einsichtig wie für die Technik, doch geht es auch hier um die erforderliche Kompatibilität sehr verschiedener Zielvorstellungen, Voraussetzungen und Denkweisen. Wie in der Produktion Verlass auf gleiche Herstellungsprozesse und -verfahren sein muss oder die Verwendung genau definierter Materialien erforderlich ist, so sollen im Dienstleistungsbereich durch Normen oder Selbstverpflichtungen feste Orientierungshilfen etabliert werden. Isabel hat uns die Resultate von nicht kompatiblen Vorstellungen und Ergebnissen mit sehr witzigen Graphiken vor Augen geführt. So sieht man ein, dass Normen ein hilfreicher und notwendiger Bestandteil der Zusammenarbeit sein können, eine Art Korsett. Sie geben größere Sicherheit bei Abläufen, aber vor Eigendynamik und Übertreibungen sollte man sich hüten. Interessant ist auch, dass gravierende kulturelle Unterschiede z.B. beim Messen und in der Dokumentation zwischen Deutschland und anderen Ländern bestehen – und dass sich selten die Normen der einzelnen Länder entsprechen, wissen wir schon aus eigenen Reiseerfahrungen. Wichtig für Übersetzungen im KfZ-Bereich: Die SAE (Society of Automative Engineers) fordert z.B. eine zahlenbasierte Messung von Übersetzungsqualität im Bereich der Fahrzeugwartung. Die Anforderungen des Qualitätsmanagements verlangen eine solche Prüfung.

FIT

Reiner Heard schloss die Reihe der interessanten Vorträge dieses Tages mit einem Thema ab, in dem er sehr engagiert ist und sich seit Jahren bestens auskennt, war er doch bis vor kurzem vorsitzendes Mitglied des FIT Europe und wurde 2011 als Mitglied in den FIT Council gewählt: „Globally united and FIT for the future?“ In der Fédération Internationale des Traducteurs (FIT) sind mehr als 100 mit Sprache, Terminologie, Übersetzen und Dolmetschen befasste Berufsorganisationen aus mehr als 60 Ländern weltweit verbunden. FIT arbeitet u.a. eng mit der UNESCO zusammen, die 1976 die Nairobi Recommendation zum Schutz der Übersetzer verabschiedet hat. Seit 1963 gibt es die „Translator’s Charter“ der FIT. Nach Reiners Ausführungen zu den generellen Zielen und bestehenden Strukturen der weltweiten FIT und der erst 1994 gegründeten FIT Europe zeigte er Projekte auf, die in Kooperation mit anderen Verbänden, wie EUATC und AIIC bearbeitet wurden. Das Hauptaugenmerk soll aber natürlich auf den Projekten liegen, die für die Zukunft geplant sind. So muss man im Zuge des globalen Marktgeschehens von einer Fokussierung auf literarische Übersetzungen abrücken, mit anderen Organisationen die Zusammenarbeit verstärken und die Öffentlichkeitsarbeit intensivieren. Eine Verbesserung der Informationsverbreitung und Projektausrichtungen eng an den Bedürfnissen der Mitglieder zählen zu den Prioritäten. Dazu könnte eine Umstrukturierung der FIT notwendig sein. Vielleicht sollten wir alle öfter mal auf die Seiten www.fit-ift.org und www.fit-europe.org schauen und herausfinden, was uns dort geboten wird – und was wir selbst zu den Aktivitäten beitragen können. Es geht ja schließlich um unsere ureigenen Interessen. Eine Teilnahme an einer FIT- Weltkonferenz wird uns allen zugänglich sein, wenn diese im Sommer 2014 in Berlin stattfindet.

Der nächste Anglophone Tag wird vom ITI ausgerichtet; es gibt dazu noch einiges abzustimmen und wir erfahren zu gegebener Zeit die Details.

Gustav-Stresemann-Institut Bonn

Gustav-Stresemann-Institut Bonn

Bei einem Buffetdinner in den Partyräumen des Gustav-Stresemann-Instituts klang der Abend mit intensiven Gesprächen zu den Vorträgen und allen anderen Themen, die die Kolleginnen und Kollegen aktuell in ihrem Berufsalltag beschäftigen, stilvoll und gemütlich aus.

Führung in Bonn am Sonntag

Am Sonntag erkundete ein Dutzend der AT-Teilnehmer die Innenstadt Bonns bei herrlichem Wetter und erfuhren von dem Stadtführer Herrn Selmann (www.kultnews.de) allerlei Interessantes und Faszinierendes. In seiner Führung mit dem Titel „Tatsachen und Legenden – Die Bonner Innenstadt auf den zweiten Blick“ erklärte er u.a. wo Karl Marx sich als Student aufhielt und wie er sich verhielt, warum viele der oberen Stockwerke der Geschäfte in der Sternstraße im Stadtzentrum leer stehen und warum es sich bei dem Siebengebirge in der Nähe von Bonn keineswegs um sieben Berge handelt. Nach einem gemeinsamen Mittagessen in Bad Godesberg begab sich die Gruppe dann auf die Godesburg, um bei weiterhin strahlendem Sonnenschein die Aussicht über den Rhein und die Bonner Umgebung zu genießen.

Susanne Goepfert
Reiner Heard