22. Anglophoner Tag vom 1. bis 3. Juli 2016 in Düsseldorf

Der 22. Anglophone Tag fand unter Federführung von ATICOM vom 1. bis 3. Juli 2016 in Düsseldorf statt und beleuchtete unter dem Motto „Reaching your audience“ unterschiedliche Aspekte des zielgruppengerechten Übersetzens. Ein großer Teil der insgesamt 44 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatte sich bereits am Freitagnachmittag zu einer Besichtigung der Rundfunk- und Fernsehstudios des WDR und einer anschließenden Führung durch den Düsseldorfer Medienhafen getroffen. Der Samstag war dann ganz den sechs Vorträgen gewidmet.

Pitch Perfect

Den Anfang machte Brigitte Geddes vom britischen ITI (Institute of Transla-tion & Interpreting). Sie erzählte von ihrer Suche nach der perfekten Übersetzung („le mot juste“ oder „pitch perfect“), die sie durch ihr Übersetzerinnenleben begleitet hat. Sie versprach uns keine Lösungen oder magischen Tipps, sondern berichtete äußerst anschaulich über Situationen aus der Praxis, die wir alle gut nachvollziehen konnten.

Eine gute Schule für das Streben nach fesselnden Formulierungen war ihre Tätigkeit als mehrsprachige Fremdenführerin in den schottischen Highlands. Das Publikum und seine Erwartungen sind sehr gemischt und man muss in den ersten Minuten einer Tour den richtigen Ton finden, um das Interesse und den Spannungsbogen über die nächsten vier bis sechs Stunden halten zu können.

Als nächstes zeigte Brigitte am Beispiel des Liedes „Brush up your Shakespeare“ aus dem Musical „Kiss me, Kate“ und seiner deutschen Version „Schlag nach bei Shakespeare“ aus dem Jahr 1988 mit Harald Juhnke und Wolfgang Völz, dass hier anscheinend zwei recht unterschiedliche Hörerschaften angesprochen werden sollten. Die sehr freie Übersetzung sowie die Körpersprache und die Stimmung der deutschen Darbietung sind viel weniger zotig. Und angesichts der mangelnden politischen Korrektheit des deutschen Textes fragt man sich, wie sich wohl eine moderne, spritzige Version anhören würde.

Besonders gefragt ist eine zielgruppengerechte Textanpassung natürlich im Marketing und in der Werbung. Hier sind wir dann schon im Bereich der Transcreation angelangt, die einen Schritt weiter geht als die übliche Translation und aus Übersetzern kreative Autoren macht, die die Message des Textes übertragen und dafür nach Stunden bezahlt werden.

Ein wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang sind Abbildungen. Nicht jedes Bild passt in den Zieltext, wie Brigittes amüsantes Beispiel einer Broschüre über ein Städtchen in Niedersachsen zeigte, das mit der Zeichnung eines typischen Bayern in Lederhosen illustriert werden sollte. Statt sich über die Unwissenheit des Kunden zu ärgern, sollten wir Übersetzer dies lieber als Chance begreifen, unser Dienstleistungsangebot in Richtung interkulturelle Beratung zu erweitern.

Wer profitiert von Übersetzungs- und Dolmetschnormen?

Weiter ging es mit dem Vortrag von Isabel Schwagereit (ATICOM), der zwar nicht so ganz zum Motto passte, uns aber sehr zeitnah über die aktuellen Entwicklungen in diesem Bereich unterrichtete.

Isabel ist im ATICOM-Vorstand für die Normung zuständig und war direkt vor dem Anglophonen Tag auf einem ISO-Treffen in Kopenhagen gewesen. Dort ging es um die endgültige Verabschiedung der DIN EN ISO 17100 (Anforderungen und Empfehlungen für Übersetzungsdienstleister), Beratungen zur DIN 2347 (Konferenzdolmetschen) sowie Gespräche über die in der Entwicklung befindlichen ISO 20229 (Legal interpreting) und ISO 20771 (Legal translation).

Die ISO 17100 ist ja ein viel diskutiertes Thema in Sprachmittlerkreisen. Durch die Zusammenarbeit von ATICOM und docConsult (siehe Berichte im FORUM 2/2015 und 1/2016) ist es für Freiberufler einfacher geworden, sich zertifizieren (und nicht nur registrieren) zu lassen. Viele Kolleginnen und Kollegen fragen sich, ob eine Zertifizierung für sie sinnvoll ist.

In ihrem Vortrag zeigte Isabel, welchen Nutzen die verschiedenen Marktteilnehmer (Kunden, Anbieter und Zertifizierer) aus der Norm ziehen können. Ganz grundsätzlich dienen Normen der besseren internen Organisation und veranlassen uns dazu, über wichtige, übergeordnete Fragen nachzudenken. Nach außen sind sie ein Nachweis, dass der Zertifizierte bestimmte Standards einhält und die gleichen Vorstellungen von Qualität hat wie Kunden, die nach anderen Normen wie ISO 9001 arbeiten.

Für die Marktteilnehmer auf Anbieterseite, also Freiberufler und Übersetzungsunternehmen, bieten sich Vorteile wie Haftungssicherheit, Effizienzsteigerung durch Vereinheitlichung von Verwaltungsprozessen und eine Verbesserung der Marktposition. Die Norm ist nicht das alleinige Kriterium bei der Kundenentscheidung, aber ein Baustein, der relativ wichtig sein kann, wenn man davon ausgeht, dass die Sprachmittlernormen bekannter werden und sich auf breiter Basis im Markt durchsetzen werden.

Jamie in German

Nick Tanner vom britischen CIoL (Chartered Institute of Linguists) beschäftigte sich in seinem Vortrag mit der Frage, was die international erfolgreichen Bücher des populären Kochs Jamie Oliver eigentlich von traditionellen Kochbüchern unterscheidet.

Die Analyse zeigte, dass Makrostruktur und Syntax der Rezepte sich recht ähnlich sind. Der entscheidende Unterschied ist das Credo von Jamie: „I write like wot I talk like“. Im englischen Original ist sein umgangssprachlicher Stil mit Cockney-Einschlägen erfrischend anders als die oberlehrerhaften, wohlformulierten Anweisungen klassischer Rezeptbücher.

Der freche Cockney-Slang ist allerdings in der deutschen Übersetzung auf der Strecke geblieben. Nick vermutet, dass der deutlich weniger informelle deutsche Text vom Verlag so gewünscht war, um das deutsche Publikum nicht völlig zu verschrecken. Aus „tomatos they knock off dead cheap“ wird beispielsweise das viel zahmere „Tomaten, die man spottbillig bekommt“, aus „throw in“ wird „dazugeben“ und „whack it right in the middle of the table“ wird zu „einfach in die Tischmitte stellen“.

Erhalten wurde im Deutschen eine weitere Besonderheit von Jamies Texten: der häufigere Bezug auf sich selbst. In klassischen deutschen Kochbüchern bleibt der Autor völlig unsichtbar, sodass dies schon eine kleine Revolution ist. Persönliche Anmerkungen wie „I think it brings out the best flavour“ oder Aufforderungen wie „Just use your instinct“ allerdings waren wohl zu ungewöhnlich und wurden im Deutschen weggelassen.

Wir durften uns dann an drei kurzen Beispielen selbst davon überzeugen, wie schwer es ist, die richtige Balance zwischen Treue zum Original und Einhaltung von Textkonventionen in der Zielsprache zu finden. Man muss sich bei jedem Satz erneut entscheiden, wie viel Slang man einebnen muss („this old dude“ = „der alte Mann“) und ob man beispielsweise die fantasievollen Mengenangaben „a lug, a handful, a few pinches, a good sprinkling“ immer mit „etwas“ übersetzen will.

Is it appropriate to tailor the message to your audience?

Mit dieser Frage erweckte Barbara Müller-Grant (BDÜ) nach dem Mittagessen das etwas ermattete Publikum wieder zum Leben. Barbara kam ganz ohne PowerPoint-Präsentation aus und verstand es meisterhaft, uns in ihre Überlegungen einzubeziehen. Auf die Eingangsfrage würden die meisten Übersetzer von Marketingtexten und Literatur leicht indigniert mit „Selbstverständlich, was denn sonst?!“ antworten.

Aber wie ist es in anderen Situationen, beispielsweise beim Gerichtsdolmetschen? Darf, soll oder muss eine Dolmetscherin die Terminologie und die komplexen Inhalte eines beim Gerichtstermin vorgetragenen wissenschaftlichen Gutachtens vereinfachen, damit der Angeklagte überhaupt etwas versteht? Der Gedanke ist löblich, denn natürlich ist es unser Ziel, mit unserer Arbeit verständliche Texte zu produzieren. Aber in dieser speziellen Situation vor Gericht muss man sich vor Augen führen, dass ein Angeklagter, der der Sprache der Gerichtsverhandlung mächtig ist, ja auch mit dem komplizierten Gutachtentext konfrontiert wird und nicht automatisch eine verständliche Version geliefert bekommt. Er muss nachfragen, wenn er etwas nicht versteht. Ein Angeklagter, der die Verhandlungssprache nicht versteht, soll durch den Dolmetscher nur in die gleiche Lage versetzt werden, wie ein Angeklagter, der die Sprache versteht – er soll durch die Verdolmetschung keinen Vorteil haben.

Ähnliche Überlegungen muss man beim Dolmetschen anstellen, wenn es um Wiederholungen geht. Wenn ein Redner oder eine Partei beim Verhandlungsdolmetschen sich mehrfach wiederholt, darf der Dolmetscher dann einfach sagen: „Das ist jetzt nochmal das gleiche wie eben“, anstatt das Gesagte zu wiederholen? Auch bei ex-tremer Sprache in Form von Schimpfwörtern oder Beleidigungen neigt man automatisch dazu, den Affront zu vermeiden und weniger aggressive Formulierungen zu wählen – das kann das Gesagte verfälschen, kann aber aufgrund interkultureller Unterschiede durchaus richtig sein, um eine äquivalente Botschaft zu vermitteln. Und es kommt noch eine weitere Ebene hinzu: Wenn ein Sprecher sehr lebhaft und gestenreich spricht, muss der Dolmetscher ihn imitieren oder wirkt das lächerlich? Schwierige Fragen, die vor allem uns Übersetzern unter den Zuhörenden ganz neu waren.

Barbara zeigte uns noch anhand diverser Beispiele, dass mehr Mut beim Dolmetschen und Übersetzen („be braver and bolder“) zwar grundsätzlich erstrebenswert ist, aber immer der Situation und Textsorte angemessen sein muss.

Machine translation: What do the users think?

Vom Dolmetschen zurück zum Übersetzen der ganz modernen Art brachte uns Reiner Heard (ATICOM) mit seinem Vortrag über den aktuellen Stand der maschinellen Übersetzung (MÜ), sozusagen dem Gegenpol zur Transcreation. Für viele Übersetzer sind Google Translate, SDL Cloud und ähnliche maschinelle Übersetzungshilfen denn auch ein rotes Tuch. Allerdings muss man sich bewusst machen, dass die moderne, statistisch basierte MÜ in einigen Bereich schon ganz selbstverständlich und effektiv eingesetzt wird. Voraussetzung ist, dass der Ausgangstext präzise formuliert ist und dass es im Zieltext nicht auf linguistische Feinheiten, sondern Zweckmäßigkeit ankommt. Klassisches Beispiel sind umfangreiche Gebrauchsanweisungen für komplexe Anlagen in kontrollierter Sprache.

Die meisten Ausgangstexte sind nicht für eine MÜ optimiert, sodass häufig Nachbearbeitungsbedarf im Zieltext besteht. Damit hat sich ein neues Betätigungsfeld für Übersetzer ergeben, das sogenannte Post-Editing (PE). Da die MÜ beim Übersetzen ganz andere Fehler macht als der Mensch (Textvollständigkeit, korrekte Zahlen und Tippfehler sind kaum ein Problem, Schachtelsätze, Wortspiele und Synonyme hingegen bedürfen genauester Überprüfung), ist die Nachbearbeitung maschinell übersetzter Texte allerdings nicht mit einem klassischen Korrektorat oder Lektorat zu vergleichen, sondern bedarf ganz eigener Techniken.

Auch beim Thema MÜ gilt: Nicht da-rüber aufregen oder die Entwicklungen ignorieren, sondern als Chance begreifen und Vorurteile ablegen. Entweder nutzt man die Technik zum eigenen Vorteil (beispielsweise als Erweiterung des CAT-Tools) oder man erschließt sich mit Pre-Editing einen neuen Arbeitsbereich oder man sucht sich gezielt Kunden in anderen Segmenten, womit wir wieder bei der Transcreation wären.

Inzwischen hat die FIT zum Thema „Machine Translation“ ein Positionspapier sowie 10 häufig gestellte Fragen und entsprechende Antworten auf Englisch und Französisch veröffentlicht. Eine deutsche Zusammenfassung finden Sie hier.

World Englishes with some examples from Chinglish and Denglish

Zum Abschluss präsentierte uns Rodney Mantle (CIoL) sehr anschauliche Beispiele für Englisch-Varianten, die er bei seiner langjährigen Tätigkeit als Lehrer, Dozent, Schulleiter und Radiomoderator auf der ganzen Welt gesammelt hat.

Einige Zahlen: Zwar ist Englisch mit ca. 330 Millionen Sprechern nach Chinesisch (1,2 Milliarden Sprecher) und zusammen mit Spanisch nur auf Platz 2 der Liste der meisten Sprecher, aber es wird in insgesamt 112 Ländern gesprochen und ist mit Abstand die am weitesten verbreitete Sprache der Welt. Das bedeutet, dass ein englischer Text, je nach Herkunft des Sprechers, ein breites Spektrum an spezieller Geschichte, Kultur und Lebensweise repräsentiert. Außerdem gibt es viele Begriffe, die nicht in allen Varianten verstanden werden bzw. nicht das gleiche bedeuten (beispielsweise bedeutet „shack“ in Singapur „erschöpft“ und ein „bludger“ ist in Australien und Neuseeland ein „Faulpelz“).

Typisches „Chinglish“ entsteht, weil es im Chinesischen weder Pluralformen (außer für Personen) noch Verb-Endungen gibt. Deswegen findet man Sätze wie „3 pump arrive yesterday“ in der Korrespondenz chinesischer Muttersprachler. Ein weiteres Problem ist die wörtliche Übersetzung chinesischer Zeichen unter Beibehaltung der Reihenfolge und ohne Rücksicht auf den Kontext: „The limit is high 3 rice“ bedeutet eigentlich „Maximum height 3 metres“, wobei das chinesische Zeichen für „rice“ das gleiche ist wie für „metre“.

Aber auch das weniger exotische „Denglish“ deutscher Muttersprachler kann zur Verwirrung führen. Die Aufforderung „You must use the protocol“ in Zusammenhang mit einem Meeting wird erst verständlich, wenn man begreift, dass hier die „minutes“, also die Tagesordnungspunkte des Treffens gemeint sind, und keine exotischen Benimmregeln. Interessanterweise schwappen auch englische Wörter mit einer ganz speziellen Bedeutung im Deutschen zurück ins Englische. Wer als englischer Muttersprachler länger im deutschsprachigen Raum gelebt hat, verwendet durchaus mal „handy“ im Sinne von „Mobiltelefon“ oder „beamer“ anstatt „projector“.

In englischen Texten ist anscheinend fast alles möglich, und wir als Sprachmittler sollten darauf vorbereitet sein, auf solche internationalen Varianten zu treffen, auch wenn die Autoren überzeugt sind, reinstes US- oder UK-Englisch zu verwenden.

Rahmenprogramm und Veranstaltungsort

Als dritter Punkt des Rahmenprogramms fand am Sonntagvormittag noch eine sehr interessante Besichtigung des NRW-Landtags statt. Nach drei tollen Tagen waren sich die 44 Teilnehmerinnen und Teilnehmer einig: Wir haben viel Spaß gehabt, viel gelernt und viel geredet. Das „FFFZ Hotel und Tagungshaus“ war ein idealer Veranstaltungsort (leicht zu erreichen, schöne Zimmer, gute Verpflegung, günstige Preise) und dank der tollen Organisation von Reiner Heard (Vorsitzender von ATICOM) und des Engagements der sechs Referentinnen und Referenten war das ein rundum gelungenes Wochenende – much appreciated!

Anglophoner Tag 2017

Nach dem Anglophonen Tag ist vor dem Anglophonen Tag, der voraussichtlich im Oktober 2017 in Großbritannien stattfinden wird. Ausrichtender Verband ist das ITI – stay tuned!

Dieser Artikel erschien im FORUM 2/2016. Außerdem gibt es einen Kurzbericht mit Bildern und Kommentaren über den AT2016.

Helke Heino