Anglophoner Tag vom 20. bis 22. Juni 2014 in Potsdam

Gastgeber vom 20. bis 22. Juni 2014 war das Chartered Institute of Linguists German Society e. V. vertreten durch Stephanie Tarling. Sie war sowohl während der Anmeldungsphase als auch im Laufe der Veranstaltung Ansprechpartnerin für alle Anwesenden. Ihr gebührt auf jeden Fall ein großes Dankeschön für die Auswahl des Veranstaltungsortes und die Organisationsarbeit, das sie mit Sicherheit mit einigen anderen Personen teilen wird, die sie im Hintergrund unterstützt haben.

Potsdam als Tagungsort zu wählen war eine Entscheidung, die allgemein ein positives Echo hervorgerufen hat. Mehrere Gäste waren bereits Fronleichnam angereist und hatten so den ganzen Freitag, um sich auf eigene Faust mit der Stadt und der Umgebung vertraut zu machen bzw. Vorbereitungen für ihre Vorträge am Samstag zu treffen. Das Personal des Hotel Mercure Potsdam City erwies sich als äußerst hilfreich und zuvorkommend bei der Herrichtung des Tagungsraums, der bereits den ganzen Freitag zur Nutzung für die AT-Zugehörigen zur Verfügung stand.

Die Auftaktveranstaltung war das gemeinsame Abendessen in der Hinzenbergklause, einer typischen Gaststätte am Rande einer Laubenpieper-Kolonie, wie man im Berliner Umland zu sagen pflegt. Berührungsängste gibt es bei Dolmetschern und Übersetzern in der Regel keine. So entwickelten sich sehr schnell viele interessante Gespräche zwischen Leuten, die sich von früher kannten und solchen, die sich hier zum ersten Mal begegneten.

Am eigentlichen Tagungstag konnte Stephanie Tarling 32 Teilnehmende zum 20. Jahrestag des AT begrüßen und übergab das Wort sogleich an John D. Graham, dem Begründer des Anglophonen Tages, der eine launige Ansprache über die näheren Umstände des Zustandekommens dieser Veranstaltung hielt. Er erinnerte daran, dass der erste AT in Xanten stattgefunden hat, einer Stadt, die sonst dafür bekannt ist, dass sie das römische Erbe pflegt.

Der erste Fachvortrag kam von Ralph Elliott, der uns über die Vorgehensweise einiger namhafter Weltfirmen informierte, die hier namentlich nicht genannt werden sollen. Immer geht es darum, den Übersetzern ein möglichst günstiges Angebot zu unterbreiten, die Dienste dieser Web-Dienstleister in Anspruch zu nehmen, ihnen dafür als Gegenleistung kostenlos Übersetzungen zur Verfügung zu stellen, die diese dann wieder vermarkten. Eine hoch interessante Sicht der Dinge, mit denen wir im Grunde genommen jeden Tag zu tun haben. Interessierte mögen sich direkt an den Vortragenden oder den Autor wenden. Der Vortrag ist es wert, in voller Länge angehört zu werden.

Paul Daniels folgte mit der Vorstellung seines Blogs http://weltbuehneenglishtranslation. wordpress.com. Diese Web-Seite ist für alle zugänglich und insbesondere für diejenigen interessant, die sich im weitesten Sinne mit Geschichte beschäftigen. Sowohl die Thematik als auch die entsprechenden Erläuterungen waren eine gute Hinführung zur nächsten Referentin.

Elke Limberger-Katsumi führte uns zu den Nürnberger Prozessen, in denen zum ersten Mal simultan gedolmetscht wurde. Für den AT hatte sie die Ausstellung: „Ein Prozess – Vier Sprachen. Wer waren die Dolmetscher bei den Nürnberger Prozessen?“ mitgebracht, ein Beitrag des AIIC Deutschland für den im August 2014 terminierten FITWeltkongress. Diese Ausstellung ist ein Muss für alle Berufsdolmetscher und am Dolmetschen Interessierte. Richtig lebendig wurden die Arbeitsbedingungen unserer Kolleginnen und Kollegen bei den Nürnberger Prozessen aber erst durch den Vortrag, in dem Details über den Werdegang der Ausstellung zur Sprache kamen, die die Zuhörenden nur staunen ließ. Der Vortrag endete damit, dass wir alle uns für ein Foto aufstellten, Elke Limberger-Katsumi einige Grußworte an Peter Less, unseren Kollegen von den Nürnberger Prozessen sprach, der genau an diesem Tag 93 Jahre alt wurde. Wir sangen Happy Birthday, Bild und Ton wurden per E-Mail an die Tochter dieses Kollegen geschickt, der jetzt in Kalifornien lebt. Der Eingang unserer Mail wurde am Ende des Tages mit großem Dank und Freude bestätigt.

Nach dem Mittagessen gab es von Jacob Sandler einen bebilderten Vortrag über das Potsdamer Schloss Cecilienhof, in dem vom 17. Juli bis 2. August 1945 die Potsdamer Konferenz der drei alliierten Siegermächte Sowjetunion, USA und Großbritannien stattgefunden hatte. Auch hier waren Dolmetscher im Einsatz, für die es fest installierte Sitze im Konferenzraum gab. Für diese Präsentation gab es starken Applaus.

Martin Bindhardt hatte das letzte Wort mit seiner Einführung in die von Eric Berne begründete Transaktionsanalyse. Die Herausforderung bestand darin, das Modell der Ich-Zustände, wie sie die TA beschreibt, für die Zuhörer mit Leben zu füllen. Besonderes Gefallen fand das Element des sogenannten „freien Kindes“. Es gab eine generelle Übereinstimmung, dass dieser Persönlichkeitsanteil bei Personen, die dolmetschen wollen, deutlich ausgeprägt sein muss, um die an sie gestellte Aufgabe des Brückenschlags zwischen Menschen mit unterschiedlichen Sprachen erfüllen zu können.

Für das „freie Kind“ war dann auch am Abend mit der 5-Seen-Rundfahrt gut gesorgt. Zum angerichteten Buffet gab es prachtvolle Aussichten auf beeindruckende Häuser und Schlösser, die die Wasserwege zwischen Potsdam und Berlin säumen. Anstelle von detaillierten Beschreibungen in diesem Bericht wird dem Leser geraten, eine solche Fahrt mit dem Ausflugsboot selber zu buchen.

Für die Besichtigung am Sonntag war, wenn wundert es, das Schloss Cecilienhof als Ziel ausersehen. Auch hier gilt, am besten selber hinfahren. Für diejenigen, die der englischen Sprache mächtig sind, empfehle ich, die Tonträger für die Führung in englischer Sprache zu wählen. Es sind ausschließlich Muttersprachler, die sprechen, und sogar ein Dolmetscher aus dem Team des Jahres 1945 kommt im Original-Ton zu Wort.

Potsdam war und ist eine exzellente Wahl für einen Tagungsort. Das Vortragsprogramm war von einer Bandbreite und Tiefe, die sich wohl nicht so schnell überbieten lassen wird. Aber wir werden sehen. Der nächste AT findet im Mai 2015 in Kassel statt. Bis dahin.

Martin Bindhardt

Dieser Artikel erschien im FORUM 2/2014.
Ein weiterer Veranstaltungsbericht erschien in den TransRelations 2/2014 des BDÜ Nord (Seite 5).