ATICOM-Workshop für Portugiesisch-Übersetzer/innen und -Dolmetscher/innen 2016

Samstag/Sonntag, 30. und 31.01.2016 im Kolpinghaus, Frankfurt am Main

Der ATICOM-Workshop 2016 für Portugiesisch-Übersetzer/innen wurde in zwei Themenblöcke eingeteilt, in das brasilianische und das portugiesische Erbrecht (Samstag) und die Übersetzung von Rechtsbehelfen sowie die Bezeichnungen von Institutionen und Behörden in Portugal und Brasilien (Sonntag). Beim Workshop 2015 hatten sich zwei Gruppen von Teilnehmer/innen bereit erklärt, die Textarbeit am zweiten Workshoptag vorzubereiten.

Die bereits bewährten Referentinnen Maria de Fátima Veiga und Elma Ferreira Jäntges trugen die jeweils wichtigsten Prinzipien des portugiesischen bzw. brasilianischen Erbrechts vor, deren Terminologie und Phraseologie von der Workshopgruppe diskutiert, gesammelt und übersetzt wurde, so z. B. cabeça de casal [PT] (gesetzlich bestimmter Nachlassverwalter; Beauftragter nach portugiesischem Recht; Miterbe, dem die Verwaltung der Erbschaft bis zur Auseinandersetzung obliegt), arrolamento [BR] (Verfahren zur Inventarerrichtung und Erbauseinandersetzung) oder ser chamado à herança (Erbe werden, jd. zum Erben berufen). Auch die eventuellen terminologischen Unterschiede zwischen Brasilien und Portugal wurden besprochen, so z. B. renúncia [BR], repúdio [PT] für die Ausschlagung des Erbes oder abertura da sucessão [PT], delação da herança [BR] für den Eintritt des Erbfalls bzw. die Eröffnung der Erbschaft.

Besondere Aufmerksamkeiten erregten Rechtsinstitute, mit denen die meisten Teilnehmer/innen bislang nicht vertraut waren, so z. B. eine testamentarische Verfügung nach Art. 2224 des portugiesischen Zivilgesetzbuches namens disposições a favor da alma, die mit „Auflagen für das Seelenheil“ übersetzt wurde und die Erben zu bestimmten Handlungen verpflichtet, wie zur Lesung von Seelenmessen und zur Grabpflege. Auch das in Brasilien existierende codicilo (Nachtragstestament; Kodizill) war erklärungsbedürftig; es handelt sich hierbei um eine besondere Art des Testaments, das sehr geringe Werte oder besondere Wünsche des Erblassers betrifft, wie z. B. die Pflege eines geliebten Haustiers. Es ist dem regulären Testament insofern untergeordnet, als ein Testament ein Kodizill aufheben kann, ein Kodizill aber kein Testament.

Bei den Diskussionen wurden insbesondere auch die wichtigsten Unterschiede zum deutschen Erbrecht herausgearbeitet; so ist in Portugal z. B. das gemeinschaftliche Testament (testamento de mão comum) nicht erlaubt, in Brasilien weder der Erbvertrag (pacto sucessório), das gemeinschaftliche Testament (testamento conjuntivo) noch das Berliner Testament (testamento conjuntivo recíproco). In diesem Kontext sei noch ein weiterer wichtiger Unterschied hervorgehoben: Während ein enterbter gesetzlicher Erbe in Deutschland seinen Status als Erbe verliert und lediglich Pflichtteilsberechtigter wird (und somit nur einen schuldrechtlichen Anspruch gegenüber den Erben hat), kann der gesetzliche Erbe (herdeiro legítimo) in Portugal nicht völlig enterbt werden, er hat nur einen Anspruch auf einen geringeren Teil der Erbmasse. Dafür ist die Erbmasse des sog. herdeiro legitimário auf einen Noterbanteil beschränkt. Es wurde auf die Übersetzungslösung „Noterbe“ zurückgegriffen, um eine Gleichsetzung mit dem deutschen Pflichtteilsberechtigten zu vermeiden.

Eine wichtige Neuerung im europäischen Erbrecht ist die EU-Verordnung 650/2012, die seit dem 17. August 2015 gilt. Darin wird u. a. geregelt, welches nationale Erbrecht anzuwenden ist, wenn Vermögen in mehreren EU-Staaten zu vererben ist. Wie immer haben auch dieses Jahr die Teilnehmer/innen sehr engagiert Fachliteratur zu dem Workshopthema mitgebracht und auf dem Büchertisch zur Ansicht bereitgestellt oder aber in der Gruppe bekannt gemacht. Die wichtigsten seien hier genannt:

  • Berty, Katrin / Juan Fernández-Mespral / Norbert Lösing / Anna-Karola Rosset (2011), Wörterbuch zum Erb- und Immobilienrecht. Diccionario Jurídico de Derecho Inmobiliario y de Sucesiones. Deutsch – Spanisch, Spanisch – Deutsch. Berlin: BDÜ.
  • Frank, Rainer / Tobias Helms (2013), Erbrecht. München.
  • Huzel, Erhard / Burkhardt Löber / Ines Wollmann (2009), Erben und Vererben in Portugal. Frankfurt: Edition für internationale Wirtschaft.
  • Müller-Bromley, Stephanie (2010), Immobilienerwerb in Portugal – Rechtsfragen beim Kaufen, Bauen, Verkaufen und Vererben. Haus & Grund Deutschland, Verlag und Service GmbH.
  • Müller-Bromley, Stephanie (2011), Portugiesisches Zivilrecht. Band 2: Familienrecht, Erbrecht. Baden-Baden: Nomos.
  • Rathenau, Alexander (2013), Einführung in das portugiesische Recht. München: Beck.
  • Thüringen, Freistaat (2013), Erbrecht. Broschüre zum Download unter apps.thueringen.de/de/publikationen/pic/pubdownload778.pdf
  • Valério, Beatriz Paula (2009), Família e Sucessões. Wolters Kluwer Portugal/Coimbra Editora.
  • Vieira, Iva Carla / Angelina Barbosa Leão (2005), Divórcio, herança e partilha. Lissabon: Almedina.

Eine weitere rechtliche Neuerung wird insbesondere das Leben der Kundschaft der Übersetzer/innen für das brasilianische Portugiesisch erleichtern, weil Brasilien ab dem 14.08.2016 (endlich) ein Apostillestaat sein wird. Damit entfällt die Notwendigkeit der Legalisierung der Unterschrift und des Siegels bzw. des Stempels ausländischer öffentlicher Dokumente durch die brasilianische Botschaft oder das Konsulat, u. a. auf in Deutschland angefertigten beglaubigten Übersetzungen.

Am zweiten Tag des Workshops wurde an ein Thema des Vorjahres angeknüpft und die Textarbeit mit Rechtsbehelfen in den Vordergrund gestellt. Hierfür haben kleinere Gruppen die vorhandenen deutschen Rechtsbehelfsbelehrungen und die entsprechenden portugiesischen Übersetzungen kritisch unter die Lupe genommen und die wichtigsten Termini und Phraseologismen zusammengestellt. Auch diese wurden gesammelt und den Teilnehmer/innen zur Verfügung gestellt.

Am Ende des Workshops hat eine weitere Arbeitsgruppe (Stefanie Stimpert, Elisabeth von Ahlefeldt-Dehn und Kerstin Finco) ihre Übersetzungsvorschläge für Bezeichnungen von Institutionen und Behörden in Portugal und Brasilien vorgestellt, die den Teilnehmer/innen zur Hand gereicht wurde.

Fazit

An dieser Stelle kann eigentlich nur das Fazit des vergangenen Berichts wiederholt werden: Der ATICOM-Workshop ist das einzige Weiterbildungsangebot für Portugiesisch-Übersetzer/innen und -Dolmetscher/innen in Deutschland. Die Themen und Termine werden von der Gruppe jeweils im Vorjahr festgelegt und mit der Einsendung von Terminologielisten und Unterlagen von den Teilnehmer/innen im Voraus
vorbereitet. Im Anschluss an den Workshop werden die erarbeitete Terminologie und Kopien weiterer Unterlagen an alle Teilnehmer/innen verschickt. Die Gruppe tauscht sich außerdem regelmäßig über eine
2009 gegründete Yahoo-Mailingliste aus.

Den Organisatorinnen sei herzlich für ihr Engagement bei der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung des Seminars gedankt.

Hinweis

2017 wird der ATICOM-Workshop am 04. und 05. Februar wieder im Kolpinghaus in Frankfurt, diesmal zum Thema Strafprozessrecht, stattfinden.

Dieser Artikel erschien im FORUM 1/2016.

Paula Faustino Bauer