ATICOM-Workshop Portugiesisch am 18. und 19. Januar 2014 in Frankfurt

Arbeitsrecht in Portugal und Brasilien

Zum achten Mal veranstaltete ATICOM den jährlichen Workshop für Portugiesisch-Übersetzer und -Dolmetscher. Dieses Mal ging es um das Themengebiet Arbeitsrecht. Zum dritten Mal durfte auch ich dabei sein und diese  einzigartige Möglichkeit der Fortbildung und des Netzwerkens nutzen. Unten sind meine Impressionen aus dem Workshop sowie ein Überblick der Inhalte, die an den zwei Tagen behandelt wurden.

Klein aber fein – ein einzigartiges Netzwerk

Das Portugiesisch-Netzwerk von ATICOM ist in ganz Deutschland einzigartig: Kein anderer Fachverband bietet ein Netzwerk für Portugiesisch-Übersetzer und -Dolmetscher, man findet außerdem nirgends sonst in Deutschland eine Fachgruppe für juristische Übersetzung Portugiesisch-Deutsch und Deutsch-Portugiesisch. Das Bestehen des Netzwerks haben wir den Kolleginnen Susanna Lips aus Köln und Dr. Tinka Reichmann aus São Paulo zu verdanken, die die Organisation und Moderation der jährlichen Treffen übernehmen. Dabei geht es hauptsächlich um den fachlichen Austausch auf den jährlich in Frankfurt am Main stattfindenden Workshops.

Der Workshop besteht in der Regel aus Fachvorträgen von eingeladenen Referenten, gezielten Diskussionen zur juristischen Fachterminologie des Portugiesischen und des Deutschen unter Berücksichtigung authentischer Texte und Textbausteine und offenen Diskussionsrunden zu anderen relevanten Themen. Für mich ist dieser Aufbau ideal und viel produktiver als bei Fachseminaren, wo man nur zuhört und praktisch keine aktive Rolle übernehmen kann. Die Tatsache, dass wir Texte aus der Berufspraxis mit einbeziehen können bzw. sollen, macht den Workshop noch interessanter und praxisnäher. Und die Tatsache, dass die Gruppe der Anwesenden im Durchschnitt bei 15-18 liegt (bei ca. 35 Netzwerk-Teilnehmern insgesamt), ist für mich auch optimal, da die Diskussionen sonst nicht so gezielt und produktiv wären.

Hinzu kommt noch die Abwechslung der diskutierten Themen. Jedes Jahr widmet sich der Workshop einem bestimmten Rechtsgebiet bzw. Arbeitsbereich von juristischen Übersetzern und Dolmetschern. Themen der letzten Jahre waren z. B. Strafrecht (2010), Familienrecht (2011), Immobilienrecht (2012) und Gesellschaftsrecht (2013).

Arbeitsrecht in Brasilien

Am 18. und 19. Januar 2014 ging es in Frankfurt um das Thema „Arbeitsrecht“. Nach einer kurzen Begrüßung und Vorstellungsrunde (dieses Jahr hatten wir zwei neue Mitglieder) gab es am ersten Tag zunächst einen Vortrag der Rechtsberaterin – und in Brasilien zugelassenen Anwältin – Elma Ferreira-Jäntges aus Bonn zum Thema „Arbeitsrecht in Brasilien“.

Frau Ferreira-Jäntges hielt bereits 2013 einen Vortrag im Rahmen unseres Workshops zum Thema Gesellschaftsrecht. Und wieder einmal konnte sie uns mit einer sehr didaktischen und gut strukturierten Präsentation begeistern.

Im Unterschied zu Deutschland regelt Brasilien das Thema Arbeitsrecht bereits in der Verfassung. So werden im Art. 7 der brasilianischen Bundesverfassung Grundrechte der Arbeitnehmer geschützt wie z. B. seguro-desemprego (Arbeitslosenversicherung), Fundo de Garantia por Tempo de Serviço (Arbeitnehmerrücklagenkonto), jornada de trabalho de seis horas (6-Stunden- Arbeitszeit) und salário mínimo (Mindestmonatslohn). Darüber hinaus gibt es die Consolidação das Leis do Trabalho, d. h. eine Zusammenstellung von arbeitsrechtlichen Regelungen, die jedoch keine einheitliche Kodifikation (código) darstellt. Dort steht z. B., dass ein Arbeitnehmer in Brasilien einen Anspruch auf 30 Werktage Urlaub „am Stück“ hat.

In ihrem Vortrag erläuterte Frau Ferreira- Jäntges insbesondere die terminologischen Nuancen der brasilianischen Rechtssprache, auch unter Berücksichtigung der deutschen Äquivalente. So erklärte sie den Unterschied zwischen relação de emprego (Angestelltenverhältnis) und relação de trabalho (Arbeitsverhältnis) und zwischen Acordo Coletivo de Trabalho (Firmentarifvertrag) und Convenção Coletiva de Trabalho (Branchentarifvertrag). Es folgten u. a. eine Erläuterung des Aufbaus der Justiça do Trabalho (Arbeitsgerichtsbarkeit) und der unterschiedlichen Arbeitsvertragstypen sowie eine Übersicht der Beschäftigungsmöglichkeiten nach brasilianischem Recht und der gesetzlich vorgesehenen Leistungen für Arbeitnehmer.

Nach dem hochinteressanten Vortrag – der natürlich immer wieder mit Fragen und Anregungen der Teilnehmer unterbrochen wurde – war es Zeit für die Diskussion der mitgebrachten Texte und Textbausteine. Frau Ferreira-Jäntges blieb noch ein paar Stunden, so dass sie uns bei den terminologischen Fallstricken helfen konnte. Dieses Mal bemühten wir uns, eine Terminologieliste vor Ort zu erstellen. Mehrere Teilnehmer machten unabhängig voneinander Glossare, die später miteinander verglichen und zu einer Art „abgestimmter Terminologieliste“ zusammengeführt wurden. Durch dieses neue Arbeitsmodell konnte allen Teilnehmern bereits kurz nach der Veranstaltung eine Terminologieliste mit ca. 250 juristischen Fachausdrücken per E-Mail geschickt werden, was den Nutzen einer solchen Veranstaltung deutlich erhöht.

Das Netzwerk-Abendessen

Nach einem intensiven Tag durften wir, wie immer bei einem gemeinsamen Abendessen, entspannen und einander besser kennen lernen. Das Netzwerken gehört schließlich zu den Zielen unserer Veranstaltung. Interessant ist dabei für mich die Möglichkeit, über die Übersetzungsbranche und unsere eigene Arbeitsmethodik zu diskutieren und das Gefühl zu haben, unter erfahrenen Fachleuten zu sein, die nie aufhören zu lernen. Wie eine Teilnehmerin treffend sagte: „Man lernt nie aus!“ Außerdem hat man bei unserem Netzwerk eine kollegiale und freundliche Atmosphäre, die man sonst sehr selten findet. „Zickereien“ und Intrigen findet man bei uns nicht. Als ich vom ATICOM-Workshop bei einem regionalen Übersetzer- Stammtisch erzählte, waren die anderen Kollegen begeistert und meinten, so eine sprachspezifische Fachgruppe sei in ihren eigenen Arbeitssprachen (Spanisch, Englisch, Schwedisch, Russisch usw.) schwer vorzustellen. Bei so einer kleinen Gruppe ist es außerdem viel einfacher, Vertrauen zu bilden und Synergien zu entwickeln – nach dem Motto „Man kennt sich“.

Arbeitsrecht in Portugal

Am zweiten Tag hielt die Rechtsanwältin und Lehrbeauftragte der Universität Frankfurt, Maria de Fátima Veiga, einen fundierten Vortrag zum Thema „Arbeitsrecht in Portugal“. Frau Veiga ist selbst Übersetzerin und Mitglied unseres Netzwerks. Interessant an der Präsentationsmethodik von Frau Veiga finde ich insbesondere die Sorgfalt mit den Definitionen unter Berücksichtigung der jeweiligen Rechtsquellen. So konnten wir sofort erfahren, worin genau im portugiesischen Código do Trabalho (Arbeitsgesetzbuch) der Unterschied zwischen assédio (Mobbing) und assédio sexual (sexuelle Belästigung) besteht und wo genau zu finden ist, ab welcher Anzahl von Mitarbeitern ein portugiesisches Unternehmen als média empresa (mittlerer Betrieb) gilt. Durch die gemeinsame Mitgliedschaft in der Europäischen Union haben Portugal und Deutschland natürlich viele Gemeinsamkeiten, was die Definitionen der arbeitsrechtlichen Begriffe angeht (z. B. teletrabalho / Telearbeit, representação coletiva de trabalhadores / Arbeitnehmervertretungen). Aber es gibt eben auch viele Unterschiede: So hat z. B. Deutschland, im Unterschied zu Portugal, kein einheitliches Arbeitsgesetzbuch, und Portugal kennt mehrere Typen von Abmahnschreiben, die es in Deutschland nicht gibt. Der intensive Rechtsvergleich ermüdet uns Übersetzer manchmal, aber ohne ihn gibt es keine seriöse Terminologiearbeit.

Nach dem Vortrag folgte wie immer die Diskussion über authentische Texte aus der Berufspraxis. Durch die Anwesenheit von Frau Veiga stand uns eine wertvolle Hilfe bei der Terminologiearbeit zur Verfügung. Diskutiert wurden nicht nur Texte aus tatsächlichen Arbeitsverfahren, sondern auch andere arbeitsrechtlich relevante Textsorten wie Gehaltsabrechnungen und Arbeitsverträge.

Auch interessant war der traditionelle Büchertisch mit Fachliteratur: Neuerscheinungen, neue Ausgaben von bereits bekannten Wörterbüchern und weitere nützliche Werke. Eine Überraschung für mich war das Erscheinen einer kompletten Übersetzung des brasilianischen Código Civil (Bürgerliches Gesetzbuch) – das Werk habe ich natürlich sofort bezogen. Und dieses Jahr habe ich neben den üblichen Wörterbüchern auch mein Buch „Guia do tradutor: melhores práticas“ [zu Deutsch: „Best Practices für Übersetzer: eine Orientierungshilfe“] mitgebracht. Das Buch ist Ende 2013 in portugiesischer Sprache erschienen und umfasst 82 Fragen und Artworten zu praktischen Aspekten des Berufs Übersetzer, wie z. B. Verwaltung von Terminologie, Umgang mit Übersetzungswerkzeugen und Qualitätssicherung in Übersetzungsprojekten. Am Ende des Workshops wurden zwei Exemplare meines Buchs verlost.

Fazit

Für mich lassen sich die Vorteile des ATICOM-Workshops für PortugiesischÜbersetzer und -Dolmetscher wie folgt zusammenfassen:

  • fachlicher Austausch mit offenen Diskussionen und Einbeziehung authentischer Texte aus der Berufspraxis
  • terminologische Vertiefung durch Fachvorträge und den Zugang zu Experten (Referenten)
  • spontanes Netzwerken durch gemeinsame Mahlzeiten und Möglichkeit der Bildung konkreter Synergien
  • ausgezeichnete Moderation und Organisation
  • Büchertisch mit nützlicher Fachliteratur

Für 2015 wurde als Arbeitsthema „Rechtsmittelbelehrung und häufige Textsorten bei Gericht und Polizei“ vereinbart. Außerdem werden die Ergebnisse von zwei Arbeitsgruppen präsentiert, die sich dieses Jahr ganz spontan zu folgenden Themen gebildet haben: „Steuerbescheide/-erklärungen“ und „Rechtsmittelbelehrungen“. Im Laufe des Jahres sollen die AGs die Fachterminologie und Textbausteine der jeweiligen Textsorten sammeln und intern diskutieren, dann bringen sie die Ergebnisse zum Workshop 2015 zur weiteren Diskussion mit.

Wieder einmal hat unser kleines ATICOM-Netzwerk für Portugiesisch-Übersetzer und -Dolmetscher seine einzigartige Stellung in der deutschen Übersetzungsbranche bewiesen.

Hinweis: Dieser Artikel erschien im FORUM 1/2014.

Fabio Said