Bericht vom ATICOM-Workshop des Portugiesisch-Netzwerks 2009

Bereits zum dritten Mal hat Susanna Lips für ATICOM einen eintägigen Workshop für Portugiesisch-Übersetzer organisiert, der am 31. Januar 2009 wie im Vorjahr im Kolpinghaus in Frankfurt stattfand. Thema war in diesem Jahr der Gerichtsaufbau in Brasilien und Portugal mit den Referentinnen Dr. Tinka Reichmann und Maria de Fátima Veiga.

Dr. Tinka Reichmann hat den Diplom-Übersetzerstudiengang (Englisch, Französisch, Spanisch und Portugiesisch) an der Universität des Saarlandes absolviert und dort auch in Angewandter Sprachwissenschaft und Übersetzungswissenschaft promoviert. Sie war als vereidigte Übersetzerin beim Landgericht Saarbrücken und beim Oberlandesgericht Sarreguemines/ Frankreich tätig. Außerdem arbeitete sie als Dozentin am Institut für Angewandte Sprachwissenschaft und Übersetzung und als Lektorin des Instituto Camões an der Universität des Saarlandes. Derzeit lehrt sie deutsch-portugiesische Übersetzung an der Universität São Paulo.

Maria de Fátima Veiga stammt aus Lissabon. Sie ist portugiesische Touristikfachfrau und staatlich geprüfte Reiseleiterin. In Frankfurt am Main studierte sie Rechtswissenschaften. Dort ist sie auch als Rechtsanwältin und Fachanwältin für Arbeitsrecht zugelassen und führt gemeinsam mit einer Kollegin eine Rechtsanwaltskanzlei, deren Schwerpunkt die langjährigen, internationalen Geschäftsbeziehungen mit Portugal und Brasilien sind. Darüber hinaus ist sie allgemein ermächtigte Übersetzerin der portugiesischen Sprache für die Gerichte und Notare im Land Hessen und Lehrbeauftragte für portugiesisches Recht an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt.

Beide Referentinnen sind Mitglieder des BDÜ, Dr. Tinka Reichmann darüber hinaus auch des portugiesischen Übersetzerverbandes ATeLP.

Aus den Vorträgen wurde ersichtlich, dass der portugiesische und brasilianische Gerichtsaufbau nicht nur im Vergleich zum deutschen, sondern auch untereinander erhebliche Unterschiede aufweisen.

Der Justizaufbau in Brasilien

Die brasilianische Gerichtsbarkeit ist in zwei Zweige unterteilt: den des Bundes und den der Bundesstaaten. Das höchste brasilianische Gericht, das Supremo Tribunal Federal, ist mit unserem Bundesverfassungsgericht vergleichbar.

Eine Besonderheit stellen die 1995 eingerichteten Juizados Especiais Cíveis e Criminais dar, deren große Effizienz und Akzeptanz dazu führte, dass sie 2001 auch auf Bundesebene eingeführt wurden. Diese Kleingerichte bzw. Gerichte für geringfügige Belange ermöglichen ein vereinfachtes Schnellverfahren für Zivil- und Strafsachen geringeren Umfangs. Damit wird der Zugang zur Justiz erweitert und vereinfacht.
Besondere Aufmerksamkeit genießen dabei die Juizados Itinerantes („mobile Gerichte“), bei denen sich das Gericht per Bus und sogar per Schiff direkt zu den Menschen begibt, die häufig nicht lesen und schreiben können und denen aufgrund mangelnder Bildung und Information sowie der schlechten Infrastruktur der Zugang zu den ordentlichen Gerichten erheblich erschwert ist. Vor allem verwaltungsrechtliche Angelegenheiten wie Eheschließungen, Scheidungen, die Ausstellung von Urkunden und Ausweisen etc. werden hier geregelt. Eine spezielle Institution der Streitschlichtung im Verkehrsrecht sind die Juizados Volantes, die auf den Straßen Brasiliens Verkehrsunfallsachen vor Ort regeln.

Weitere Besonderheiten in Brasilien sind das Supremo Tribunal Eleitoral, das sogenannte „Bundeswahlgericht“, denn in Brasilien herrscht Wahlpflicht, sowie die Defensores Públicos, die sogenannten amtlichen Pflichtverteidiger, die anders als bei uns an den sogenannten Defensorias auf Bundes- und bundesstaatlicher Ebene fest angestellt sind.

Der Justizaufbau in Portugal

In Portugal wird derzeit eine große Justizorganisationsreform durchgeführt. Das noch gültige Gesetz Nr. 3/99 vom 13. Januar 1999 soll durch das Gesetz über die Organisation und Arbeitsweise der ordentlichen Gerichte (Lei de Organização e Funcionamento dos Tribunais Judiciais) Nr. 52/2008 vom 28. August 2008 ersetzt werden. Das neue Gesetz, welches einen übersichtlicheren Gerichtsaufbau vorsieht, flächendeckender ist und mehr Kompetenzen vergibt, wird voraussichtlich ab 22 dem 1. April 2009 bis zum 31. August 2010 zunächst in den Pilot-Gerichtsbezirken Alentejo Litoral, Baixo-Vouga und Grande Lisboa Noroeste eingeführt. (Erst ab dem 01.09.2010 soll das neue Gesetz sodann für das gesamte Land – vorbehaltlich eines Bewertungsberichtes – in Kraft treten.) Ein Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Gesetz ist der Wegfall der Círculos Judiciais, der „Gerichtskreise“. Zukünftig wird es ausschließlich Distritos Judiciais und Circunscrições bzw. Comarcas, also Gerichtsober- und –unterbezirke geben. Aus den ehemals vier Gerichtsbezirken Lissabon, einschließlich Azoren und Madeira, Porto, Coimbra und Évora entstehen fünf neue Gerichtsoberbezirke: Norte (Nordportugal), Centro (Zentralportugal), Lisboa e Vale do Tejo (Lissabon und das Tejo-Tal), Alentejo und Algarve.

Die interne Gerichtsorganisation, d. h. der dreistufige Instanzenzug wurde beibehalten.

Eine wichtige Änderung ergibt sich bei den erstinstanzlichen Gerichten (Tribunais de Comarca): Nach dem bisherigen Gesetz Nr. 3/99 gibt es sowohl Juízos – Abteilungen mit Einzelrichtern (Tribunal Singular) oder Kammern (Tribunal Colectivo) als auch Varas – Kammern mit spezifischen Zuständigkeiten. Das neue Gesetz Nr. 52/2008 schafft die Varas ab und sieht lediglich Juízos mit allgemeiner oder spezieller Zuständigkeit vor (Juízos de Competência Genérica e Especializada).

Eine Besonderheit in Portugal sind die Solicitadores, die man sonst aus dem angelsächsischen Recht kennt. Hierbei handelt es sich um eine Art Rechtsbeistand ohne Anwaltsrang, der alle Aufgaben eines Rechtsanwalts wahrnimmt, sofern kein Anwaltszwang besteht.

Nachmittag: Praktische Textarbeit, Übersetzungsprobleme und Erfahrungsaustausch Während der Vormittag den beiden Vorträgen und der Ausarbeitung umfangreicher Terminologien zum Gerichtsaufbau und den juristischen Berufen in Brasilien und Portugal gewidmet war, wurden am Nachmittag spezielle Übersetzungsfragen mit jeweils kleinen Exkursen diskutiert. Die Teilnehmer hatten Texte und deren Übersetzungen eingereicht, anhand derer spezielle Übersetzungsprobleme erörtert wurden. In diesem Zusammenhang wurden auch die Änderungen im portugiesischen Familien- und Scheidungsrecht besprochen, in welchem das Schuldprinzip abgeschafft wurde und aus der Poder Paternal (väterliche Gewalt) die Responsabilidade Parental (elterliche Sorge) wurde. Angesprochen wurden auch die unterschiedlichen Termini für „Gutachten“ im Brasiliani23 schen und Portugiesischen sowie die Frage der Anerkennung von in Deutschland angefertigten Übersetzungen in Brasilien, welche im Ermessen des jeweiligen Richters liegt.

Rück- und Ausblick

Der große Erfolg dieses nun bereits dritten Workshops für PortugiesischÜbersetzer und die von Jahr zu Jahr gestiegene Teilnehmerzahl sind letztendlich auch darauf zurückzuführen, dass es sich um die einzige Fortbildungsveranstaltung dieser Art für Portugiesisch handelt. So reisten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wieder aus allen Teilen Deutschlands an. Im Jahre 2010 wird der Workshop am 30. Januar wieder in Frankfurt stattfinden. Thema wird dann das Strafrecht in Brasilien, Portugal und Deutschland anhand von Vorträgen, Textarbeit und der gemeinsamen Erarbeitung von Terminologien sein.

Bettina Müller, (BDÜ)