Bericht vom ATICOM-Workshop des Portugiesisch-Netzwerks 2009

Am 1.2.2009 fand im Kolpinghaus Frankfurt am Main ein ATICOM-Workshop für Portugiesisch-Übersetzer zum Thema Gerichtsdolmetschen statt. Die Idee dazu wurde im Zusammenhang mit den bereits seit mehreren Jahren erfolgreich durchgeführten Workshops zum Thema Urkundenübersetzen für PortugiesischÜbersetzer geboren und von Frau Susanna Lips, Köln, und Frau Dr. Tinka Reichmann, São Paulo, in die Tat umgesetzt.

Die elf Teilnehmerinnen, von denen die meisten bereits an dem am Vortag durchgeführten Übersetzerworkshop teilgenommen hatten, erwartete ein anspruchsvolles Programm.

Zunächst gab es eine theoretische Einführung zum Thema Gerichtsdolmetschen von Frau Dr. Reichmann mit interessanten Literaturtipps und Anregungen für die folgende Diskussion und den Erfahrungsaustausch. Auch rechtliche Aspekte der Tätigkeit vor Gericht spielten hier eine Rolle. Die meisten Teilnehmerinnen hatten bereits Erfahrungen auf dem Gebiet des Gerichts- und Behördendolmetschens, wobei diese verschieden ausgeprägt waren.

Während es für einige in der Diskussion stärker um direkte sprachliche Fragen ging, waren andere vor allem an einer Besprechung der Situation an sich, nämlich als Dolmetscher vor Gericht zu stehen, interessiert.

Besprochen wurden Themen wie Eins-zu-eins-Dolmetschen, Vermittlung von Kulturstandards (ja oder nein, und wenn ja, in welchem Maße), Dolmetschtechniken vor Gericht, Einstellen auf das Dolmetschen in asymmetrischen Kommunikationssituationen, die Problematik der Neutralität und potenzielle Rollenkonflikte sowie Stressbewältigung.

Nach einer angeregten Diskussion ging die Gruppe mit gespannter Erwartung auf den praktischen Teil des Workshops in die Pause.

Der zweite Teil des Seminars bestand in der Durchführung einer Simulation von Gerichtsverhandlungen mit Rollenspiel. Die vorgegebene Situation war folgende: Ein portugiesischsprachiger Bürger steht als Angeklagter vor einem deutschen Strafgericht.

Gedolmetscht werden musste die gesamte Verhandlung, also die Anklage, die Ausführungen des Richters, des Staatsanwaltes, des Angeklagten und der Zeugen sowie die Plädoyers, das Urteil und die Urteilsbegründung.

Ein Teil der Teilnehmerinnen übernahm die entsprechenden Rollen, ein anderer Teil beobachtete die „Verhandlung“. Die zu dolmetschenden Texte lagen teilweise in Schriftform vor, jedoch nicht alle und nicht in vollem Umfang.

In einer zweiten Runde mit wechselnden Teilnehmerinnen wurde die Simulation mit einem anderen Fall wiederholt, bei dem lediglich die Anklageschrift vorgegeben war. Hier wurde besonderes Augenmerk auf das Dolmetschen von Zeugenaussagen gelegt, die teilweise in verschiedenen Dialekten erfolgten. Wohl für alle Beteiligten waren diese praktischen Übungen sehr nützlich. Einige Teilnehmerinnen konnten sich direkt ausprobieren und in einer guten und von gegenseitigem Vertrauen geprägten Atmosphäre ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Andere sammelten Terminologie und Redewendungen und deren Entsprechungen in der jeweils anderen Sprache für ein zu schaffendes Glossar.

Ein großer Vorzug der Runde war ihre Zusammensetzung aus deutschen und portugiesischen Muttersprachlerinnen (letztere aus Brasilien und Portugal). In guter Teamarbeit konnten so unterschiedliche Begriffe, Redewendungen und Ausdrucksweisen gleich „vor Ort“ auch unter Berücksichtigung der Unterschiede zwischen brasilianischem und europäischem Portugiesisch auf ihre Tauglichkeit geprüft werden.

Im Anschluss an die Übungen gab es eine Auswertungsrunde, in der von den Teilnehmerinnen eindeutig zum Ausdruck gebracht wurde, dass ein solcher Workshop ein sehr gutes Training und eine Hilfestellung für die eigene Arbeit darstellt.

Daher soll dieser unbedingt wiederholt werden, es gab auch bereits konkrete Vorschläge für Inhalt und Strukturierung künftiger Seminare.

Am Ende bedankten sich die Teilnehmerinnen bei den Organisatorinnen des Workshops, ein Dank, der auch hier noch einmal zum Ausdruck gebracht werden soll. Ein solches deutschlandweites Seminar für die Arbeitssprache Portugiesisch ist eine einmalige Angelegenheit und eine sehr gute Möglichkeit zur beruflichen Weiterbildung für diejenigen, die mit dieser Sprache arbeiten.

Irina Heinitz, Chemnitz