Bericht vom ATICOM-Workshop des Portugiesisch-Netzwerks 2010

An den samstägigen Übersetzerworkshop schloss sich am Sonntag, dem 31. Januar 2010, der Workshop für Portugiesisch-Dolmetscher im Strafverfahren an. Wie im Vorjahr wurde die Veranstaltung von Frau Susanna Lips organisiert und von Frau Dr. Tinka Reichmann moderiert, die u. a. für diese Veranstaltung aus Brasilien angereist war. Die meisten Teilnehmerinnen, darunter eine in Portugal tätige Kollegin, waren bereits am Vortag beim Übersetzerworkshop dabei. Sowohl die erfahrenen Kolleginnen, als auch diejenigen, die zum ersten Mal dabei waren, fieberten diesem Seminar gespannt entgegen, denn leider wird die portugiesische Sprache bei den Fortbildungsangeboten der Berufsverbände recht stiefmütterlich behandelt.

Da die 13 Teilnehmerinnen sich fast alle schon aus den Vorjahren und/oder bereits aus Studienzeiten kannten, verzichteten wir auf die Vorstellungsrunde. Frau Dr. Reichmann begann sofort mit der Vorführung von Ausschnitten aus dem brasilianischen Dokumentarfilm „Justiça – Brasil“ von Maria Augusta Ramos. Dieser Film aus dem Jahre 2004 dokumentiert auf eindrucksvolle Art und Weise Abläufe und Zustände der brasilianischen Strafjustiz am Beispiel des Tribunal de Justiça im Bundesstaat Rio de Janeiro. Gezeigt wird der Alltag von Justizpersonal, Polizeibeamten und Angeklagten in Gerichtsverhandlungen und in der Untersuchungshaft. Die in dem Justizgebäude dargestellte Realität dient beispielhaft für Zustände, die überall in Brasilien anzutreffen sind. Wir haben aus dem 107-minütigen Dokumentarfilm einige Gerichtsverhandlungen anschauen und besprechen können. Besonders interessant waren dabei die Podiumsdiskussion zur strafrechtlichen Terminologie und die Vergleiche mit dem deutschen Rechtssystem. Beispiele:

  • Wie werden Angeklagte dem zuständigen Richter vorgeführt?
  • Welche Rechte haben sie? Wer sind ihre Pflichtverteidiger?
  • Wie geht man mit ihnen um bzw. wie spricht man mit ihnen?
  • Wo führt man sie hin?
  • Welches Urteil wird gesprochen und wie? Wer ist bei der Urteilsverkündung anwesend?

Der Film zeigte unter anderem die besonders große Diskrepanz zwischen Rechtssprache und Gemeinsprache am Tribunal de Justiça Rio de Janeiros. Auffällig war für uns insbesondere, dass der Richter bei der Vernehmung eines Angeklagten nach Klärung des Bildungsniveaus auf dessen sprachliche Ebene wechselte, um sich verständlich zu machen. Dieser Unterschied besteht in Deutschland sicherlich auch, aber sicherlich so krass. Bei den Angeklagten handelte es sich in den meisten Fällen um Mittellose mit niedrigem Bildungs-und Informationsstand aus den Favelas (Armenvierteln) Rio de Janeiros. In den gemeinsamen Diskussionen stellten wir außerdem fest, dass Angeklagte bei Gericht in Brasilien auch nach ihrer Schulbildung bewertet werden, Akademiker somit oft einen anderen Status und bessere Haftbedingungen haben. Dies wird im Film besonders in den Szenen deutlich, in denen es zur Verlesung der Urteile kommt: Die Verurteilten legen oft keine Rechtsmittel ein, weil ihnen gar nicht bewusst ist bzw. erklärt wurde, dass sie hierauf Anspruch haben.

Außerdem sind die „Herren des Verfahrens“ -aus welchen Gründen auch immer -so damit beschäftigt, möglichst viele Urteile zu fällen, dass sie dabei vergessen, dass hinter jedem Angeklagten ein Mensch steht, der genauso viel Respekt verdient wie jeder andere. Mancher Richter ignoriert dadurch sogar völlig die Umstände, unter denen der Angeklagte vorgeführt wird – also auch Ermittlungsfehler der Polizei -und reagiert erst, wenn der Angeklagte ihn selbst darauf hinweist.

Die Regisseurin hat jedoch auch teilweise den Alltag von Gerichtsangestellten gezeigt, die die Rolle der Justiz als Schützer des Rechts in Frage stellen und das System als ungerecht verurteilen.

Im Anschluss an die Filmpräsentation wurde in angeregter Stimmung Terminologie erarbeitet und über bestimmte Aspekte des brasilianischen Rechtssystems im Vergleich zu dem deutschen und über soziale Kompetenzen bei Gericht diskutiert. Frau Dr. Reichmann schloss den ersten Teil des Workshops ab, indem sie Materialien für die zweite Runde am Nachmittag austeilte und alle mit prägnanten Eindrücken des Dokumentarfilms in die Pause schickte.

Die Mittagspause wurde genutzt, um sich in angenehmer Atmosphäre besser kennenzulernen bzw. auszutauschen. Außerdem wurden die Eindrücke des Dokumentarfilms besprochen und besondere Formulierungen evaluiert. Sicherlich wird dieser Film noch lange im Gespräch bleiben, denn Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in der Gerichtsbarkeit sind in Brasilien ein seit langer Zeit umstrittenes Thema.

Gemeinsame Erarbeitung der Übersetzung strafrechtlicher Termini

Im zweiten Teil des Workshops kamen die zuvor ausgeteilten Materialien zum Einsatz. Der gesamte Nachmittag wurde genutzt für die Ausarbeitung eines umfangreichen zweisprachigen Glossars mit Formulierungen aus dem Bereich des Strafrechts, insbesondere Textpassagen aus Anklageschriften und Urteilen. Wir „unterbrachen“ die Suche nach Termini immer wieder, um uns über unsere tägliche Arbeit auszutauschen, gegenseitig über gute und effiziente Arbeitsmaterialien zu informieren und spezielle Übersetzungsfragen zu klären, wie zum Beispiel die Funktion und Übersetzungsmöglichkeiten von Habeas Corpus. Bei der Ausarbeitung kniffliger Termini wurden insbesondere die Unterschiede zwischen dem europäischen und dem brasilianischen Portugiesisch sowie die regionalen Sprachunterschiede in Brasilien diskutiert und angemerkt. In der Teamarbeit übernahmen einige Teilnehmerinnen die Recherche bestimmter Begriffe in der vorhandenen ein-und zweisprachigen Literatur wie auch die Recherche im Internet, während die engagierte Moderatorin die erarbeiteten Terminologievorschläge und Erläuterungen sofort auf ihrem Laptop eingab, um sie im Nachgang per E-Mail an die Teilnehmer des Workshops zu senden. Einige Kolleginnen erklärten sich zudem bereit, noch nicht geklärte Fragen zu recherchieren und der Gruppe das Ergebnis ebenfalls per E-Mail zukommen zu lassen. Verwiesen wurde zudem auf das bereits bestehende Netzwerk für Portugiesisch-Übersetzer, das über eine Mailingliste verfügt und denjenigen als Unterstützung dienen soll, die Portugiesisch als Arbeitssprache haben.

Gegen Ende der Veranstaltung wurde über mögliche Themen, mögliche Referenten, Texte, Veranstaltungsort und gesamte Struktur des Workshops im kommenden Jahr diskutiert.

Fazit

Sicherlich haben wir durch die verschiedenen Verbände und Organisationen im Bereich Weiterbildung viele Austauschmöglichkeiten, doch eine Fortbildungsveranstaltung zu finden, die insbesondere oder auch nur Portugiesisch-Sprachmittler einberuft, ist doch selten oder gar nicht zu finden. Um so erfreuter war ich, als mich eine sehr gute Kollegin über den Workshop informierte. Es war aber nicht so einfach, das Kolpinghaus Frankfurt zu erreichen. Viel Schnee und eisglatte Straßen hatten den gesamten Straßenverkehr in und um Frankfurt lahmgelegt. Sicher ist es nun schon einige Wochen her, dass unser Workshop stattfand, doch das Fahren in und um Frankfurt herum bleibt mir in Erinnerung, und ich hoffe, im nächsten Jahr bessere Witterungsbedingungen vorzufinden.

Abschließend kann ich sagen, dass die Teilnahme an diesem Workshop eine großartige Erfahrung war. Ehemalige Studienkolleginnen zu treffen, neue Kolleginnen kennenzulernen sowie erfahren zu dürfen, wie jeder mit Problemen des Berufes umgeht, hat mir Mut gemacht und nochmals verdeutlicht, dass wir als Sprachmittler zweier Kulturen handeln und bei aller Neutralität und Präzision die Menschen, mit denen wir es zu tun haben, niemals aus den Augen verlieren sollten. Außerdem empfand ich, dass man sich heutzutage zusammentun und versuchen muss, im Team zu arbeiten. Letzteres ist in diesem Seminar sehr gut gelungen. Qualität und Professionalität kann man unter anderem auch durch den Erfahrungsaustausch und gute Vorbilder erlernen. Umso wichtiger sind kompetente und nette Kollegen, aber vor allem die Weiterbildungsmöglichkeiten durch Verbände und andere Institutionen. Für das Engagement mein herzliches Dankeschön an die Organisatorin und die Moderatorin. Weiter so, wir treffen uns sicherlich im nächsten Jahr wieder!

Hinweis für 2011

Als Termin wurde für das 5. Treffen das Wochenende 29. und 30. Januar festgelegt. Die Gruppe hat beschlossen, sich im kommenden Jahr an beiden Veranstaltungstagen mit dem Thema Urkundenübersetzen zu befassen. Veranstaltungsort wird wiederum das Kolpinghaus Frankfurt sein. Wir haben uns auf folgendes Thema geeinigt: Familienrecht (Scheidungs-, Kindschafts-, Sorge-, Umgangs-, Aufenthaltsbestimmungsrecht) und hiermit zusammenhängende Delikte wie häusliche Gewalt, Kindesmissbrauch, -entzug, -entführung, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Prostitution, Zuhälterei, Menschenhandel… Um sich darauf ein wenig vorbereiten zu können, bitten die Organisatorin und die Moderatorin darum, im Laufe des Jahres entsprechende Fachtexte, -termini und knifflige Formulierungen zu sammeln, damit man anhand dieser Begriffe und Textpassagen gemeinsam und gezielt Lösungen erarbeiten kann.

Elisângela Barão-Hecht