Bericht vom ATICOM-Workshop des Portugiesisch-Netzwerks 2012

Der ATICOM-Workshop hat sich inzwischen fest als Forum für erfahrene Portugiesisch-Übersetzer und -Dolmetscher in Deutschland etabliert. Bei jedem Workshop steht ein zentrales und praxisrelevantes Thema im Vordergrund, das durch Vorträge, Besprechung von Übersetzungslösungen, Austausch von Musterdokumenten und der gemeinsamen Erarbeitung von Terminologie behandelt wird. Die bisherigen Themen waren Eheverträge, Bildungswesen, Gerichtsaufbau, Strafrecht und Familienrecht, jeweils bezogen auf Portugal und Brasilien. Beim 6. Workshop am 04. und 05. Februar 2012 in Frankfurt, der wieder unter der Leitung von Susanna Lips (ATICOM, Köln), Dr. Tinka Reichmann (BDÜ, São Paulo) und Rechtsanwältin Maria de Fátima Veiga (Frankfurt a. M.) stand, befassten sich die Teilnehmer nun mit Immobilienrecht.

Am ersten Tag wurde anhand von Terminologielisten und Textauszügen aus brasilianischen Immobilienkaufverträgen, die von einigen Teilnehmern zur Verfügung gestellt wurden, einzelne Termini besprochen und eine eigene Terminologieliste erstellt. Die Eigentumsübertragung eines Grundstücks erfolgt in Brasilien durch Eintragung im Grundstücksregister (Registro de Imóveis) (Art. 1.245 des brasilianischen Zivilgesetzbuchs: “Transfere-se entre vivos a propriedade mediante o registro do título translativo no Registro de Imóveis”). Die öffentliche Beurkundung ist bei Grundstücken, deren Wert über dem 30-fachen des geltenden höchsten Mindestlohns liegen, erforderlich. Ansonsten sind auch privatschriftliche Kaufverträge zulässig. Die wichtigsten im brasilianischen Grundstücksrecht vorgesehenen Belastungen (die im Grundstücksregister eingetragen werden müssen) sind: Dienstbarkeit (servidão – Art. 1378), Nießbrauch (usufruto – Art. 1390), Wohnrecht (habitação – Art. 1414) und Ankaufsrecht (promessa de compra e venda – Art. 1417) (vgl. Ferreira/ Weinzenmann 2006).

Anschließend wurden anhand eines deutschen Kaufvertrags einzelne Rechtsbegriffe detailliert besprochen und die portugiesischen Übersetzungsmöglichkeiten erarbeitet. Es wurden zunächst der Aufbau eines deutschen Grundbuchblattes, das aus der Aufschrift, dem Bestandsverzeichnis und den drei Abteilungen besteht, und die Besonderheiten der Grundschuld im deutschen Recht rekapituliert und hervorgehoben, dass „Grundstück“ im juristischen Kontext als Immobilie zu verstehen ist und daher bebaut oder unbebaut sein kann („Im Rechtssinne werden beim Grundbuchamt nur Grundstücke registriert. Das Eigentum am Haus steht automatisch demjenigen zu, dem das Grundstück gehört. Das Haus ist also ein bloßer Bestandteil.” (Britz S. 5))

Außerdem wurde darauf hingewiesen, dass das brasilianische und das portugiesische Recht als Sicherungsmittel vor allem die Hypothek (akzessorisch, also an den Kredit gebunden) kennen, so dass es in der Übersetzung ggf. notwendig ist, das nicht-akzessorische Sicherungsmittel „Grundschuld“ zu umschreiben, um es von der – auch im deutschen Recht vorhandenen – Hypothek abzugrenzen. Der gemeinsam erarbeitete Formulierungsvorschlag lautet: „No direito alemão, a diferença da hipoteca para a hipoteca independente (Grundschuld) reside no fato de esta não ser acessória. A hipoteca independente pertence ao seu titular sem necessidade de existir relação com uma prestação. Assim, ela existe independentemente de seu titular ser também credor de uma prestação, e ele permanece titular desse direito real ainda quando não seja mais credor da prestação.“

Am zweiten Tag referierte Fátima Veiga über Grundzüge und Terminologie des Immobilienrechts in Portugal. So stellte sie zunächst die dinglichen Rechte über Immobilien im portugiesischen Recht vor und erläuterte die entsprechenden Begriffe: posse (Besitz), usucapião (Ersitzung), propriedade (Eigentum), usufruto, uso e habitação (Nießbrauch, Wohnund Nutzungsrecht), direito de superfície (Erbbaurecht) und servidões prediais (Grunddienstbarkeiten). Anschließend wurden die wichtigsten Eigenschaften des Vorvertrags über den Immobilienkauf (contrato promessa), der nicht notariell geschlossen werden muss, und des Kaufvertrags (contrato de compra e venda) in Portugal vorgestellt. Eine Besonderheit im portugiesischen Recht ist, dass die im Zusammenhang mit einem Vorvertrag getätigte Anzahlung (sinal) im Falle des Rücktritts gleichzeitig als Vertragsstrafe fungiert: Beim Rücktritt des Verkäufers muss dieser dem Käufer den doppelten Betrag zahlen, beim Rücktritt des Käufers darf der Verkäufer die geleistete Anzahlung einbehalten.

Zum Schluss wurden einzelne Termini der vorgelegten authentischen Musterdokumente aus Portugal besprochen: caderneta predial urbana (Auszug aus dem Immobilien-Steuerregister bzw. Grundstücksausweis – für bebaute Grundstücke), caderneta predial rústica (ebenso für unbebaute Grundstücke) und certidão da Conservatória do Registo Predial (Grundbuchauszug).

Der Workshop ist auch immer eine Gelegenheit, Informationen über neue Publikationen, Musterdokumente und einschlägige Websites auszutauschen. So wurde die lange erwartete und Anfang Januar 2012 erschienene zweite Auflage des Wörterbuchs Recht und Wirtschaft von Jayme/Neuss (Beck) bereits bei der Workshop-Arbeit eingesetzt. Ein willkommenes Novum des Wörterbuchs sind Anhänge mit Musterdokumenten aus Portugal mit der entsprechenden deutschen Übersetzung. In der neuen Ausgabe wurden die terminologischen Unterschiede zwischen Brasilien und Portugal stärker berücksichtigt. Diese sind nicht nur auf die verschiedenen Varianten der portugiesischen Sprache (PT/BR) zurückzuführen, sondern auf die Verankerung in einem anderen Rechtssystem, was vor allem bei dem Urkundenübersetzen zu berücksichtigen ist. Als Beispiel sei in diesem Zusammenhang das Lemma “conservatória do registo predial” (Grundbuchamt) in der neuen Ausgabe von Jayme/Neuss (S. 114) erwähnt, in dem auf die brasilianische Variante “cartório de registro de imóveis (bras)” verwiesen wird. Dieser Verweis war in der ersten Ausgabe nicht enthalten. Außer den üblichen Rechtswörterbüchern sind folgende Publikationen für das Thema dieses Workshops zu empfehlen:

  • Berty / Fernández-Nespral / Lösing / Rosset (2011), Wörterbuch zum Erb- und Immobilienrecht. Diccionario Jurídico de Derecho Inmobiliario y de Sucesiones. Deutsch – Spanisch, Spanisch – Deutsch. Berlin: BDÜ. (insbesondere die Erläuterungen zum deutschen Recht)
  • Sester, P. (2010), Brasilianisches Handels- und Wirtschaftsrecht. Frankfurt: Recht und Wirtschaft. (insbesondere das Kapitel Vertragsrecht)
  • Wollmann, I. (2011), Immobilien in Portugal. Handbuch für Eigentümer, Käufer und Verkäufer. Frankfurt: Edition f. internat. Wirtschaftsrecht.
  • Ferreira/Weinzenmann (2006), Notariat in Brasilien. Notarius International 1-2/2006 (http://212.63.69.85/Database/2006/notarius_2006_01_086_de.pdf)
  • Britz, J., Immobilienkauf. (http://www.notar-britz.de, Rubrik „Infothek“)
  • Santos, Carlos Alberto Cordeiro dos, A difícil arte de lavrar contratos
  • http://www.registroimoveispitangui.com.br/textos/A%20DIF%CDCIL%20ARTE%20DE%20LAVRAR%20CONTRATOS.doc (Muster-Immobilienkaufvertrag mit juristischen Erläuterungen der einzelnen Abschnitte)

An beiden Tagen brachten sich die Teilnehmer mit Terminologievorschlägen und mit der Bereitstellung eigener Unterlagen ein, besprachen konkrete Übersetzungsmöglichkeiten und tauschten Erfahrungen im Umgang mit Kunden und Notaren aus.

Fazit

Der ATICOM-Workshop ist derzeit das einzige Weiterbildungsangebot für Portugiesisch-Übersetzer und -Dolmetscher in Deutschland. Die Themen und Termine werden von der Gruppe jeweils im Vorjahr festgelegt und mit der Einsendung von Terminologielisten und Unterlagen von den Teilnehmern im Voraus vorbereitet. Im Anschluss an den Workshop versendet die Moderatorin, Dr. Tinka Reichmann, die erarbeitete Terminologie und Kopien weiterer Unterlagen an alle Teilnehmer. Die Gruppe tauscht sich außerdem regelmäßig über eine 2009 gegründete Yahoo-Mailingliste aus. Den Organisatorinnen sei herzlich für ihr Engagement bei der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung des Seminars gedankt.

Hinweis

2013 wird der ATICOM-Workshop, diesmal zum Thema Gesellschaftsrecht, am 2. und 3. Februar im bereits bewährten Kolpinghaus in Frankfurt stattfinden.

Elisabeth von Ahlefeldt-Dehn