Herbstsitzung von Transforum am 27. und 28. November 2015

Das IFB Institut für Fremdsprachenberufe war diesmal Gastgeber für das halbjährliche Treffen von Transforum, dem Koordinierungsausschuss Praxis und Lehre des Dolmetschens und Übersetzens. Das IFB ist eine der bayrischen Akademien, an denen traditionell in Bayern staatlich geprüfte Übersetzer und Dolmetscher ausgebildet werden. Am Vorabend der Transforum-Sitzung nahmen einige Praxisvertreter die Gelegenheit wahr, in einer Diskussionsveranstaltung Fragen der Studierenden zu Berufsbildern und beruflichen Perspektiven zu beantworten.

IFB Institut für Fremdsprachenberufe

(Referentin: Frau Dr. Iris Guske, Leiterin der Fachakademie)

In der Sitzung am Freitag stellte sich das gastgebende Institut vor und erläuterte die angebotenen Ausbildungen, Studiengänge und Weiterbildungsmöglichkeiten. Das Institut besteht aus einer Berufsfachschule für Fremdsprachenberufe und der Fachakademie für Übersetzen und Dolmetschen. In der Berufsfachschule wird eine zweijährige Ausbildung mit der Prüfung zum Fremdsprachenkorrespondenten abgeschlossen. Die Möglichkeit einer fortgeführten Ausbildung ergibt sich mit einem anschließenden Wechsel auf die Fachakademie, die ein (Fach)Abitur vorausgesetzt. Die Absolventen der Fachakademie legen nach drei Jahren ein Staatsexamen ab. Durch eine Kooperation mit der Hochschule für Angewandte Sprachen – Fachhochschule des SDI in München kann mit dem Bachelor of Arts für Übersetzen anschließend mit nur einem Zusatzsemester auch eine Doppelqualifikation erworben werden. Für begabte Studierende kann hier also der Weg vom Berufsfachschüler bis zum extern erworbenen Bachelor führen. Interessanterweise scheinen sich allerdings nach bisheriger Erfahrung generell – das heißt, mit Ausnahme des öffentlichen Dienstes – die Berufschancen für Bewerber mit Staatsexamen oder Bachelor nicht zu unterscheiden. Darüber hinaus bieten Partneruniversitäten im Ausland nicht nur die Möglichkeit, ein oder zwei Erasmus-Semester dort zu verbringen, sondern es kann nach dem Bachelor- auch ein Masterabschluss mit der Möglichkeit zur Dissertation erreicht werden.

Am IFB wird als Hauptsprache Englisch gelehrt, als Zweitsprache Französisch oder Spanisch; dazu werden als Wahlsprachen noch Russisch und Italienisch angeboten. Fachgebietsschwerpunkt ist Wirtschaft. Im Hinblick auf die Anforderungen des Arbeitsmarkts können von den Studierenden zusätzliche Kurse belegt werden, wie z. B. Projektmanagement, technische Redaktion, Softwarelokalisierung, Untertitelung etc.

Übersetzungspraxis der deutschen Sprachabteilung der EU-Kommission

(Referenten: Frau Margret Meyer-Lohse, Leiterin der deutschen Sprachabteilung, und Frau Renate Müller, Dokumentarin)

Für die Generaldirektion Übersetzung der Europäischen Kommission arbeiten rund 2.500 Übersetzer und Mitarbeiter in 23 Sprachabteilungen, je etwa zur Hälfte in Brüssel und Luxemburg sowie in kleinen Repräsentanzen in den EU-Hauptstädten. In der Deutschen Sprachabteilung gibt es vier Übersetzungsreferate, die alle Themenbereiche abdecken. Es arbeiten hier ca. 100 Übersetzer sowie 20 Assistenten (z. B. für die Vor- und Nachbereitung von Texten mit IT-Hilfe), eine Qualitätsbeauftragte, eine Dokumentarin, zwei Terminologen sowie Mitarbeiter für bestimmte Aufgaben und Tools (z. B. Normspeicher für Standardformulierungen). Diese sind entweder EU-Beamte (eine unbefristete Stelle, auf die man sich in einem Auswahlverfahren bewirbt), Vertragsbedienstete (mit Einjahresvertrag, der maximal bis zu sechs Jahren verlängert werden kann) oder Praktikanten (bezahlte Stelle nach Studienabschluss, fünf Monate; oder unbezahlt gegen Ende des Studiums für einen Monat). Im Internet gibt es weitere Informationen zu Stellenangeboten, Anforderungen  und offenen Ausschreibungen.

2014 wurden in der gesamten EU 2,3 Millionen Seiten übersetzt, davon fast 135.000 Seiten in der Deutschen Abteilung. Es wird seitdem stark selektiert, welche Papiere oder Dokumente tatsächlich der Übersetzung bedürfen und in welche Sprachen. Rechtsakte müssen natürlich verbindlich in allen 24 Amtssprachen der 28 Mitgliedsstaaten sein. Dabei kommt der Terminologie eine besondere Rolle zu und manchmal müssen neutrale, abgrenzende Begriffe für EU-Zwecke gefunden werden, um z. B. speziell deutsche oder österreichische Termini in einem Rechtsgebiet zu vermeiden. Auch aktuelle Vorgänge sind terminologisch von historischen abzugrenzen: So hieß es in der Nachkriegszeit „resettlement“ oder „Umsiedlung“, aber heute spricht man von „relocation“ oder „Umverteilung“. Allerdings stellt sich hier das Problem, dass man nun manchmal zwei unterschiedliche Termini parallel vorfindet: in älteren Rechtstexten noch – obligatorisch – die alte Formulierung, während in Pressemitteilungen oder anderen Texten die neue Verwendung finden muss.

Es werden für das weiterhin ansteigende Übersetzungsvolumen sehr viele Jahre in Bewerbungsverfahren gesucht. Aus der Liste externer Übersetzer vergibt das Freelance-Referat die Aufträge nach einem „dynamic ranking“-Verfahren an Selbständige oder Agenturen, wobei es sich bei der Kommission fast immer um kurzfristige Aufträge handelt. Externe Übersetzungen werden anonym evaluiert. Die Benotung der Übersetzung ergibt ein Ranking der Übersetzer, die bei schlechter Leistung keine neuen Aufträge erhalten. Es finden auch in unregelmäßigen Abständen Treffen mit Freelancern statt, um ein Feedback zu geben.

Verfahrenssprachen sind Englisch, Französisch und Deutsch, wobei englische Originale bei den zu übersetzenden Dokumenten den Hauptanteil ausmachen (EN 81 %, FR 5 %, DE 2 %); auch als Zielsprache hat das Englische den höchsten Anteil. Teilweise erfolgt eine Editierung von englischen Texten, die von Nicht- Muttersprachlern geschrieben wurden: Unter den EU-Beamten sind nur wenige englische Muttersprachler und es wird davor gewarnt, englische EU-Texte als „musterhafte Quelle“ zu benutzen, weil diese nicht alle editiert sind, so dass sich durchaus diverse Fehler sowie auch falsche und erfundene Ausdrücke darin finden!

Zusätzlich zu der GDÜ der Kommission haben der Rat und das Parlament ihre eigenen Übersetzungsabteilungen. Aufträge für das Parlament laufen fast ausschließlich über Agenturen/Übersetzungsunternehmen, die nach einem Bewerbungsverfahren relativ langfristige feste Verträge bekommen. Die sich uns darstellende Problematik von Unternehmen, die bei unseren Kollegen Übersetzerdaten anfragen und dann anscheinend nur in ihre Karteien übernehmen (siehe Infos ATICOM), erklärt sich hierdurch, denn die Unternehmen müssen einen Stamm qualifizierter Übersetzer nachweisen. Es kommt also für die ggf. an EU-Aufträgen interessierten Kollegen bei Anfragen darauf an, die Unternehmen richtig zu sortieren. Die Formulierung des Angebots könnte ein Indiz geben: Wird ausdrücklich auf eine Beteiligung an einer Ausschreibung hingewiesen oder vorgespiegelt, es würde kurzfristig ein (bestimmter) Auftrag erwartet? Man kann sich auch selbst einen Überblick über Ausschreibungen verschaffen durch einfache Registrierung auf TED, wo alle öffentlichen Ausschreibungen EU-weit zu finden sind.

Es wurde in Aussicht gestellt, dass 2017 ein Transforum-Treffen bei der GDÜ stattfinden könnte. Dann werden sicher noch mehr interessante Einblicke in die Arbeit der GDÜ möglich sein.

Online-Hilfen für das Übersetzen von EU-Texten – nützliche Links

Die Generaldirektion Übersetzung der Europäischen Kommission bietet auf ihrer Website eine Informationssammlung mit folgenden Themenschwerpunkten:

  • Sprachressourcen und nützliche Links (Online-Wörterbücher, Glossare, nationale Webseiten usw. in insgesamt 24 Sprachen)
  • Leitfäden für Auftragnehmer (Dokumentation für unsere Auftragnehmer zur Sicherung der Übersetzungsqualität, ebenfalls für 24 Sprachen)
  • Sprachenerkennung („Field guide to the main languages of Europe“, der Anhaltspunkte dazu gibt, in welcher Sprache ein Text geschrieben ist)
  • Klar und deutlich schreiben – Übersetzungsqualität
  • Sonderzeichen (Unicode-Zeichensätze)
  • Sprachen, Länder und Währungen (Codes und Namen)

Aktueller Forschungsstand Sprachkontrollwerkzeuge

(Herr Christoph Rösener, iai, Frau Ursula Reuther, iai Linguistic Content AG)

Die Praxistauglichkeit von Sprachkontrollwerkzeugen ist inzwischen an einem beachtlich fortgeschrittenen Punkt angekommen. Um die Qualität von Texten sicherzustellen, können Software-Tools eingesetzt werden, die bereits bei der Erstellung einer technischen Dokumentation sprachliche Fehler, inkonsistente Terminologie und sogar Formulierungen, die zu Verständnisproblemen führen, aufzeigen können. Sie ersetzen nicht das Humanlektorat, aber verhelfen zu konstanten und evaluierbaren Korrekturen durch festgelegte Standards und Gewichtungsschemata. Auch das Übersetzen wird durch Einhaltung vorgegebener Standards erleichtert. Diese Standards umfassen außer Rechtschreibung und Grammatik sowie einer festgelegten Terminologie auch zielgruppengerechte Formulierungen und z. B. Unternehmensrichtlinien für Layout, Referenzen, die Einbindung von Abbildungen. Eine Prüfung von Textqualität erfolgt auf Basis solcher Kriterien. Vorgestellt wurde CLAT (Controlled Language Authoring Technology) von IAI linguistic content AG, die von einzelnen Autoren direkt genutzt werden kann. Diese Software ist ausgerichtet auf eine linguistisch intelligente Sprachanalyse und kann auch zur Unterstützung der Terminologiearbeit dienen oder für eine Autorenschulung genutzt werden. ZertiFAKT dient als Ergänzung für das Qualitätsmanagement bei der Verarbeitung einer sehr großen Anzahl von Texten, z. B. für Datenbanken von Unternehmen, und es lassen sich Statistiken über die Häufigkeit bestimmter Fehlerarten erstellen.

Hinweise zum Thema Qualität beim Dolmetschen für Flüchtlinge

In einem offenen Brief hat der ADÜ Nord zum Thema Flüchtlinge und Ehrenamt an das Bundesamt für Flüchtlinge und Migration (BAMF) geschrieben und auf die Bedeutung einer Einhaltung der Grundsätze professionellen Dolmetschens hingewiesen (Norm ISO 13611:2014-12: Dolmetschen – Richtlinien für das Dolmetschen im Gemeinwesen) sowie auf die Initiativen zur Fortbildung derjenigen, die im Alltag für „kleine“ Sprachen dolmetschen, für die es keine universitäre Ausbildung gibt (z. B. UKE in Hamburg, das Bayrische Zentrum für transkulturelle Medizin, der Dolmetscherpool der Johannes Gutenberg Universität in Germersheim und SpuK in Osnabrück).

Auch Sprachlehrer des Bundessprachenamts arbeiten als ehrenamtliche Dolmetscher. Es werden online zum Download Kurzsprachführer als Verständigungshilfe für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt. Folgende 9 Sprachen sind hier erhältlich: Syrisch-Arabisch, Dari, Paschtu, Albanisch, Bosnisch, Serbisch, Mazedonisch, Englisch und Französisch.

Das nächste Treffen von Transforum wird sich mit „community interpreting“ als Schwerpunktthema beschäftigen. Auf Einladung des VDÜ, in Transforum vertreten durch Herrn Manfred Schmitz, wird am 3./4. Juni 2016 in Berlin gesprochen über den Bedarf, die Ausbildung sowie wichtige Problematiken in diesem Bereich. Es soll einen einführenden Vortrag einer ausgewiesenen Expertin zum Thema geben und es werden neben Praxisvertretern auch weitere Experten an europäischen Hochschulen angefragt.

Susanne Goepfert

Dieser Artikel erschien im FORUM 1/2016.