Der Anglophone Tag (siehe www.aticom.de/netzwerke/anglophoner-tag), initiiert von unserem leider früh verstorbenen Mitglied John D. Graham, bietet ein jährliches Forum für einen Ideen- und Erfahrungsaustausch und eine Plattform zum Netzwerken unter Übersetzern und Dolmetschern mit Englisch als Arbeitssprache. Er wird reihum von den gegenwärtig vier beteiligten Verbänden organisiert. 2020 ist ATICOM wieder an der Reihe. Aber zuerst zur diesjährigen Veranstaltung.

Vom 14. bis 16. Juni 2019 fand der Anglophone Tag in Würzburg statt. Er wurde vom BDÜ-Landesverband Bayern ausgerichtet und war dem Thema „Translation in the digital age“ gewidmet. Mit mehr als 50 Teilnehmern war er gut besucht.

Outrunning the bear?

Den Anfang machte Deborah Fry, Frytranslations, mit ihrem Vortrag „Outrunning the bear? Strategies for translators in the age of NMT“. Sie zeigte im Detail verschiedene Handlungsoptionen auf, damit man von dem Potenzial des sich schnell entwickelnden neuronalen maschinellen Übersetzens (Neural Machine Translation, NMT bzw. NMÜ) profitieren kann und sprach von einem möglichen Übergang von CAT (computer-assisted translation) zu HAT (human-assisted translation). In diesem Zusammenhang mahnte sie eine ständige Bereitschaft zur Weiterbildung und zum Umdenken an (neue Geschäftsmodelle).

Sie erwähnte auch Lektüre zu den möglichen Entwicklungen:

(1) When will AI exceed human performance? Grace et al.

(2) The future of the professions – Susskind & Susskind

Übersetzen 4.0

Es folgte der Vortrag von Daniel Brockmann, SDL, zum Thema „Übersetzen 4.0: Was die maschinelle Übersetzung mit dem Berufsbild Übersetzen macht“. Er sprach von einem Qualitätssprung bei der MÜ in letzter Zeit und vertrat auch die Ansicht, dass Geschäftsmodelle überdacht werden müssen. Besonders aufschlussreich waren meiner Meinung nach vier Feststellungen:

  • NMT hat ein Verständnis der Wahrscheinlichkeiten und Muster, aber nicht des Textes.
  • NMT arbeitet nur satzbasiert.
  • Humanübersetzer haben kognitive Fähigkeiten, die MÜ-Systeme nicht aufweisen.
  • Ein neuronales Netz lernt selbstständig, die eigenen Fehler zu korrigieren.

Algo-ethics

Ralf Lemster aus dem BDÜ-Vorstand sprach danach aus dem Stegreif über „Digitalisation, AI, algo-ethics – The BDÜ’s political activities in the digital age“. Er wies darauf hin, dass MÜ-Algo­rithmen eventuell absichtlich falsche Übersetzungen liefern könnten, z. B. aufgrund politischer Einflussnahme. Deshalb sind transparente MÜ-Algorithmen erforderlich bzw. Regeln vonnöten, die gewisse Bereiche bestimmen, in denen nur Humanübersetzer und -dolmetscher zum Einsatz kommen sollten. Anschließend beschrieb er Beispiele der Lobbyarbeit, auch in Zusammenarbeit mit anderen Verbänden, die erst nach langer Zeit zu einem guten Ergebnis führten.

E-Akte

Zum Abschluss befasste sich Dr. Till Guttenberger vom Bayerischen Staatsministerium der Justiz mit dem Bereich „Elektronischer Rechtsverkehr, E-Akte und Videokonferenzdolmetschen“. Er beschrieb die fortschreitende Digitalisierung in der Justiz und wies auf das Elektronische Gerichts- und Verwaltungspostfach (www.egvp.de) hin. Er erwähnte, dass es beim elektronischen Rechts­verkehr keinen Nutzungszwang für Übersetzer gibt. Zum Thema Videokonferenzdolmetschen sagte er, dass Richter in eigener Verantwortung entscheiden, ob dies eingesetzt wird. In Bayern soll diese Methode anscheinend nicht projektmäßig gefördert werden (Probleme: Präsenz der Prozessbeteiligten, erhebliche technische Aufrüstung).

Fazit

Die Vorträge waren sehr informativ und aufschlussreich. Es gab auch ein interessantes Rahmen­programm (u. a. Stadtführung und Besuch des Mozartfestes in der Würzburger Residenz), an dem ich leider nicht teilnehmen konnte.

Die Schlussfolgerung, die man aus allen Vorträgen ziehen konnte, war dies: Der Beruf des Übersetzers wird fortbestehen, sich aber radikal ändern.

Der nächste Anglophone Tag wird von ATICOM organisiert und findet am 20. Juni 2020 in Münster statt.

Thema: “New developments in translation & interpreting”.

Reiner Heard (reiner.heard@gmx.de)