Der Anglophone Tag (AT), das jährliche Treffen von Übersetzern/Dolmetschern mit Englisch als Arbeitssprache, wird reihum von den mitwirkenden Verbänden organisiert. In diesem Jahr wurde der AT am 23. September vom ITI German Network im Konferenzzentrum an der Pferderennbahn in Chester ausgerichtet.

Das allgemeine Thema der Veranstaltung war „Food for thought“. In meinem Einführungsvortrag mit dem irreführenden Titel „Moving away from traditional fare?“ ging es eigentlich nicht um Nahrung, sondern um die künftige Rolle der Übersetzer und ihre entsprechende Positionierung. Insbesondere verwies ich auf die FITPositionspapiere zum Thema „The Future for Professional Translators“ und zu weiteren aktuellen Fragen (siehe http://www.fit-ift.org/position-statements/).

Der nächste Vortrag von Gaby Cablitz befasste sich mit der ethischen Verantwortung der Übersetzer. Als Beispiel dienten die Übersetzungen des 1920 erschienen Buchs „Der Papalagi – Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea“. Die geschichtlichen und soziokulturellen Zusammenhänge wurden völlig verkannt. Trotz der als rassistisch einzustufenden Gedanken des Autors Erich Scheurmann erfreute sich das Werk vor allem in der Zeit der Hippie-Bewegung einer großen Popularität. Danach klärte uns Regina Simmes in ihrem Vortrag „Seelenfutter aus dem Topf“ über die Herkunft des Wortes „Seelenfutter“ auf. Ihre umfangreichen Recherchen hatten gezeigt, wie der Begriff „soul food“, ursprünglich Bestandteil der ethnischen Identität von Afroamerikanern in den USA (siehe auch „soul music“), einen Bedeutungswandel im Deutschen erfahren hat. Direkt vor der Mittagspause folgte eine informative Präsentation von Beth Skinner mit dem Titel „Around the world in 26 dishes“. Pro Buchstaben des Alphabets stellte sie kurz ein Nationalgericht vor und zeigte so, wie man mehr über die Kulturen anderer Länder erfahren kann.

Nach den Vorträgen ging es zum interaktiven Workshop-Teil der Veranstaltung über. Renate Ray-Klößmann führte uns mit konkreten Beispielen in die Welt der kryptischen Kreuzworträtsel ein, bei denen ein Um-die-Ecke-Denken unerlässlich ist. Danach haben wir anhand der Übersetzung einiger sprachlich anspruchsvoller Texte diverse knifflige Formulierungsprobleme besprochen.

Im Laufe der Veranstaltung erfuhr man auch einige Neuigkeiten aus den teilnehmenden Verbänden und konnte sich – wie immer bei den Anglophonen Tagen – im direkten Gespräch miteinander gut austauschen. Reichlich Gelegenheit zum Netzwerken bot auch das Rahmenprogramm. Am Freitag gab es für die Frühangereisten eine Wein- und Käseverkostung mit anschließendem Treffen in einem Pub namens Pied Bull („pied“ beschreibt natürlich die Farbe, nicht den Verarbeitungszustand). Am Sonntag folgte eine aufschlussreiche Stadtbesichtigung mit diversen Kostproben getreu dem Motto der Veranstaltung. Wer es noch nicht wusste: Chester ist wirklich eine sehr sehenswerte Stadt mit vielen Fachwerkhäusern (black-and-white houses), einer fast 3 km langen, begehbaren Stadtmauer, ihrer eigenen Seufzerbrücke und vielem mehr. Während der Veranstaltung setzten sich die AT-Koordinatoren der teilnehmenden Verbände kurz zusammen, um zu besprechen, wie man weitere Verbände beteiligen, die Organisation der Tagungen optimieren und den Informationsaustausch erweitern kann.

Wir bedanken uns beim ITI German Network für ein gelungenes Programm und freuen uns auf den nächsten AT. Zeit, Ort, Thema und Rahmenprogramm stehen schon fest. Er findet am 16. Juni 2018 in Greifswald statt; weitere Einzelheiten finden Sie in der Ankündigung im Internet auf: https://aticom.de/netzwerke/anglophoner-tag/.

Reiner Heard