Das Ende der Nahrungskette oder Teil der Wertschöpfungskette?

Ein Bericht über die 36. Gasttagung zum Thema „Auftraggeber und Auftragnehmer in der Übersetzungskette“ 2011 in Dortmund

Am Samstag, dem 5. November 2011, fand die 36. Gasttagung von ATICOM in Dortmund statt. Eine kleinere Gruppe von elf Personen war der Einladung gefolgt, um neue Anregungen zum Thema „Auftraggeber und Auftragnehmer in der Übersetzungskette“ zu erhalten. Passen die Glieder dieser Wertschöpfungskette gut zusammen? Konkreter: Welche gegenseitigen Erwartungen haben die Auftraggeber und Auftragnehmer, darunter natürlich auch die Freiberufler? Diese und weitere Fragen wurden auf der Gasttagung diskutiert, die in den Räumen des zentral gelegenen Hotels Drees stattfand. Hierzu hatte man zwei Referentinnen mit Erfahrungen verschiedener Unternehmensstrukturen eingeladen: Als Leiterin der Sprachenservice „Corporate Language Service“ bei der Deutschen Post AG in Bonn konnte Doro Meyer-Veit von ihren Erfahrungen mit einem firmeninternen Sprachendienst als Auftraggeber und Auftragnehmer berichten, während Heike Leinhäuser, Mitinhaberin der Leinhäuser Language Services GmbH in Unterhaching, die Sicht eines Übersetzungsunternehmens vermitteln konnte.

Aus der Sicht des firmeninternen Sprachendienstes

Nach der Begrüßung und Einleitung durch Reiner Heard folgte vormittags eine ausführliche Präsentation der zwei so verschiedenen Sprachendienste:

Doro Meyer-Veit leitet seit 11 Jahren den Sprachendienst bei der Deutschen Post DHL, der dem Unternehmensbereich Global Business Service zugeordnet ist und Dienstleistungen für alle Konzernbereiche erbringt. Das Team von Doro Meyer-Veit besteht aus 12 Mitarbeitern. Für einen Großkonzern mit über 400 000 Mitarbeitern rund um den Globus mag das vielleicht wenig klingen. Mit zwei Praktikantinnen und einem Stab von Freiberuflern wird aber die interne Nachfrage der 220 Ländergesellschaften erfolgreich gemeistert. Das Sprachenteam deckt intern fünf Sprachen ab: Englisch, Italienisch, Französisch, Niederländisch und Spanisch Für alle weiteren Sprachen werden Freiberufler eingesetzt. Das Verhältnis der intern und extern abgewickelten Aufträge beträgt etwa 10 % zu 90 %.

Zum Leistungsportfolio gehört ein großer Umfang an Qualitätsübersetzungen wie Verträge und Geschäftsberichte sowie die Qualitätssicherung von fremdsprachigen Texten, die von den Ländergesellschaften selbst erstellt wurden. Auch die Präsentationsberatung bei Konferenzen und Tagungen gehört zur Tagesordnung sowie Glossarerstellung und Recherche.

Qualitätssicherung

Wie sichert man die Qualität bei der täglichen Übersetzungsarbeit? Nach welchen Kriterien wird gearbeitet? Wie Doro Meyer-Veit ausführte, zählen hauptsächlich zwei Hauptkriterien – subjektive und objektive. Unter den subjektiven Kriterien versteht man in erster Linie die Zufriedenheit des Kunden Hierzu gehören Auftritt, Service und Wiedererkennung des Anbieters. Wichtig ist dabei das Wir-Gefühl. Es soll, mit anderen Worten, das Gefühl vermittelt werden, dass eine Zusammenarbeit zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer besteht
Um dieses subjektive Wir-Gefühl zu erreichen, müssen auch die objektiven Kriterien stimmen: Der Kunde erwartet z. B. eine korrekte und vollständige Übersetzung, Einhaltung von Terminen, die richtige Textkategorie und, nicht zuletzt, Verfügbarkeit.

Win-win-Situation

Aber auch an den Kunden werden Erwartungengestellt: So müssen zum Beispiel auch die Terminvorgaben realistisch sein. Klare Vorgaben zum Text sind wünschenswert, z B Verwendungszweck und Format sowie Hinweise auf sprachliche Besonderheiten, z B sprachliche Regelungen, Fachsprache etc , Infomaterial.
Sehr wichtig ist die Angabe eines Ansprechpartners, falls es Fragen gibt. Und Fragen darf man gern haben, meint Doro Meyer-Veit: „Fragen sind konstruktiv Fragen Sie lieber mehr als zu wenig“. Wichtig ist die Einstellung, dass Kunde und Anbieter „Business Partner“ sind: Beide sind an einer Winwin-Situation interessiert. Deshalb ist es auch von Bedeutung, dass der Anbieter professionell auftritt und dem Kunden sagt, was er nicht kann, statt dies zu verschweigen.

Lieferantenstruktur und Software.

Unter den Lieferanten gibt es Agenturen genauso wie „Einzelkämpfer“. Mit Einzelkämpfern arbeitet man übrigens gern zusammen. Rahmenverträge schließt man aber nicht ab. Aus der Gruppe kam die Frage, mit welcher Software bei der Deutschen Post DHL gearbeitet wird Hauptsächlich mit Trados, erwiderte Doro Meyer-Veit, aber auch mit MemoQ von der ungarischen Firma Kilgray. Bei MemoQ sei man besonders von der anwenderfreundlichen Oberfläche begeistert.

Der Übersetzungsdienstleister

Maßarbeit an Endkunden – wie schaffen wir Teamwork auf höchstem Niveau? Wo fährt der Zug hin auf dem Übersetzungsmarkt? Tendenzen am Markt? Das waren die Fragen, mit denen uns Heike Leinhäuser von der Firma Leinhäuser Language Services GmbH begrüßte. Leinhäuser Language Services GmbH entstand im Herbst 2010 durch eine Fusion aus Leinhäuser und Partner Fachübersetzungen und einem der internen Sprachendienste der Siemens AG. Leinhäuser Language Services GmbH (LLS) ist Rechtsnachfolgerin von Leinhäuser und Partner Fachübersetzungen, gegründet 1997 von Heike und Udo Leinhäuser. Das Team besteht aus 19 fest angestellten Projektleitern mit Übersetzerausbildung. Die Vergabe erfolgt hauptsächlich an „Einzelkämpfer“.
Seit 2007 steht Heike Leinhäuser auch dem Verband „Qualitätssprachendienste Deutschlands (QSD) e. V.“ als Präsidentin vor. Der Verband wurde 1998 auf Anregung der EUATC (European Union of Associations of Translation Companies) gegründet. Innerhalb der EUATC vertritt der QSD die Interessen und Ansichten der deutschen Übersetzungsbranche und somit der deutschen Übersetzungsunternehmen.

Trend des Übersetzungsmarkts – stetig steigend

Wie sieht nun der Übersetzungsmarkt aus? Es gibt dazu leider kaum Marktstudien und Statistiken sind also rar. Die General-Direktion Übersetzung, der interne Sprachendienst der Europäischen Kommission, hat 2008 jedoch eine Studie veröffentlicht, die einige interessante Zahlen belegt. Unter anderem zeigt sie, dass der Übersetzungsmarkt ein Milliardenmarkt ist. Für 2008 wurde der Umsatz der Branche auf 8,4 Mrd Euro EU-weit beziffert. Davon betrug der Umsatz für Übersetzungen und Dolmetschen allein 5,7 Milliarden. Das jährliche Wachstum liegt bei 10 %, und bis 2015 rechnet man mit einem Gesamtumsatz von 16,5 bis 20 Mrd Euro. Die Tendenz ist also steigend. Mit solchen Zahlen verzeichnet die Übersetzungsbranche eine der höchsten Wachstumsraten innerhalb der EU.

Marktkonsolidierung hält an

Aus der EU-Studie geht auch hervor, dass Anzahl und Größe der Übersetzungsagenturen zunehmen. Besonders bei den Großen der Branche ist eine wachsende Konsolidierung festzustellen, aber auch Freiberufler schließen sich in Netzwerken zusammen und neue Fachverbände werden ins Leben gerufen. Andererseits sind die Markteintrittskriterien zu niedrig und der Markt ist stark fragmentiert: Große „Player“ decken nur 10% des gesamten Übersetzungsvolumens ab. Dadurch sind viele Anbieter am Markt, die in intensivem Wettbewerb miteinander stehen. Um das Image der Übersetzungsbranche zu stärken, müsste man hier, so Heike Leinhäuser, die Lobbyarbeit verstärken. Eine weitere Spezialisierung wäre auch notwendig, um den immer anspruchsvoller werdenden Kunden entgegenzukommen.

Höhere Anforderungen auf der Kundenseite

Die Entwicklung auf dem Übersetzungsmarkt hat auch dazu geführt, dass kundenseitig die Anforderungen immer weiter steigen. Die Übersetzungsdienstleister stehen hier vor großen und komplexen Aufgaben. Von ihnen wird u a die Kanalisierung hoher Auftragsvolumina in mehrere Zielsprachen erwartet. Die „Time-to-Market“, d h die Zeit bis zur Auslieferung einer Übersetzung, wird auch immer kürzer und damit auch die Reaktionszeiten. Während die Übersetzungsagentur bzw der Übersetzer früher den Ausgangstext auf Papier mit der Post vom Kunden bekam und sich dann ausreichend Zeit für die Übersetzung nehmen konnte, geht heute nichts ohne die elektronische Post, und das im Stundentakt. Wenn der Kunde vormittags eine Anfrage per Mail schickt, wird spätestens am selben Nachmittag eine Antwort erwartet. So kann es leicht zu einer angespannten Kommunikation zwischen allen Beteiligten kommen. Für den Übersetzer gilt es, schnell zu reagieren, zum Beispiel mit einer Kurznachricht über Handy von unterwegs, um mitzuteilen, dass man verfügbar ist. „Wenn ich innerhalb von 4 Stunden keine Nachricht von meinem Übersetzer bekommen habe, muss ich weiter suchen“, sagte Heike Leinhäuser. Und wie weiß sie denn, dass „ihr“ Übersetzer freie Kapazitäten hat? „Wenn er gestern oder heute Morgen eine Übersetzung geliefert hat, gehe ich davon aus, dass ich ihm den nächsten Auftrag schicken kann.“

Rundum-Service wird auch dann von einem Übersetzungsdienstleister erwartet, wenn der Preis nicht entscheidet. Dann sind Mehrwertdienstleistungen gefordert. Dabei kann es sich um Lokalisierung, Fahnenkorrektur oder DTP handeln. Mehrsprachige Projekte sind der Alltag sowie Projektmanagement und Qualitätssicherung Ein Stab von In-House-Übersetzern ist ebenfalls erforderlich.
Als Projektmanager muss man den Kunden an die Hand nehmen und ihn beraten, wenn man ihn nicht an die Konkurrenz verlieren will. Deshalb ist Kooperation die Zukunft der Übersetzungsbranche, meinte Heike Leinhäuser. Kooperation bedeutet Kommunikation nicht nur zwischen den Kunden und dem Übersetzungsdienstleister, sondern auch zwischen Dienstleister und Übersetzer, aber nicht so, dass der Dienstleister nur Anweisungen gibt und der Übersetzer Fragen stellt. Nein, man muss den Spieß umdrehen. Statt Fragen zu stellen, sollte der Übersetzer mit Vorschlägen kommen. Der Dienstleister ist vom Übersetzer abhängig und was er braucht, ist eine gute Beratung.

Die Rolle des Freelancers

Die wichtigste Aufgabe des Freelancers ist, nach Meinung von Heike Leinhäuser, die Konzentration auf seine Kernkompetenz: auf das Übersetzen. Um den hohen Anforderungen auf dem schnelllebigen Markt gerecht zu werden, gehören heutzutage CAT-Tools (Computer Aided Tools) zum Arbeitsfeld des Übersetzers. CAT-Tools und Translation-Memory-Systeme wie Transit, Trados oder MemoQ erleichtern die Übersetzungsarbeit, können aber den Übersetzer nicht ersetzen. Es wird immer Texte geben, die sich für eine „maschinelle“ Übersetzung nicht eignen, z B Werbetexte und juristische Texte wie Verträge, Gewährleistungen etc.

Zur Rolle des Freiberuflers gehört auch ein „After-Sales-Service“. Als Freiberufler sollte man nicht zögern, auch nach gelieferter Leistung am Ball zu bleiben und seinen Service anzubieten, aber auch um einen Feedback zur geleisteten Arbeit zu bekommen. Der Freiberufler sollte nie zögern zu fragen: „Wie war ich?“

Als Freiberufler muss man sich aber auch immer überlegen, was man im Servicebereich machen kann oder machen will. Als Leitfaden gab uns Heike Leinhäuser folgendes mit auf den Weg: „Wenn ich auch den am schlechtesten gelaunten Kunden zu seiner Zufriedenheit bediene, habe ich meinen Job gut gemacht“.

Lena Samuelsson