Die Rentenlücke

Mit Blick auf die Berichterstattung in den Medien stellen sich vielleicht einige Selbstständige die Frage, ob Sparen überhaupt noch Sinn macht. Diese Verunsicherung ist nachvollziehbar: Die rentenpolitische Diskussion ist allgegenwärtig – ganz besonders im Wahlkampfjahr 2017. Einig sind sich jedoch Experten darin, dass die gesetzliche Rente nicht ausreichen wird, um den Lebensstandard im Alter halten zu können. Für Selbstständige, die in der Regel nicht in die gesetzliche Rente einzahlen müssen, gilt das umso mehr!

Doch was ist zu tun? Zunächst einmal gilt es, Ruhe zu bewahren. Nicht jedes Schreckgespenst aus den Medien wird später Realität. Es ist immer hilfreich, zunächst die eigene Lage zu prüfen: Sorge ich ausreichend fürs Alter vor? Ein Blick in die eigenen Unterlagen gibt Auskunft. Wichtig ist, den Überblick zu behalten und einschätzen zu können, ob eventuell Versorgungslücken zu schließen sind. Neutrale und leicht verständliche Informationen finden Selbstständige dabei auch im Webmagazin der Initiative Deutsche Betriebsrente, die Informationen rund um die Themen Rente, Altersvorsorge und betriebliche Altersvorsorge bietet und sich dabei auch ganz gezielt an Selbstständige richtet.

Außenseiter im Vorsorge-System?

Selbstständige nehmen bei der Altersvorsorge einen besonderen Stellenwert ein. Von den drei Säulen des deutschen Rentensystems fallen bei vielen Selbstständigen gleich zwei Säulen weg: Von der Beitragspflicht in die gesetzliche Rente sind sie befreit und sie haben keinen Arbeitgeber, der ihnen eine betriebliche Altersversorgung bieten könnte. Wenn auch kein berufsständisches Versorgungswerk vorhanden ist, das diese zweite Säule ersetzen kann, dann bleibt tatsächlich nur die private Altersvorsorge als dritte Säule, auf die sich alles stützt.

Die Vorsorgesituation der Selbstständigen wurde unlängst vom Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW) Berlin untersucht. Insgesamt schließt die Studie mit einem positiven Fazit. Der überwiegende Teil der Selbstständigen sorgt gesetzlich oder privat sowie über Vermögen für das Alter vor. Die Berufsgruppe der Selbstständigen muss aber differenziert betrachtet werden. Die Problemkinder dieser Berufsgruppe mit Hinblick auf Altersvorsorge heißen Solo-Selbstständige, also Personen, die eine selbstständige Tätigkeit ausüben und keine Mitarbeiter haben. Unter ihnen gibt es viele, bei denen am Monatsende nicht ausreichend Geld übrig bleibt, um es in die Altersvorsorge zu investieren. Solo-Selbstständige haben tatsächlich Grund zur Sorge, denn ihre Altersvorsorge weist oft Lücken auf.

Im Jahr 2013 waren unter den Selbstständigen 57 Prozent nicht obligatorisch rentenversichert. 12 Prozent haben nach den Daten der amtlichen Einkommens- und Verbrauchsstichprobe weder in die gesetzliche Rentenkasse noch in eine private Altersvorsorge eingezahlt. 21 Prozent der Selbstständigen ohne gesetzliche Rente kann auch kein Vermögen in Höhe von mindestens 100.000 Euro vorweisen. Für insgesamt eine halbe Million der Selbstständigen wird daher eine Lücke in der Altersvorsorge angenommen. Setzt man die Grenze bei 250.000 Euro Vermögen fest, sind sogar 16 Prozent der Selbstständigen (670.000) und 19 Prozent aller Solo-Selbstständigen (450.000) betroffen.

Die schlechte Vorsorgesituation vieler Selbstständiger zeigt sich auch an anderer Stelle. Bei den Personen, die im Alter auf eine Grundsicherung zurückgreifen, sind gerade Selbstständige überproportional häufig vertreten. Immer wieder werden daher Forderungen laut, dass sich alle Selbstständigen an der Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung beteiligen sollen. Nur dann – so die Kritiker – sei es für Selbstständige legitim, auf die steuerfinanzierte Grundsicherung zuzugreifen.

Vor- und Nachteile der Rürup-Rente

Sehr viele Selbstständige setzen bei der Altersvorsorge auf die Rürup-Rente, denn hier sind die Vorteile besonders groß. Die Rürup-Rente bietet sich vor allem für Freiberufler oder Selbstständige an, da sie nicht in den Genuss staatlich geförderter Riester-Verträge oder Betriebsrenten kommen. Sie ist trotz sinkendem Garantiezins ein attraktives Sparmodell für alle, die ein hohes Einkommen haben und viel Steuern zahlen müssen, denn die gezahlten Beiträge können bis zu 84 Prozent in der Steuererklärung als Sonderausgaben abgesetzt werden. Alleinstehende können aktuell bis zu 19.625 Euro, Ehepaare bis zu 39.250 Euro steuerlich geltend machen. Der Prozentsatz wird weiter steigen und soll ab 2025 bei 100 Prozent liegen.

In Deutschland gibt es rund zwei Millionen Rürup-Verträge, so der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Es gibt verschiedene Formen dieser privaten Altersvorsorge. Versicherte können aus drei Arten aussuchen: fondsgebundene Versicherung (Fondspolice), Fondssparplan oder klassische Rentenversicherung. Besonders die klassische Form, die Rentenversicherung, ist eine sichere Sparform. Die Mindestrente wird hierbei bereits zu Beginn festgelegt.

Die Rürup-Rente muss allerdings nachgelagert versteuert werden. Geht ein Rürup-Sparer 2017 in Rente, liegt der steuerpflichtige Anteil der Rente bei 74 Prozent. Dieser Anteil wird weiter ansteigen. Für Rürup-Sparer, die ab 2040 in Rente gehen, liegt der steuerpflichtige Anteil der Rente bei 100 Prozent. Trotz des sofortigen Steuervorteils, der für viele die Hauptmotivation ist, einen Vertrag abzuschließen, sollte die Entscheidung für eine Rürup-Rente gut bedacht sein. Aus dem Vertrag kommt man nämlich nicht mehr raus. Selbst wenn der Vertrag gekündigt wird, wird er letztlich nur beitragsfrei gestellt. Das eingezahlte Kapital verbleibt beim Vertragspartner bis zur Auszahlung der Rente. Auch sind Kapital- oder Teilauszahlungen nicht möglich.

Die Rürup-Rente wird ab dem Renteneintritt ausgezahlt und zwar ein Leben lang. Daher profitieren in erster Linie die Versicherten, die besonders alt werden. Experten raten daher, die eigene Lebenserwartung realistisch einzuschätzen, bevor man sich für einen Rürup-Vertrag entscheidet. Die eingezahlten Beiträge erhält man in der Regel erst ab einer Rentendauer von über 20 Jahren wieder raus.

Es gibt viele Anbieter für eine Rürup-Rente. Interessenten sollten bei der Auswahl vor allem die Effektivkosten vergleichen. Es gibt bei den Anbietern große Unterschiede, wie Stiftung Warentest untersucht hat. So kann die garantierte Mindestrente je nach Anbieter bei gleichen Beiträgen und gleichem Einzahlungszeitraum zwischen 559 Euro und 647 Euro liegen.

Alternative Altersvorsorge: Vermögensbildung in Eigenregie

Wen weder die Rürup-Rente noch die Angebote der privaten Rentenversicherungen überzeugen können, dem bleibt nur noch, selbstständig Vermögen für die Rente anzusammeln. Die aktuelle Niedrigzinsphase kann einem aber jede Freude am Sparen auf Tages- oder Festgeldkonten vermiesen und deswegen sind alternative Modelle gefragt wie nie zuvor. Hier einige Optionen, die man zumindest als einen Bestandteil des persönlichen Vermögensbildung in Erwägung ziehen kann. Aber bitte immer bedenken, dass keine dieser Anlageformen risikolos ist!

  • Wohnen in der Spardose – das Eigenheim: Eine der beliebtesten Formen des Sparens ist das Eigenheim. Ist die Immobilie einmal abbezahlt, kann man als Rentner entweder mietfrei darin wohnen oder Haus bzw. Wohnung vermieten oder verkaufen.
  • Sammlerleidenschaft nutzen: Sie können sich für erlesene Weine, schöne Bilder, Erstausgaben oder alte Autos begeistern? Mit dem entsprechenden Know-how und einer ausreichend langen Haltezeit lassen sich solche Schätze im Alter gewinnbringend verkaufen.
  • Sparen mit Sachwertinvestitionen: Auch viele Luxusgüter eignen sich als alternative Geldanlage. Auf Auktionen werden Designer-Handtaschen, Markenuhren und Ähnliches für sechs- bis siebenstellige Eurobeträge versteigert.
  • Das bleibt unter uns: Kredite von Privatpersonen: Sogenannte Peer-to-Peer-Kredite erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Sie werden ohne Beteiligung von Banken oder Finanzinstituten von Privatpersonen an Privatpersonen vergeben. Hierfür gibt es einige spezielle Online-Plattformen.
  • Digitalisierung des Sparens: Planen Sie Ihre Sparziele mit einem Computer. Bei einem Roboadvisor profitieren die Kunden von online vorgefertigten Strategien für die Geldanlage. Die Beratungssoftware hilft in wenigen Schritten bei der Auswahl passender Indexfonds (ETFs). Der Vorteil für die Kunden: Beratung und Fondskauf sind deutlich günstiger als bei einer klassischen Bank.
  • Science Fiction oder Realität? Bitcoins, die digitale Währung: Sie möchten es noch ausgefallener, noch moderner? Kryptowährungen wie Bitcoins galten lange Zeit als Hirngespinst. Heute können Bitcoins auf speziellen Bitcoin-Börsen oder von anderen Nutzern erworben werden. Die digitale Währung wird in einem digitalen Portemonnaie, dem sogenannten Wallet, online gespeichert.

Für welche Formen der Vermögensbildung man sich letztendlich entscheidet, ist nicht so wichtig. Das Wichtigste ist, sich jetzt einen möglichst objektiven Blick über die persönliche Lage zu verschaffen, um dann ganz gezielt und individuell an der Schließung möglicher Lücken zu arbeiten – und zwar unverzüglich, auch wenn das Rentenalter noch Jahrzehnte entfernt ist. Je eher Sie beginnen, desto kleiner sind die erforderlichen monatlichen Rücklagen bzw. desto länger können Sie Ihre Immobilie oder Ihre Sammlerstücke genießen.

Martina Welters

Dieser Artikel erschien im FORUM 2/2017.