Wettbewerbsvorteile durch Ermächtigung/Vereidigung nutzen

In der Übersetzungsbranche herrscht ein zunehmender Wettbewerb. Jeder Anbieter versucht, sich von den anderen zu differenzieren. Das gilt nicht nur für die großen Übersetzungsbüros, sondern vor allem auch für Einzelübersetzer. Mit der gerichtlichen Ermächtigung haben Übersetzer eine weitere Möglichkeit der Differenzierung. Diese ermöglicht außerdem die Erschließung bestimmter Marktnischen und damit das Schaffen zusätzlicher Einkommensquellen: Es sind ja nicht nur die Gerichte, die beglaubigte Übersetzungen benötigen, sondern vor allem auch die Wirtschaft und Privatkunden. Teilnahme an einer internationalen Ausschreibung, Anmeldung zur Eheschließung mit Auslandsbeteiligung, Anerkennung ausländischer Abschlüsse – das sind drei der häufigsten Situationen, in denen nur ermächtigte Übersetzer die entsprechenden Unterlagen übersetzen dürfen. Das ist ein klarer Wettbewerbsvorteil. Viele dieser Aufträge landen jedoch nicht auf dem Arbeitstisch eines Einzelübersetzers, sondern auf dem eines Übersetzungsbüros. Die Büros sind wiederum auf die Mitarbeit der ermächtigten Übersetzer angewiesen, da sie selbst als juristische Personen die Richtigkeit und Vollständigkeit einer Übersetzung nicht bescheinigen dürfen. Warum viele ermächtigte Übersetzer solche Aufträge annehmen, statt ihren klaren Wettbewerbsvorteil zu nutzen, ist für mich ein Rätsel.

Ich sehe mindestens drei Gründe, keine beglaubigten Übersetzungen für Vermittler zu machen:

1. Die Ermächtigung ist persönlich

Die Ermächtigung durch ein Land- bzw. Oberlandesgericht, die Richtigkeit und Vollständigkeit einer Übersetzung zu bescheinigen, ist persönlich. Nur natürliche Personen werden gerichtlich ermächtigt. Selbstverständlich kann der Inhaber einer Übersetzungsagentur ermächtigt sein, aber eine Übersetzung beglaubigen darf er nur in seiner Eigenschaft als ermächtigter Übersetzer für die jeweilige Sprache, nicht als Firmeninhaber. Wenn eine Agentur einen Auftrag zur Anfertigung einer beglaubigten Übersetzung in eine bzw. aus einer Sprache annimmt, für die der Inhaber selbst nicht ermächtigt ist, stellt das eine ethisch problematische Situation dar. Das würde bedeuten, dass der Vermittler mit Urkunden handelt. Ist das akzeptabel?

2. Verstoß gegen das Wettbewerbsverbot

Bevor ein Übersetzer anfängt, mit einer (seriösen und anspruchsvollen) Agentur zusammenzuarbeiten, wird zwischen ihnen in der Regel eine Geheimhaltungs- bzw. Vertraulichkeitsvereinbarung getroffen. Diese schließt normalerweise auch Regelungen über das Wettbewerbsverbot ein. In der Praxis heißt das, der Übersetzer darf nicht in direktem Kontakt mit dem Endkunden sein, damit der Eindruck nicht entsteht, dass der Übersetzer gegen seinen Auftraggeber konkurriert. Beglaubigte Übersetzungen enthalten jedoch nicht nur die Unterschrift, sondern auch den Stempel des Übersetzers mit Namen, Adresse und eventuell weiteren Kontaktdaten. Damit kann der Endkunde erfahren, wer der Übersetzer ist und wo er ihn findet, das Wettbewerbsverbot kann deshalb nicht gewährleistet werden. Ist das nicht eine Verletzung der getroffenen Vereinbarung?

3. Agenturen vermitteln nicht umsonst

Selbstverständlich dürfen Agenturen Geld mit Aufträgen verdienen, die sie selbst gewonnen haben, und die Kosten von u. a. Kundengewinnung, Marketingmaßnahmen und Auftragsverwaltung decken. Leider erfolgt das zu Ungunsten der ermächtigten Übersetzer. Die Preise, die Vermittler zahlen, liegen (meistens weit) unter den Preisen, die man von Direktkunden für dieselbe Arbeit erzielen kann. Insbesondere bei Aufträgen für Gerichte als Endkunden bedeutet das, für Honorare zu arbeiten, die niedriger als die im Justizbereich geltenden und im JVEG festgelegten Zeilenpreise sind. Warum sollte ich für eine beglaubigte Übersetzung im Justizbereich so wenig Geld bekommen, wenn ich per Gesetz den Anspruch auf Honorare zwischen 1,55 und 2,05 Euro pro Zeile habe?

Den Wettbewerbsvorteil nutzen – aber wie?

Um ihren klaren Wettbewerbsvorteil zu nutzen, müssten sich ermächtigte Übersetzer vor allem weigern, beglaubigte Übersetzungen für Vermittler anzufertigen. Den Handel mit beglaubigten Übersetzungen gibt es nur, weil es genügend Übersetzer gibt, die die Konditionen der Agenturen akzeptieren bzw. keine Lust haben, Kundenakquise zu betreiben. Auf Dauer gefährdet dies nicht nur die Existenz der betroffenen Übersetzer (die für niedrigere Honorare arbeiten müssen), sondern auch die des ganzen Berufsstands (der dadurch an öffentlicher Anerkennung verliert und von den Agenturen finanziell abhängig gemacht wird).

Dann müsste man sich überlegen, welche Art von Kundenakquise in Frage kommt. In vielen Fällen reicht für die Auslastung mit regelmäßigen Aufträgen eine ansprechende kundenorientierte Website aus. Leider sind viele Übersetzerwebsites langweilig oder enthalten nur eine Selbstdarstellung ohne den direkten Bezug zu dem, was der Kunde damit gewinnt. Eine Website soll dem Kunden einen deutlichen Weg zur Auftragserteilung zeigen. Da muss der Einzelübersetzer genauso fokussiert sein wie die großen Büros mit ihren Marketingteams. Kundenorientierung lohnt sich!

Noch effektiver sind Anzeigen in Suchmaschinen, z.B. bei Google. Die Büros verwenden diese Taktik, um an Direktkunden zu kommen, Einzelübersetzer können auch davon profitieren. Mit einer Investition von ca. 80 Euro im Monat kann man ein zusätzliches Bruttoeinkommen von ca. 3000 Euro aus der Tätigkeit als ermächtigter Übersetzer für die Wirtschaft und Privatkunden erzielen. Wichtig ist, dass diese bezahlten Klicks zu konkreten Aufträgen führen, das Ziel dabei ist also nicht, die bloße Besucherzahl der Website zu erhöhen. Tipps zur Erstellung von Google-Anzeigen gibt es sowohl in kostenlosen Beiträgen und Foren im Internet als auch in Seminaren für Existenzgründer. Ein in Suchmaschinenmarketing gut geschulter ermächtigter Übersetzer kann bei Google-Anzeigen auf Augenhöhe mit den Agenturen konkurrieren. Wenn alles gut läuft, ist man bald nach der Freischaltung der Anzeigen für mehrere Wochen ausgelastet.

Eine weitere Maßnahme ist das Netzwerken mit potentiellen Kunden. Gerade wegen ihrer unmittelbaren Kenntnisse der Sprache und Kultur des jeweiligen Zielpublikums haben Einzelübersetzer gegenüber den Büros dabei einen klaren Vorteil. Die Kommunikation ist unkomplizierter, sie erfolgt von Mensch zu Mensch, viele Direktkunden schätzen das sehr. Das Ziel hier ist nicht unbedingt, Geschäft zu machen, sondern vor allem einen guten persönlichen Eindruck zu hinterlassen. Beispiele sind die Teilnahme an einem Forum bei XING oder LinkedIn mit Informationenaustausch über ein bestimmtes Land oder an einem Internetforum über die Anerkennung ausländischer Abschlüsse in Deutschland – da findet man bestimmt ein paar Ansprechpartner, die später auch Auftraggeber werden könnten. So gehen erfolgreiche Übersetzer in anderen Bereichen vor, warum sollte es für ermächtigte Übersetzer im Justizbereich anders sein?

Die Suche nach Direktkunden ist schwieriger und aufwändiger als die nach Agenturkunden. Die Kompetenzen, die Einzelübersetzer dabei beweisen müssen, gehen manchmal weit über die Kernkompetenzen eines Sprachmittlers hinaus. Aber auch diese kaufmännischen Kompetenzen kann man lernen – zum Beispiel bei Fortbildungsangeboten der Übersetzerverbände. Außerdem ist bei der Zusammenarbeit mit Direktkunden deutlicher, wie eine beglaubigte Übersetzung das Leben eines Menschen oder den Erfolg eines Unternehmens beeinflusst – da steht der ermächtige Übersetzer direkt vor dem Nutzer seiner Übersetzung und erfährt sofort in einer kurzen Kundenberatung, wie entscheidend seine Arbeit ist. Beglaubigte Übersetzungen für Direktkunden können also mehr Motivation bedeuten – anders als bei der Zusammenarbeit mit Vermittlern, bei der der Nutzen von beglaubigten Übersetzungen nicht unmittelbar ersichtlich ist.

Fazit

Ermächtigte Übersetzer, die nur – oder fast nur – für Vermittler arbeiten, können ihren Wettbewerbsvorteil nutzen und dabei ihr Einkommen erhöhen, indem sie den Zugang zu Direktkunden aktiv suchen. Das bedeutet: kaufmännische Kompetenzen zu erwerben bzw. zu verbessern, mehr Verantwortung zu übernehmen und Marketingmaßnahmen zu verstärken. Wer bereit ist, Zeit und Geld zu investieren, kann auch mit mehr Motivation rechnen, denn bei beglaubigten Übersetzungen für Direktkunden sieht der Übersetzer sofort, wie wichtig seine Arbeit für den Kunden ist.

Fabio Said

Dieser Artikel erschien im FORUM 2/2014.