Stellungnahme des DIN-Normenausschuss zur ISO 20771:2020

Vor einigen Tagen wurde von der ISO (International Organization for Standardization) eine neue Norm für Übersetzungsdienstleistungen veröffentlicht: ISO 20771:2020 „Legal translation – Requirements“.

Allerdings lief es diesmal anders als bei der Veröffentlichung der ISO 17100:2015 „Übersetzungsdienstleistungen – Anforderungen an Übersetzungsdienstleistungen“ (die übrigens in diesem Jahr zur Aktualisierung ansteht). Normalerweise wird ja eine ISO-Norm von den einzelnen Mitgliedsländern mitverfasst, unterstützt, später in die jeweilige Landessprache übersetzt und im Idealfall auch in das landeseigene Normenwerk aufgenommen.

Bei der ISO 20771 hat Deutschland, vertreten durch den zuständigen DIN-Normenausschuss, zusammen mit einigen anderen ISO-Mitgliedsländern immer wieder auf die im Normenentwurf enthaltenen Unstimmigkeiten oder gar Konflikte gegenüber der bestehenden Praxis und den gesetzlichen Vorgaben hingewiesen. Letztendlich hat man sich entschlossen, bei der finalen Abstimmung gegen diese Norm zu stimmen.

Von Anfang an stand die Notwendigkeit dieser Norm in Zweifel. Nur zwei Beispiele:

  1. Bei Weiterverfolgung der bisherigen Praxis, einzelne Normen für einzelne Fachgebiete herauszugeben, würde eine Notwendigkeit von Mehrfachzertifizierungen/Rezertifizierungen (nicht nur) bei Übersetzern der „kleineren“ Sprachen bestehen, die auf mehreren Fachgebieten tätig sind
  2. Es besteht ein eindeutiger Konflikt mit der in Deutschland gängigen „Bestätigung der Richtigkeit und Vollständigkeit“ durch einen vom zuständigen Gericht ermächtigten Übersetzer versus der in der Norm geforderten, sogenannten ‚signing-off‘-Praxis, die jeder Übersetzer vornehmen kann. Dies kann sehr leicht zu Irreführung und Vortäuschung der vorgenannten „Bestätigung“ durch einen ermächtigten Übersetzer führen.

Deswegen hat sich der DIN-Normenausschuss Terminologie, Unterausschuss „Übersetzungsdienstleistungen“ dagegen ausgesprochen, die Norm ins Deutsche übersetzen zu lassen und in das Deutsche Normenwerk aufzunehmen. In einer offiziellen Stellungnahme vom 30.04.2020 erklären die Mitglieder des Normenausschusses ihre Argumentation und liefern weitere Hintergundinformationen.

Ivona Stelzig (seit Oktober 2017 Mitglied von DIN-Normenausschuss NA 105-00-03-01 UA „Übersetzungsdienstleistungen“)