Bürogemeinschaft von Anfang an

Seit Anfang 1990 arbeite ich als freiberufliche Übersetzerin und bereits seit 1991 als Übersetzerin in einer Bürogemeinschaft. Ich habe eine Wohnung mit abgetrenntem Büro in der Düsseldorfer Innenstadt, in das damals eine Übersetzerin und Dolmetscherin für Französisch und ein Übersetzerkollege für Englisch mit einzogen.

Im Laufe der Zeit wechselten die Kolleginnen/Kollegen aus verschiedenen Gründen (Kinderpause, Wechsel in eine Festanstellung, Wegzug nach Süddeutschland usw.). Ungefähr 15 Jahre lang arbeitete ich mit einer deutschen Kollegin zusammen, die 2010 in den Ruhestand ging. Seit 2011 ist Jörg Grunewald mein Bürokollege, und wir haben eine gemeinsame Website

Arbeitsteilung

Damit eine Bürogemeinschaft funktionieren kann, ist es meiner Meinung nach sehr wichtig, dass man strikt voneinander getrennte Arbeitsbereiche ohne Überlappungen hat. Wir übersetzen beide nur in die eigene Muttersprache und vermitteln nur in Ausnahmefällen Übersetzungen an Kolleginnen oder Kollegen. Jörg übersetzt aus dem Englischen und aus dem Französischen ins Deutsche, ich aus dem Deutschen und aus dem Französischen ins Englische. Falls wir Anfragen mit der Zielsprache Französisch bekommen, empfehlen wir muttersprachliche Kolleginnen. Damit werden Streitigkeiten von vornherein ausgeschlossen, beispielsweise darüber, wer den Kunden an Land gezogen hat oder wer den Auftrag bearbeiten soll.

Aber mir sind auch gelungene Bürogemeinschaften von Kolleginnen mit gleicher (deutscher) Muttersprache bekannt. In diesen Fällen wird jeder Auftrag als gemeinsames Projekt betrachtet und bearbeitet (und vermutlich auch abgerechnet).

Weitere Vorteile

Es ist in jedem Fall extrem wertvoll, einen Kollegen/eine Kollegin für die eigene Hauptausgangssprache im Büro zu haben. Man kann getrost Fragen stellen, die für eine Mailingliste zu banal wären, und manchmal ist es einfach gut zu wissen, dass es am Ausgangstext und nicht an der eigenen Unfähigkeit liegt, wenn man etwas nicht versteht.

Auch die unterschiedlichen Erfahrungen und Kenntnisse bei verschiedenen berufsrelevanten Themen ergänzen sich häufig sehr gut. Das gilt für CAT-Tools, Terminologiepflege und Word-Funktionen ebenso wie für den Umgang mit zu beglaubigenden Privatkundendokumenten, Spitzfindigkeiten des Finanzamts oder Kundenbeschwerden.

Gelegentlich kommt es vor, dass ich aus dem Französischen ins Englische mit Beglaubigung übersetzen soll. Da ich nicht für Französisch ermächtigt bin, erstellt Jörg mir in diesen Fällen eine beglaubigte Fassung aus dem Französischen ins Deutsche, die ich als Grundlage für meine Übersetzung ins Englische benutzen und somit meine Übersetzung dann beglaubigen kann.

Natürlich teilen wir uns die Kosten der Bürogemeinschaft wie Miete, Strom, Gas, Telefon und Internetanbindung, gemeinsam benutzte Büroeinrichtung, gemeinsame Fahrten zur Metro für den Büromaterialeinkauf und unsere Internetpräsenz.

Wir stimmen unsere Urlaubszeiten und Abwesenheiten für Fortbildungen ab, damit unser Büro jederzeit besetzt ist. Es steht also grundsätzlich ein kompetenter Ansprechpartner zur Verfügung, wenn Privatkunden mit oder ohne Anmeldung vorbeikommen und Dokumente abgeben oder abholen möchten.

Und, last but not least, ist es einfach schön, nicht allein arbeiten zu müssen und Gesellschaft bei Höhen und Tiefen zu haben. Da kann man sich gegenseitig trösten und ermutigen oder Erfolge und positive Erlebnisse teilen. Das alles möchte ich unter keinen Umständen missen.

Lorraine Riach

Dieser Artikel erschien im FORUM 2/2016.