Berlin, 4. bis 6. August 2014

Der Weltübersetzerverband FIT (Fédération Internationale des Traducteurs) ist der weltgrößte Dachverband für Übersetzer-, Dolmetscher- und Terminologenverbände, der alle drei Jahre zu einem Weltkongress lädt. So traf man sich 2011 in San Francisco und zum nächsten FIT-Weltkongress in 2017 geht es ganz nach Brisbane. Dieses Jahr fand er fast vor meiner Haustür in Berlin statt – ausgerichtet und hervorragend durch den BDÜ organisiert. Hier trafen sich vom 4. bis 6. August mehr als 1.600 Übersetzer, Dolmetscher und Terminologen aus 70 Ländern, um zu fachsimpeln und sich Vorträge anzuhören.

Schwerpunktthema

Der Kongress war dem Thema „Im Spannungsfeld zwischen Mensch und Maschine – Die Zukunft von Übersetzern, Dolmetschern und Terminologen“ gewidmet. Die Vor- und Nachteile maschineller Übersetzungen und ihre Auswirkungen auf den Beruf des Übersetzers werden immer wieder kontrovers diskutiert. Bei vielen Übersetzern löst das Voranschreiten maschineller Übersetzungstechniken Zukunftssorgen aus. Einige verspüren Druck, ihre Preise zu senken oder das ungeliebte Post-Editing maschinell übersetzter Texte zu übernehmen. Von den mehr als 180 Veranstaltungen des FIT-Kongresses drehten sich immerhin fast 20 um dieses Thema.

Das Programm

Ausgerichtet wurde der Kongress im luftigen Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin. Veranstaltungen gab es von morgens 9:00 bis um 18:00 Uhr – mit halbstündigen Kaffeepausen und einer ausdehnten Mittagspause zur Erholung und zum Plaudern (und für einige Teilnehmer zum Arbeiten). Die Veranstaltungsblöcke umfassten 90 Minuten, die teilweise komplett von einer Person bestritten wurden oder unter mehreren Rednern aufgeteilt waren.

Bei den Veranstaltungsthemen gab es eine breitgefächerte Auswahl. Neben dem Schwerpunktthema konnte man Präsentationen zu Marketing, literarischer Übersetzung, Konferenzdolmetschen, Berufsverbänden, Terminologie, Menschenrechten, beruflicher Weiterbildung, Social Media, Gebärdensprache, juristischen Übersetzungen und vieles mehr hören. Die Bandbreite der Themen bedeutete, dass für jeden Geschmack etwas dabei war, aber auch, dass für kein Thema sehr viel Raum blieb. So bin ich mit einer Palette an ersten Eindrücken zu verschiedenen Themen abgereist, die zwar Lust auf mehr machten, aber keine tieferen Einblicke gewähren konnten.

Startschuss zur Konferenz am Montag war für mich eine Präsentation der Amerikanerin Chris Durban, einer hochspezialisierten Finanzübersetzerin für Französisch und Englisch. Bekannt ist sie vor allem für ihre standhaft vertretene Meinung, dass Übersetzer an Professionalität gewinnen müssen, um in der Geschäftswelt ernstgenommen zu werden. Wer Kunden im Premiumsegment überzeugen möchte, muss ihre Umgebung aufsuchen und wie einer von ihnen werden. Genau das war auch Thema ihrer Präsentation „Die Menschen begeistern“. Übersetzer sollen vor ihren potentiellen Klienten als ernstzunehmende, ebenbürtige Dienstleister auftreten, denn nur so erhalten sie den erforderlichen Respekt. Ein gelungener Beginn der Konferenz!

Am Nachmittag besuchte ich einen Veranstaltungsblock zu dem Thema „Mensch und Maschine im Spannungsfeld“. Gyde Hansen referierte über „Mensch und Maschine in Übersetzungsprozessen“ und verglich dabei Übersetzungsfehler, die bei einer Deutsch- Dänisch-Übersetzung mit Hilfe von Google Translate, Bing, dem Pons Textübersetzer und menschlichen Übersetzern zustande kamen. Danach sprach Attila Piróth über die  Beziehung zwischen Mensch und Maschine und stellte Überlegungen dazu an, wer in dieser Beziehung Herr und wer Sklave sei. Er plädierte klar dafür, dass Übersetzer nur als eigenständige Dienstleister weiterbestehen könnten, wenn sie sich die neuen Übersetzungstechnologien zu eigen machen und ihren Ansprüchen unterwerfen. Wer sich seine Arbeitsbedingungen durch Technik vorschreiben lasse, werde zum Bediensteten der Maschinen.

Maureen Ehrensberger-Dow und Gary Massey präsentierten anschließend vorläufige Ergebnisse ihrer Studie „Cognitive and Physical Ergonomics of Translation“ zur Ergonomie am Übersetzerarbeitsplatz. Unter dem Titel „Übersetzer und Maschinen: zusammen arbeiten“ berichteten sie, welchen Einfluss das Arbeiten mit CAT-Tools sowie die sitzende Tätigkeit am Schreibtisch auf mentale Prozesse und die körperliche Gesundheit von Übersetzern ausüben. Die beiden Forscher wollen ihre bisherigen Erkenntnisse mit Hilfe einer Online-Umfrage erweitern. Je mehr Übersetzer daran teilnehmen, desto aussagekräftiger werden die Resultate, die hoffentlich zu unserer aller Nutzen Softwarekonzepte und Bürogestaltung optimieren können. Weitere Informationen zum Forschungsprojekt finden Sie hier.

Der Workshop von Susanne Schmidt-Wussow zum Thema „Und wenn ich keinen Onkel im Verlag habe? Marketing für literarische Übersetzer“ war der krönende Abschluss des ersten Tages. Sachkundig und sympathisch berichtete sie von ihren Marketingbemühungen, gab praktische Tipps und ermunterte das Publikum, sich nicht entmutigen zu lassen. Aufträge fielen zwar nicht vom Himmel, aber gezielter und persönlicher Einsatz könnten durchaus zu Übersetzungsprojekten führen. Eine unterhaltsame und inspirierende Veranstaltung, aus der ich viel mitnehmen konnte.

Am zweiten Konferenztag zog es mich wieder in eine Veranstaltung mit Chris Durban, dieses Mal zum Thema der sichtbaren Übersetzer. Frau Durban stellte die Maxime, dass Übersetzer unsichtbar im Hintergrund agieren sollen, auf den Kopf. Dies möge für die Erkennbarkeit des Übersetzers im Text gelten, sollte aber keinesfalls auch auf die Marketingaktivitäten von Übersetzern zutreffen. Diese Präsentation verband Frau Durban mit dem Aufruf an Berufsverbände, in professionelle Marketingmaßnahmen zur Steigerung der Sichtbarkeit des gesamten Berufsstandes zu investieren. Selbstgestrickte Marketinginitiativen auf Verbandsebene würden ungehört verpuffen oder  Übersetzern mindern.

Weiter ging es mit einem Runden Tisch zum Thema „Maschinelle Übersetzung – Segen, Fluch oder etwas dazwischen?“ Nachdem sich die einzelnen Panelmitglieder (Ralf Lemster, Iwan Davies, Jean Nitzke, Attila Piróth, Jochen Richter und Robert Rigo) mit einem kurzen Statement vorgestellt hatten, wurden Fragen aus dem Publikum beantwortet bzw. diskutiert. Sachlich aber nachdrücklich kamen klar positionierte Beiträge der Zuschauer, die ihre starke Ablehnung zum Einzug der maschinellen Übersetzung in den Alltag vieler Übersetzer ausdrückten.

Am Nachmittag folgte ein Veranstaltungsblock zu praktischen Aspekten des Übersetzeralltags. Nach einem Kurzvortrag von Eva Nossem und Dirk Ohligschläger zum Thema Speicherpfade und Dateibenennungsstandards mit dem Titel „Gut gespeichert ist halb gefunden“, folgte Jerzy Czopik mit einem kurzweiligen Vortrag zu den nichtlinguistischen Aspekten bei der Beurteilung von Übersetzungsqualität mit dem sehr passenden Titel „Von der Wichtigkeit der unwichtigen Dinge“.

Als letzte referierte Jutta Witzel über verschiedene Techniken, zu kreativen Übersetzungslösungen zu kommen. Diese Methoden, wie Mind Mapping, semantische Intuition oder die Umkehrmethode, können besonders bei Zeitdruck helfen, Blockaden zu beheben und die Ideen wieder sprudeln zu lassen.

Und dann war es schon Mittwoch, der letzte Tag des Kongresses. Meine erste Veranstaltung des Tages hieß „Wege durch den Dschungel des Social Networking“ von der in diesen Bereichen sehr erfahrenen Anne Diamantidis. Ihr Vortrag war unterhaltsam und pragmatisch. Nicht jede Plattform sei für jeden geeignet. Bevor man sich verbiege, um eine lustlose Präsenz aufzubauen, sollte man es lieber lassen und seine Energie woanders sinnvoller investieren. Auf allen Hochzeiten tanzen zu wollen, sei in Bezug auf Social Networking alles andere als eine gute Idee.

Siegfried Armbruster übernahm im Anschluss das Mikrophon und berichtete in seinem Vortrag „Smartphone oder Tablet – technisches Spielzeug oder mobiles Büro für Übersetzer?“ auf ähnlich heitere Weise, wie er seinen Arbeitsplatz mit Hilfe von mobilen Geräten auf Reisen mitnehme. Seine augenzwinkernde Schlussfolgerung war, dass für Übersetzer Tablets noch keine wirklich sinnvolle Anschaffung seien, was sehr schade sei, da er gerne einen Grund hätte, sich einen zu kaufen.

Der einzige Wermutstropfen als Besucher einer so großen Konferenz ist, dass man so viele Angebote gar nicht wahrnehmen kann. Gerne hätte ich auch den Translation Slam am Dienstagnachmittag besucht, mehr zu maschineller Übersetzung erfahren oder auch Veranstaltungen zum Dol metschen gehört. Immerhin hat die Größe des FIT-Kongresses mir einen kleinen Blick über meinen Tellerrand hinaus erlaubt.

Das „Drumherum“

Konferenzen sind erfreulicherweise mehr als die Summe ihrer Vorträge. Auch bei dem FIT-Weltkongress kamen der Spaß und das Netzwerken nicht zu kurz. Bereits am Sonntag konnten früher angereiste Kongressteilnehmer auf einer nachmittäglichen Bootsrundfahrt durch Berlin, die von der Dolmetscherin Mareike Steinig organisiert und sehr nett begleitet wurde, erste zwanglose Kontakte knüpfen und die Sehenswürdigkeiten Berlins vom Wasser aus genießen. Das Wetter war uns wohl gesonnen und wartete mit den ersten Regentropfen bis wir wieder angelegt hatten.

Am Dienstagabend fand im Außenbereich des Henry-Ford-Baus eine Sommerparty für alle Kongressteilnehmer und ihre Begleiter statt. Zu Häppchen und Getränken konnten alle gemütlich plaudern und der Jazzkombo „Das Loungehouse“ lauschen. Als ich schließlich Richtung Hotel aufbrach, wurde sogar vor der Bühne das Tanzbein geschwungen! Zuvor wurden aber in einer sehr netten Aktion unzählige Luftballons in leuchtendem FIT-Blau in den Himmel entlassen. Jeder Ballon nahm eine Karte mit Grüßen vom Kongress und die Bitte, dass etwaige Finder doch einen Tweet über ihren Ballonfund losschicken möchten mit auf die Reise. Eine exzellente Idee des BDÜ war, die Außenzone mit sogenannten Beach Flags, also gut sichtbaren Strandfahnen, zu markieren. Je nach Tag wurden mit diesen Flaggen Treffpunkte für bestimmte Arbeitssprachen, Spezialisierungen oder Social-Media- Plattformen ausgewiesen. So konnte man in dem Trubel gezielt eine Gruppe geeigneter Gesprächspartner ausfindig machen. Die sonst überwältigenden Menschenmengen wurden dadurch überschaubarer, was ich als sehr hilfreich empfunden habe.

Fazit

Der FIT Weltkongress war wirklich eine Mammutveranstaltung. Ein großes Lob gilt den Veranstaltern, die mit straffer Organisation für Ordnung gesorgt haben. Mit nach Hause nehme ich viele neue Kontakte, Anregungen aus den Präsentationen und die frohe Gewissheit in einem facettenreichen und wundervollen Beruf tätig zu sein.

Else Gellinek

Dieser Artikel erschien im FORUM 2/2014.