Professionalisierung durch Zertifizierung

Seit Ende April 2015 ist die neue ISO 17100, Anforderungen an Übersetzungsdienstleistungen, in Kraft. Nun stellt sich die Frage, ob die Vorschriften dieser Norm auch für Freiberufler umsetzbar sind und sich dadurch Marktvorteile ergeben.

Auch wenn auf internationaler Ebene noch über ein paar kleinere Punkte diskutiert wird und die Veröffentlichung der deutschen Fassung der ISO 17100 deshalb auf sich warten lässt, stehen die wichtigen Eckpunkte der Norm fest. Ihre Vor- und Nachteile und die Frage, ob sie überhaupt von freiberuflich und hauptsächlich allein arbeitenden Übersetzerinnen und Übersetzern umgesetzt werden kann, sind ausführlich diskutiert worden. Aber jede Diskussion über ein Thema, bei dem noch kaum praktische Erfahrungen auf der Ebene freiberuflich tätiger und überwiegend allein arbeitender Sprachmittler vorliegen, ist müßig. Der Vorstand von ATICOM wollte es deshalb genau wissen und hat sich gefragt, ob die Vorgaben der Norm auch für freiberufliche Kolleginnen und Kollegen umsetzbar sind. Die von Thomas Wedde von der docConsult GmbH, Auditor, in Zusammenarbeit mit dem ATICOM-Vorstand zu diesem Zweck durchgeführten Probeläufe eines Audits bei vier freiwilligen Testpersonen, von denen zwei die ISO 17100 sowie die Vorgängernorm EN 15038 überhaupt nicht kannten, haben gezeigt, dass sich die Vorschriften der 17100 auch auf Freiberufler anwenden lassen und deren Umsetzung gar nicht so kompliziert ist (siehe Bericht „ISO 17100 – ein Modell für Freiberufler?“ von Thomas Wedde).

Wenn sich nun auf breiter Basis zeigt, dass die Norm auch in kleinerem Maßstab für Freiberufler umsetzbar ist – und davon kann man aufgrund der Ergebnisse der Probeaudits ausgehen –, ergibt sich hier eine große Chance für den einzelnen Sprachmittler zur Professionalisierung unseres Berufes.

Steigende Marktanforderungen

Die Veränderungen, denen der Markt für Sprachdienstleistungen unterliegt, sind groß. Über zunehmend komplexe Übersetzungsprojekte, die Veränderungen durch neue CAT-Tools, den kundenseitigen Kostendruck und die Marktkonzentration hin zu immer größeren Anbietereinheiten wurde bereits gesprochen. Aber auch die Norm in ihrer Vorläuferversion der EN 15038 hat das Marktgeschehen schon beeinflusst. Kunden von Übersetzungsagenturen erwarten zunehmend den Nachweis der Agenturen, dass diese freie Mitarbeiter einsetzen, die die in der EN 15038 und jetzt der ISO 17100 geforderten Qualifikationen auch erfüllen.

Für den einzelnen Sprachmittler wird es unter diesen Bedingungen immer schwieriger, seine Position auf dem Markt zu behaupten. Kann eine Zertifizierung nach der 17100 dem Einzelnen dabei helfen, einen Marktvorsprung zu erreichen, der außerdem von der Konkurrenz nicht so ganz leicht aufholbar ist? Wäre es eventuell sogar möglich, dadurch neue Marktsegmente zu erschließen? Die Verfasserin meint: „Ja.“

Professionalisierung durch Zertifizierung

Die Vorschriften der ISO 17100 sind hauptsächlich Vorschriften, die die Organisation der Abläufe im Büro rund um die Erstellung einer Übersetzung betreffen. Dazu gehören nicht nur Dinge wie Strukturen, die die Nachverfolgung des Projektes erlauben und den Ablauf des Projektes klar regeln (z. B. Behandlung kundenseitiger Vorgaben, Rückfragen, Überprüfung), sondern auch Datensicherheit und Wahrung der Vertraulichkeit der durch einen Auftrag bekannt werdenden Fakten. Die ISO 17100 bietet ein Gerüst, das jeder Freiberufler, der seine Vorgänge einigermaßen organisiert hat, umsetzen und wahrscheinlich nur noch in Teilen ergänzen muss. Das 4-Augen-Prinzip zur Kontrolle einer Übersetzung lässt sich natürlich nur in Zusammenarbeit mit einem weiteren Kollegen umsetzen. Da aber die allermeisten freiberuflich arbeitenden Kollegen, zumindest diejenigen, die Direktkunden bedienen, im Netzwerk mit anderen Kollegen arbeiten, lässt sich auch dieser Aspekt erfüllen. Der Art der Abrechnung untereinander – durch gegenseitige Abrechnung der Arbeit, die dem Kunden weiter belastet wird, oder durch unbezahltes Korrekturlesen auf Gegenseitigkeit – ist dabei dem Ermessen der Akteure überlassen.

Der „Büro-TÜV“

Die Überprüfung der eigenen Büroabläufe ist wie eine TÜV-Untersuchung fürs Büro. Ab und an muss man mit dem Auto zum TÜV, der die Sicherheit und Fahrtüchtigkeit in regelmäßigen Abständen prüft. Ebenso ist es mit dem Auditor, der prüft, ob die Büroabläufe für die zu bewältigenden Aufgaben noch passen. Verlässt man den TÜV mit einer Aufgabenliste, die die eine oder andere Reparatur verlangt, damit es auch weiterhin fahrtüchtig und sicher bleibt, bessert man entsprechend nach, erhält seine TÜV-Plakette und darf für die nächsten zwei Jahre weiter fahren. Ebenso ist es mit der Aufgabenliste, die der Auditor erstellt: Man bessert seine Büroabläufe nach, und wenn der Auditor feststellt, dass die Büroprozesse die Forderungen der Norm nun erfüllen, erhält man das entsprechende Zertifikat.

Für Kunden, die zertifizierte Dienstleister beauftragen, zeigt dieses Zertifikat, dass sich der Sprachmittler Gedanken rund um die Büroabläufe und Voraussetzungen für das Gelingen einer Übersetzung gemacht hat. Die einzelnen Schritte, die zur Erstellung der Übersetzung geführt haben, sind nachvollziehbar, die Qualifikationen der an der Übersetzung beteiligten Personen sind nachgewiesen, Datensicherheit und Vertraulichkeit sind gesichert. Damit kann der Kunde eine Übersetzung – z. B. ein Handbuch, das Teil seines Produktes, z. B. einer Maschine, wird – beauftragen, ohne vor die Aufgabe gestellt zu sein, für einen Teil seines Produktes, dessen Qualität er nicht einschätzen kann, die volle Verantwortung übernehmen zu müssen wie im Falle von Übersetzungen, die „einfach so“, unter nicht nachvollziehbaren Umständen und von Personen mit nicht nachvollziehbaren Qualifikationen, erstellt wurden. Damit wird auch ein Freiberufler für Kunden interessant, die Übersetzungsaufträge nur unter der Bedingung vergeben, dass der Dienstleister entsprechend zertifiziert ist.

Als Verband, der sich in seiner Satzung u. a. auch die Aufgabe gestellt hat, die Professionalisierung des Berufsstandes weiterzubringen, wird ATICOM deshalb in Zusammenarbeit mit der docConsult GmbH Seminare anbieten, in denen die Anforderungen der ISO 17100 an die Büroabläufe besprochen werden.

Diese Seminare sind nicht nur an die Verwaltungsabläufe im Büro eines Freiberuflers angepasst, sondern auch auf seinen Geldbeutel zugeschnitten. Sie sind so aufgebaut, dass sie auf eine Zertifizierung hinführen können, aber nicht müssen. Geplant ist, diese Seminare ab Januar/Februar 2016 an verschiedenen Orten abzuhalten und den Teilnehmerkreis so klein zu halten, dass jeder seine Fragen klären kann und das Seminar mit einer klaren Vorstellung davon verlässt, was die 17100 eigentlich ist, ob er sich zertifizieren lassen möchte, wo er mit seinen Büroabläufen in Bezug zur Norm steht und ob bzw. was er deshalb an seinen Büroabläufen ändern möchte.

Noch ein Wort zur Registrierung bei der DIN CERTCO

Schon mit Gültigkeit der EN 15038 bot die DIN CERTCO Gesellschaft für Konformitätsbewertung mbH, deren beide Gesellschafterinnen die TÜV Rheinland Group sowie das DIN Deutsches Institut zur Normung e.V. sind, die Möglichkeit zur Registrierung als Unternehmen bzw. Dienstleister an, eigenverantwortlich und ohne entsprechenden Nachweis zu erklären, dass man normkonform arbeitet. Dazu war je nach Anzahl der eingetragenen Sprachen eine Gebühr zu zahlen, die zur Aufnahme in die Datenbank mit normkonform arbeitenden Dienstleistern und zur Führung des Zeichens DIN EN verbunden war. Diese Praxis wird auch für die ISO 17100 weitergeführt werden.

An dieser Stelle soll noch einmal darauf hingewiesen werden, dass eine solche Registrierung in keiner Weise dasselbe ist wie eine Zertifizierung. Für eine Zertifizierung muss einer unabhängigen Stelle gegenüber nachgewiesen werden, dass man die Bestimmungen der ISO 17100 einhält. Dafür bekommt man ein Zertifikat, das man dem Kunden vorlegen kann, wenn dieser einen zertifizierten Dienstleister sucht. Kunden, die sich im Qualitätsmanagement auskennen, werden keine Registrierung, sondern ausschließlich ein Zertifikat als Qualitätsnachweis anerkennen.

Isabel Schwagereit