Die Qualifizierung von Dolmetscher/innen bei Gericht und Polizei ist Thema das Artikels „Gerichtsdolmetscher: Lost in Translation“, der am 20.04.2015 in Legal Tribune ONLINE erschien. Die stellvertretende ATICOM-Vorsitzende Dragoslava Gradinčević-Savić hat hierzu in einem Kommentar wie folgt Stellung bezogen:

Vielen Dank für den Artikel, der für uns als Berufsverband sehr interessant ist. Er thematisiert nämlich ein Problem, dessen Bestehen einem Rechtsstaat – wie es Deutschland ist – nicht würdig ist und auf das wir seit Jahren hinweisen.

Denn noch immer werden in diesem äußerst sensiblen Bereich der Gerichte und Polizei Unqualifizierte eingesetzt, obwohl längst an den Hochschulen einschlägig ausgebildete und somit gerade für diesen Bereich qualifizierte Berufskollegen in hinreichender Zahl auf dem Markt sind. Es handelt sich dabei um Berufskollegen, die nicht nur ein jahrelanges spezialisiertes Hochschulstudium in Sprache mit Landes- und Kulturkunde absolviert, diverse von der Situation erforderliche Dolmetschtechniken erlernt haben, sondern die zudem nach den geltenden Dolmetscher-/Übersetzergesetzen in den einzelnen Bundesländern amtlicherseits persönlich überprüft wurden, Prüfungen in der Beherrschung der Rechtssprache nachweisen mussten, bevor sie als sog. beeidigte Dolmetscher und/oder ermächtigte Übersetzer in einer bundesweiten, öffentlich im Internet für Jedermann abrufbaren Liste justiz-dolmetscher.de eingetragen wurden. Die Liste enthält alle Kontaktdaten, die eine Heranziehung, auch unter größten Zeitdruck, erlaubt.Warum dann, wie wir das als Berufsverband seit Jahren im ganzen Bundesgebiet beobachten, noch immer Unqualifizierte – in der Regel über Vermittlerbüros entsandt – bei Gericht oder der Polizei zum Einsatz kommen, bleibt ein Phänomen, das näher untersucht werden müsste. Besonders interessant ist dieses Phänomen, wenn man die Sachlage beachtet, dass z. B. in NRW gemäß einer ausdrücklichen Verfügung des Landesjustizministers, den Geschäftsstellen der Gerichte und Behörden zwingend eine ausschließliche Ladung bzw. Beauftragung nur an die überprüften, persönlich für die jeweilige einzelne Sprache qualifizierten Dolmetscher und Übersetzer aus der o. g. Liste anordnet und nachweislich kein einziges Vermittlungsbüro in der o. g. Liste aufgeführt ist. Trotz der eindeutigen Verfügung des Ministers, die auch der Qualitätssicherung dient, gehen jeden Tag hunderte von Ladungen/Beauftragungen an Vermittlungsbüros. Warum?

An den Honoraren kann es nicht liegen, denn sowohl das Dolmetscher- als auch das Übersetzerhonorar sind durch das bundeseinheitliche JVEG geregelt. Die Honorare sind gesetzlich als nach oben gedeckelte Festsätze formuliert und diese Festsätze werden an den persönlich Qualifizierten wie an den Vermittler, der aus rein wirtschaftlichen Erwägungen auch Unqualifizierte entsendet, gleichermaßen ausgezahlt.

Vielleicht liegt es einfach daran, dass in der Allgemeinheit und leider auch bei Gericht und der Polizei die Berufsgruppe der qualifizierten Dolmetscher und Übersetzer an sich und die Breite ihres Leistungspotentials, für das sie ausgebildet wurden, noch immer unbekannt ist und man fälschlicherweise glaubt, es reiche aus, zwei Sprachen zu sprechen oder über einen Migrationshintergrund zu verfügen, dann könne man auch schon dolmetschen. Diese Unkenntnis der Allgemeinheit nutzen einige Geschäftstüchtige aus.

Übrigens, die Überschrift ist auch in Bezug auf den Artikelinhalt zutreffend. Denn in ihm werden die beiden an sich sehr unterschiedlichen Berufsgruppen Übersetzer (zuständig für schriftliche Übertragung) und Dolmetscher (zuständig für mündliche Übertragung) munter durcheinander geworfen.

ATICOM – Fachverband der Berufsübersetzer und Berufsdolmetscher

Nachtrag:

Folgender Kommentar wurde am 21.04.2015 von Natascha Dalügge-Momme, Präsidentin FIT Europe, ebenfalls zum Artikel „Gerichtsdolmetscher: Lost in Translation“ veröffentlicht:

Den Kommentaren der Kollegen des Berufsverbands ATICOM schließen wir uns vollumfänglich an. In diesem sensiblen Bereich gilt es professionelle Kollegen zu beschäftigen, die an eine Berufs- und Ehrenordnung gebunden sind und die Grundsätze des Datenschutzes, einem hohen Gut in Deutschland, respektieren. Nicht umsonst ist im Dolmetscher-Gesetz von NRW verankert Kollegen direkt zu laden und nicht über Agenturen oder Makler. Dies gälte es ebenfalls für alle Bundesländer durchzusetzen.
Nur mit professionellen Kollegen widerfährt den Betroffenen die Behandlung, die notwendig ist, um die Grundsätze des Rechtsstaats durchzusetzen.

N. Dalügge-Momme
Präsidentin FIT Europe (Dachverband der Dolmetscher- und Übersetzerverbände in Europe)