Die Positionierung der einzeln schaffenden Übersetzer zur ISO-Nachfolgenorm der EN 15038

Um die EN 15038 ist es ruhig geworden. Irgendwann hatte sich herum gesprochen, dass die Norm in die Jahre gekommen ist und eventuell sogar ihre Gültigkeit verlieren wird – eine Tatsache, die von ihren Gegnern sehr begrüßt wurde. Und es stimmt – die EN 15038 wird an dem Zeitpunkt ungültig werden, an dem sie durch eine weltweit geltende ISO-Norm abgelöst werden wird. Dass diese Norm kommen wird, steht fest, allerdings noch nicht der Zeitpunkt. Fachkreise rechnen jedoch damit, dass sie spätestens im Laufe des Jahres 2014 in Kraft treten wird.

Zu den Wegen, die eine Norm nach ISO-Verfahren nehmen muss, gehört auch ihre Vorstellung in der breiten Fachöffentlichkeit, bevor sie endgültig verabschiedet wird. Hat ein Normungsentwurf ein bestimmtes Stadium in seinem Entstehungsprozess erreicht, wird er zu diesem Zweck in die Sprachen der interessierten Länder übersetzt und veröffentlicht. Wahrscheinlich wird dieser Schritt in der zweiten Jahreshälfte 2013 erfolgen. Die betroffenen Fachkreise können sich dann mit dem Inhalt der Norm vertraut machen und mitdiskutieren, bevor sie endgültig in Kraft tritt. Über den Inhalt der Norm kann heute noch nichts bekannt gegeben werden. Nur so viel sei verraten: Es wird keine großen Überraschungen geben.

Die Bedeutung der Norm für Einzelübersetzer

Zunächst ändert sich die Situation der Einzelübersetzer am Markt nicht, wenn die EN durch eine ISO-Norm ersetzt wird. Es ist damit zu rechnen, dass die Diskussionen über Sinn und Unsinn einer solchen Norm vor allem für allein schaffende Übersetzer weiter geführt und sich inhaltlich nicht wesentlich von denen zur EN unterscheiden werden. Dennoch verlangt die internationale Entwicklung des Marktes für Übersetzungs- und Dolmetschdienstleistungen eine Positionierung auch des Einzelnen gegenüber der neuen ISO-Norm. Die Fragen, die sich jeder in diesem Zusammenhang stellen muss, lauten: Was will der Markt? Wo finde ich dort meinen Platz? Und welche Rolle spielt die Norm in diesem Zusammenhang?

Der Markt ändert sich

Wir alle spüren den Wandel, der sich in den vergangenen fünfzehn bis zwanzig Jahren auf dem Markt vollzogen hat. Da die Mehrsprachigkeit zunimmt, entsteht ein großer Pool von potentiellen Übersetzern und Dolmetschern, die ihr Glück auf dem Markt versuchen, ohne über die dazu notwendige Fachkenntnis und -qualifikation zu verfügen. Die Folge ist ein enormer Preisrutsch, da sich das Angebot der Kollegen untereinander ähnelt wie ein Ei dem anderen, so dass der Kunde als einzigen Anhaltspunkt für seine Entscheidung, wer beauftragt werden soll, den Preis hat.

Andererseits steigen die Kundenanforderungen drastisch an. Es muss deutlich schneller in einer deutlich besseren Qualität zu einem „wettbewerbsfähigen“ Preis gearbeitet werden. Um die immer größer werdenden zu übersetzenden Volumina bewältigen zu können, entstehen immer mehr Übersetzungs- und Maklerbüros, die die Koordination dieser umfangreichen Projekte übernehmen, weil ein Einzelner dieses gar nicht leisten kann. Da diese Büros auf die Dienste derjenigen zurückgreifen müssen, die die eigentliche Übersetzungsarbeit leisten, sie aber ebenfalls in der Preisfalle gefangen sind, setzt sich der Preisrutsch nach unten weiter fort.

Auch die Konsolidierung auf dem Markt schreitet voran: Einzeln arbeitende Übersetzer schließen sich zu Netzwerken zusammen, kleine Büros verschmelzen miteinander zu größeren oder werden aufgekauft. In anderen europäischen Ländern ist dieser Prozess deutlich weiter fortgeschritten.

Zu allem Überfluss existiert auch noch eine Norm – sei sie nun europäisch oder international – zur Regelung der Prozesse rund um die Abwicklung von Übersetzungsdienstleistungen. Wo positioniert sich unter all diesen Bedingungen der Einzelübersetzer?

„Der Markt“ besteht aus vielen Märkten

Oftmals wird von „dem Markt“ gesprochen – so auch in diesem Artikel. Aber „den Markt“ gibt es in der damit suggerierten einheitlichen Form gar nicht, denn er besteht aus vielen unterschiedlichen Segmenten mit sich unterscheidenden Kundenanforderungen und entsprechend sich unterscheidenden Anbietern. Viele Beispiele für die verschiedenen Marktsegmente und die damit verbundenen Anforderungen wird der geneigte Leser selbst aufzählen können.

Die sich daraus für einen einzeln schaffenden Übersetzer ergebenden Fragen lauten: Was kann ich? Wo will ich hin? Wie schärfe ich mein Profil so, dass es von potentiellen Kunden wahrgenommen wird? Wer sind meine potentiellen Kunden? Welche Voraussetzungen muss ich zunächst erfüllen, damit ich für sie als Ansprechpartner in Frage komme? Je nach Marktsegment, das für den Einzelnen von Interesse ist, fallen die Antworten natürlich unterschiedlich aus.

Die Bedeutung von Normen für die Marktteilnehmer

Entscheidet sich ein Übersetzer, hauptsächlich im Bereich für Industrie und Gewerbe tätig zu sein, wird er sich zwangsläufig mit dem Thema „Normung“ auseinander setzen müssen, da viele Unternehmen und Betriebe nach für ihre Märkte geltenden Normen zertifiziert sind. Diese potentiellen Auftraggeber stehen ihrerseits unter dem Druck, der durch normseitig vorgeschriebene Prozesse und Produkte hervorgerufen wird. Andererseits signalisieren sie mit ihrer Zertifizierung ihren Kunden, dass sie verstanden haben, worin die Qualitätsanforderungen liegen und dass sie sie erfüllen. Ein Hersteller, der sich dieserart selbst in die Pflicht genommen hat, wird darauf achten, dass seine eigenen Lieferanten, zu denen auch Übersetzer bzw. Übersetzungsbüros gehören, entsprechende Qualitätsnachweise liefern können.

Ihren Anfang nahm die Entwicklung von Normen und Standards in der Automobilindustrie. Zunächst wurden Produkte genormt, dann aber auch die Prozesse rund um deren Herstellung. Ziel war es, die Produkte so „austauschbar“ zu machen, dass man nicht mehr unterscheiden konnte, wo genau auf weil sie in ihren Eigenschaften absolut gleich sind. Die Normierung der Prozesse sollte u. a. sicherstellen, dass bei immer komplexer werdenden Vorgängen ein Fehler oder eine Abweichung schnell gefunden werden kann.

Diese Anforderungen galten nach gewisser Zeit auch für die Zulieferer der Automobilindustrie, überwiegend kleine und mittelständische Unternehmen. Aber auch andere Industriezweige entdeckten, dass die Nachteile der Normung durch die dadurch entstehenden Vorteile – Erschließung neuer Markt- und Kundensegmente auch auf internationaler Ebene – aufgewogen werden. Ihre Zulieferer wurden daher ebenfalls mit der Notwendigkeit einer Zertifizierung nach den einschlägigen Normen konfrontiert, um weiterhin Lieferanten für diese Kunden bleiben zu können. Damit entstand ein Prozess, der die unterschiedlichsten Märkte von den Großunternehmen hin zu den mittelständischen und kleinen Unternehmen immer weiter durchdringt und – logischerweise – auch bei den Übersetzern und Dolmetschern angekommen ist.

Wer im Bereich Industrie und Gewerbe hauptsächlich für kleine und kleinere mittelständische Unternehmen tätig ist, muss sich zur Zeit oftmals noch keine besonderen Gedanken um eine Zertifizierung machen, wenn es sich bei diesen Unternehmen nicht um solche aus dem Automobilbereich oder der Luft- und Raumfahrt handelt. Arbeitet er für letztere, ist eine Zertifizierung für die Beauftragung Voraussetzung. Eine Registrierung reicht dafür nicht, denn man muss dem Kunden das Zertifikat vorlegen können.

Da die Durchdringung des Marktes mit zumeist internationalen Normen und Standards immer weiter fortschreitet, wird die Zahl derjenigen Unternehmen, die eine Zertifizierung von ihren Lieferanten erwarten, immer größer. Dieser Prozess erfasst inzwischen auch den Übersetzungsbereich, was nach der EN 15038 zertifizierte Übersetzer und Übersetzungsbüros bestätigen. Viele von ihnen haben festgestellt, dass sich durch die Zertifizierung neue Marktsegmente eröffnet haben, die ihnen ansonsten verschlossen geblieben wären. Der Grund für die Eröffnung dieser neuen Kundenkreise liegt in dem auf unserem Markt immer noch sehr seltenen Alleinstellungsmerkmal der Zertifizierung.

Zwar haben viele zertifizierte Anbieter festgestellt, dass eine Zertifizierung nicht automatisch die Preise nach oben drückt, aber zumindest war die Spirale nach unten angehalten. Es hat sich gezeigt, dass zwar nicht alle, aber doch einige Kunden sich von Qualitätserwägungen leiten lassen und bereit sind, dafür mehr zu zahlen, wenn sie die Qualitätsversprechen ihrer Anbieter nachvollziehen können.

Wie wollen wir auf diese Entwicklungen reagieren?

Bisher haben viele einzeln arbeitende Kollegen die Zertifizierung aus vielen Gründen abgelehnt, u. a. weil sie zu teuer und zu kompliziert sei, insbesondere das 4-Augenprinzip für einen allein arbeitenden Übersetzer nicht durchführbar sei und im Umkehrschluss sämtliche Übersetzungen, die nicht nach diesen Prinzipien erstellt würden, damit zu Ramschware degradiert wären.

Das Für und Wider der Details, an denen sich die Geister scheiden, soll an anderer Stelle diskutiert werden. Tatsache ist jedoch, dass die EN bzw. neue ISO-Norm auch Anregung für jeden Einzelnen sein kann, seine eigene Vorgehensweise rund um die Erstellung von Übersetzungen zu hinterfragen und ggf. zu ändern. Dazu bietet die Norm einen Rahmen, der eine gute Orientierungshilfe ist. Die eigene Arbeitsweise wird durchdacht und angepasst, Risiken z. B. durch kaputt gehende Computer oder fehlende Sicherungen der selbst erarbeiteten TMs und Datenbanken werden erkannt und gemildert, und nicht zuletzt lässt sich das 4-Augenprinzip mit vertrauenswürdigen Kollegen mal ausprobieren. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse können sehr interessant sein!

Solche Wege zur Sicherung der Qualität lassen sich auch dann gehen, wenn sie nicht notwendigerweise in einer Zertifizierung münden. In meinem persönlichen Fall war das Ergebnis der „Entrümpelung“ meiner Vorgänge im Büro eine deutlich beschleunigte Abwicklung der Verwaltungsvorgänge, wesentlich weniger Reibungsverluste und eine höhere Konzentration auf die Kunden. Daraus ergab sich eine Steigerung der Qualität meiner Arbeit, weil Zeit und Kräfte, die ich für andere Prozesse im Büro aufwenden musste, nun frei wurden.

Fazit

Eine neue ISO-Norm muss nicht zwangsläufig dazu führen, dass alleine schaffende Übersetzer von den Bedingungen des Marktes abgekoppelt werden und am Ende der Nahrungskette landen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man sich den Fragen nach Märkten, potentiellen Kunden und dem eigenen Profil stellt und bereit ist, in die entsprechenden Konsequenzen Zeit und Geld zu investieren. Andersherum gesagt: Man kann die Erfüllung der Anforderungen einer Norm auch als Investition in die Zukunft der eigenen beruflichen Tätigkeit betrachten. Der Markt wird sich weiter wandeln, und normkonformes Arbeiten wird sicherlich kein Nachteil sein, wenn man sich am Markt halten möchte.

Isabel Schwagereit

Dieser Artikel erschien im FORUM 1/2013.