EN 15038 geht, ISO 17100 kommt

Voraussichtlich im Frühjahr 2014 wird die Europäische Norm 15038 aus dem Jahre 2006 von der weltweit gültigen ISO 17100 abgelöst. Was ist neu und an wen richtet sich die Norm? Welche Besonderheiten gibt es? Handelt es sich um ein Qualitätsmanagement-System? Worin liegen die Unterschiede zur ISO 9001? Welche Bedeutung wird die Norm für die Praxis haben?

Nur wenige Änderungen

Die Vorläufernorm EN 15038 hat nur einen Ausgabestand in 2006 erhalten und ist in die Jahre gekommen. Üblicherweise werden Normen in einem fünfjährigen Zyklus aktualisiert. Rechtliche Rahmenbedingungen ändern sich, die Technik entwickelt sich weiter, die Anforderungen im Markt steigen. In diesem Fall hat es acht Jahre bis zur Neufassung gebraucht. Das ist der Chance geschuldet, einen weltweit gültigen Standard für das Management von Übersetzungsprojekten schaffen zu wollen.

Neben der Bereinigung von Übersetzungsfehlern ‒ so ist „procedure“ nicht mehr mit „Prozess“, sondern mit „Verfahren“ übersetzt ‒, versucht die ISO 17100 durch die Struktur und Benennung ihrer Kapitel einen zielgerichteten Workflow abzubilden. Offenkundig neu ist die Systematik, festgelegte Kriterien zu Eignung und Qualifikation von ÜbersetzerInnen und Redigierende, die bislang „Korrektoren“ benannt wurden, auf die Projektleitenden, gemeinhin als PMs bezeichnet, zu übertragen. Dabei werden im Unterschied zu der Qualifikation der Erstgenannten keine Anforderungen im Detail vorgegeben. Künftig müssen Qualifikationsprofile erstellt und aktualisiert werden, aus denen Soll- und Ist-Kompetenzen der PMs deutlich werden (siehe Normabschnitt 3.1.71). Das unterstreicht die ohnehin starke Stellung des Projekt-Managements schon in der EN 15038, die sich im Gegensatz zur Vorgängernorm DIN 2345 weniger auf den Kernprozess der Übersetzung an sich konzentriert. Entsprechend konsequent ist ein Abschnitt weiter in 3.1.8 die Forderung nach einem Verfahren zur Aktualisierung der Kompetenzen von PMs aufgeführt. Das ist insofern eine bemerkenswerte Neuerung, als im Markt seit einigen Jahren zwei Trends zu beobachten sind: Qualifizierte PMs, die möglichst Übersetzungserfahrung haben und die in einem Unternehmen die Aufträge fachkundig lenken können, während beim Wettbewerber KollegInnen auf Sachbearbeiter-Niveau als klassische Drehscheibe für Informationen und Dateien tätig sind und Fachfragen eher nicht beantworten können. Hier beschreiten Unternehmen völlig unterschiedliche Wege in ihrer Personalstrategie. Der Schritt zu einer unternehmensweiten Qualifikationsmatrix, in der Rollen, deren Profile und die kundenseitigen Anforderungen organisiert zusammengeführt werden, ist jedenfalls vorgezeichnet. Ein wichtiger Beitrag der neuen Norm.

In der Bedeutung noch nicht in Gänze absehbar ist das neue Kapitel 6, in dem u.a. ein Verfahren für Archivierung und Datenschutz gefordert wird. Letzteres ist in der Tat ein Thema, das in der Übersetzungsbranche bislang vernachlässigt wird – von vielen Beteiligten der Auftraggeber- wie der Auftragnehmerseite. Seitenlange Geheimhaltungsvereinbarungen mit Androhung erheblicher Konventionalstrafen und des Einsatzes forensischer Mittel stehen der Praxis gegenüber, geheimhaltungswürdige Dokumente aus Forschung und Entwicklung mittels unverschlüsselter E-Mail auszutauschen. Die Archivierung dagegen, gemeint sind nicht unterschiedliche Methoden der Datensicherung, sondern die langjährige Aufbewahrung von projektbezogenen Daten, obliegt einzig der Verantwortung des Freiberuflers bzw. Dienstleisters. Den entsprechenden Abschnitten hätte eine plakativere Betitelung hinsichtlich Datenschutz und Umgang mit Kundeneigentum, ggfs. ein Verweis auf einschlägige Normen zur Informationssicherheit wie der ISO 270012 genutzt. Die gute Absicht allerdings ist unverkennbar und richtig.

Vier-Augen-Prinzip gefordert

Wider Erwarten sind einige Zöpfe nicht abgeschnitten worden. So kann von interessierter Seite weiterhin in die ISO 17100 hineingelesen werden, sie stelle ein vollwertiges QM-System (s. u.) dar. Im Gegensatz zur EN 15038 ist der Begriff „Qualitätsmanagement“ völlig verschwunden. Zudem wird das Vier-Augen-Prinzip unverändert als das einzig richtige Verfahren zur Qualitätssicherung zugelassen. Statt massivem Einsatz von Technik ist es also weiterhin denkbar, ausgangs- und zielsprachlichen Text auszudrucken, auf Papier zu lektorieren und die Korrekturen manuell in die bilinguale oder zielsprachliche Datei sowie das Translation Memory einzuarbeiten. Die Möglichkeiten moderner Prüfmethoden, die mit schnellen Werkzeugen und zuverlässiger als der Mensch Fehler in Zeichenketten sowie in der flektierten Verwendung von Benennungen finden können, bleiben unberücksichtigt3.

Unter dem Eindruck ganz praxisbezogener Beobachtungen ist ein Vier-Augen-Prinzip schon längst nicht mehr durchgängig darstellbar4. Der Kunde verlangt im Zuge zunehmend reduzierter Produktzyklen einen höheren Durchsatz teils stark fragmentierter Wortfolgen in kürzeren Zeiträumen. Somit ist die wirksame Kombination aus einer gelungenen Methode, mittels derer Prüfwerkzeuge einen ersten Wert, also einen Anhaltspunkt hinsichtlich der Qualität liefern, und dem fachlich geeigneten Prüfer, der bei Überschreiten festgelegter Schwellenwerte oder wiederholter Nichteinhaltung der Vorzugsbenennung selbstverständlich den gesamten Text Korrektur liest respektive das Fragment erst im Kontext auf Fehlleistung überprüfen kann, für die ISO 17100 unverändert kein Thema. Eine gute Gelegenheit wurde vertan, dem Dilemma vieler ambitionierter Übersetzungsdienstleister zu begegnen, die sich in rhetorischen Stilblüten winden müssen, um ihren Kunden zu erklären, dass ihr Prozess sehr wohl konform sei, sogar darüber hinaus gehe.

Ferner erhebt die ISO 17100 den Anspruch, mit Ausnahme des Dolmetschens und der Prozesse maschineller Übersetzung (Post- Editing), nicht nur für die Übersetzung technischer Dokumente geeignet zu sein, sondern für die Erstellung der Translate beliebiger Textsorten. Ein bunter Strauß der Beliebigkeit, den schon Horn-Helf im Jahre 2009 treffend analysiert hat5.

Abschließend sei darauf verwiesen, dass die Mitwirkungspflicht des Kunden aus der seit einigen Jahren abgelösten DIN 2345 in der EN 15038 keine Rolle spielt und in der ISO 17100 abgeschwächt als im Vorfeld zu definierende Mitarbeit des Auftraggebers Berücksichtigung findet. Es ist nachvollziehbar, den Auftraggeber bei einer Norm, der er nicht unterliegt, von einer Mitwirkungspflicht zu befreien. Dennoch ist der Ansatz richtig, beide Seiten anzuhalten, ihre Bemühungen bei der Vorbereitung von Übersetzungsaufträgen zu verstärken. Die Aufträge unbesehen über den Zaun zu werfen, und die ÜbersetzerInnen machen damit irgendwas, funktioniert schon heute überwiegend mehr schlecht als recht. Die Machbarkeit einer Anfrage kann der Dienstleister nur prüfen, wenn alle relevanten Informationen vorliegen. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn diese neuen Forderungen aus Kapitel 4 Beachtung auf Seiten der Auftraggeber fänden – ganz in ihrem Interesse. Das möchte auf die Zusammenarbeit der Freiberufler mit den Agenturen und der Agenturen mit den Endkunden gleichsam Anwendung finden.

Übrigens ist es möglich und im Kontext der EU-weit garantierten Vertragsfreiheit rechtlich nicht zu beanstanden, die Forderungen der DIN 2345 als Teil der Vertragsgestaltung mit dem Auftraggeber weiterhin einzubeziehen6.

Zielgruppe

An der EN 15038 wurde vielfach bemängelt, sie richte sich aufgrund der Vielzahl geforderter Verfahren überwiegend an Übersetzungsdienstleister, ggfs. noch Sprachendienste größerer Unternehmen, und schließe die überwiegende Mehrzahl der in der Branche tätigen freiberuflichen ÜbersetzerInnen aus. In der Tat enthält auch die ISO 17100 altbekannte Forderungen, die über das Tagesgeschäft eines Freiberuflers weit hinausgehen. Künftig können ÜbersetzerInnen als Kompetenznachweis ihre Qualifikation durch staatliche Stellen anerkennen lassen. Das ist insofern von Belang, als es in einigen Ländern keine für europäische Maßstäbe übliche Ausbildung an Hochschulen gibt. Wie die Anerkennung in der Praxis vonstatten gehen soll, bleibt der Norm-Entwurf leider schuldig. Nun ist eine Einzel-Zertifizierung mit Aufwand und Kosten verbunden, die vom Freiberufler nicht ohne Weiteres geleistet werden können. Dabei bietet eine Matrix-Zertifizierung erheblichen Nutzen: Mehrere Freiberufler werden gemeinsam auditiert und erhalten einen Nachweis, dass Sie die Forderungen der Norm kennen und einhalten. Diese Vorgehensweise gewinnt an Bedeutung, da Kunden zunehmend Nachweise über die Qualitätsfähigkeit entlang der gesamten Prozesskette einfordern. Es ist längst nicht mehr ungewöhnlich, Profile der eingesetzten Freiberufler dem Endkunden zur Verfügung zu stellen. Übersetzungsdienstleister halten entsprechende Daten vor, aktualisieren und pflegen sie. Ein Zertifikat bzw. ein geeigneter Konformitätsnachweis tragen dazu bei, die Auftragslage des Freiberuflers zu sichern. Der Aufwand hält sich in Grenzen. Neben dem Besuch von Seminaren zur Vorbereitung und einem gemeinsamen Zertifizierungs-Audit besteht die Herausforderung darin, dass die Freiberufler sich zu verbindlichen Strukturen zusammenschließen müssen, um aufgabenteilig die Anforderungen der Norm nachweislich und wirksam umzusetzen. Diese Hürde ist nicht so hoch, wie es auf den ersten Blick wirkt. So ist die Gründung einer Kapitalgesellschaft in Form einer GmbH mit Stammeinlage von 25.000 EUR nicht erforderlich.

In der EU kommen eine Reihe anderer Rechtsformen für eine Matrix-Zertifizierung in Frage: die haftungsbeschränkte Unternehmergesellschaft (UG) mit einem EURO Einlage, die klassische Gesellschaft bürgerlichen Rechts mit einem GbR-Vertrag oder die eingetragene Genossenschaft (eG) mit dem Zweck der unternehmerischen Tätigkeit ihrer Mitglieder. ÜbersetzerInnen sind als Angehörige Freier Berufe anerkannt und können sich zu haftungsbeschränkten Partnerschaftsgesellschaften zusammenschließen – ohne Mindestkapital7. Sogar ein Verein mit Vorstand und entsprechender Satzung wäre denkbar – üblicherweise bei Non-Profit-Organisationen. Verbände können leider nicht an einer Matrix-Zertifizierung teilnehmen, jedoch sehr wohl ihren Mitgliedern die Teilnahme zu vergünstigten Konditionen ermöglichen. Bislang gab es keine nennenswerten Anläufe, durch eine Matrix-Zertifizierung, wie sie in anderen Branchen längst üblich ist, auch Freiberuflern die Zertifizierung zu ermöglichen. Zur Zeit arbeitet lediglich die Schweizer Zertifizierungsstelle LinquaCert, hervorgegangen aus TÜV Süd, mit einem entsprechenden Zertifizierungsmodell.

Keine Norm mit System ‒ Unterschiede zur ISO 9001

Einleitung und Anwendungsbereich der ISO 17100 enthalten alle Formulierungen, die das Wesen der Norm aussagefähig umreißen. Kapitel 3.4 „Qualitätsmanagementsystem“ ist nicht mehr vorhanden. Dabei ist der Dokumentationsumfang mit 16 geforderten Verfahren höher als bei einem typischen QM-System nach ISO 9001. Eine Erklärung könnte darin bestehen, dass die ISO 17100 als branchenspezifisches Vorgehensmodell auf Standardisierung der Abläufe fokussiert – im Gegensatz zu einem QM-System, das auf Prozess-Effizienz und Regelkreisen beruht. Auffällig ist eine Diskrepanz zwischen den Hauptüberschriften, die von Prozessen sprechen, zu den Detail- Beschreibungen, in denen die Prozess-Idee gar nicht mehr auftaucht. In der Praxis wird ein Dienstleister, der sich auf die Zertifizierung nach ISO 17100 vorbereitet, ein QM-System einführen (müssen). Für die Zertifizierung dieses QM-Systems ist neben der ISO 9001 auch die Kombination eines Vorgehensmodells nach ISO 17100, nachweislichen Regelkreisen und einem aussagekräftigen Kennzahlenmodell praktikabel.

Auch künftig wird es einfach sein, die ISO 9001 mit überschaubaren Aufwand um eine Prozessnorm wie ISO 17100 zu ergänzen. Die allermeisten Forderungen der ISO 17100 wird ein nach ISO 9001 zertifizierter Dienstleister erfüllt haben. Der umgekehrte Weg von der Prozessnorm zu einem eingeführten und nachweislich wirksamen QM-System nach ISO 9001 ist deutlich länger. Eine Analyse der jeweiligen Normforderungen führt zu 38 Kriterien, die von der ISO 9001 verlangt und von der ISO 17100 teils nur eingeschränkt erfüllt werden (können). Dabei reicht die Spanne des jeweiligen Erfüllungsgrades von Null bis 100 Prozent und erreicht einen Schnitt von etwa 40 Prozent über alle Kriterien hinweg. So fordert die ISO 17100 weder den Beauftragten der Obersten Leitung, gemeinhin als QMB bekannt, noch die Durchführung regelmäßiger Interner Audits. Ein ständiger Verbesserungsprozess liegt im Interesse der Dienstleister, wird aber von der ISO 17100 nicht explizit verlangt, lässt sich aber aus der verstärkten Forderung (vorher in Kapitel 4.6 „Projektabschluss“, bei ISO 17100 nun in dem eigenständigen Kapitel 6 „Produktionsnachbereitende Prozesse“), die Kundenzufriedenheit zu ermitteln, gut herleiten. Hieraus den nächsten Schritt zu weiteren Forderungen der ISO 9001, wie dokumentierte Vorbeugungsmaßnahmen und Definition von messbaren Qualitätszielen, interpretieren zu wollen, ist vermutlich zu weit gefasst. Planung, stete Vermittlung und turnusmäßige Bewertung des QM-Systems bleiben ebenfalls der ISO 9001 vorbehalten. Die vorgenannten Kriterien sind allerdings wesentliche Merkmale eines QM-Systems. Auf der anderen Seite sind durch die Zertifizierung nach ISO 17100 eine Reihe von 9001-relevanten Forderungen weitgehend umgesetzt: Definition, Einführung und Erhalt technischer Ressourcen, Planung der Produktrealisierung, Lenkung der Produktion, Überwachung und Messung der Qualität, berufliche Kompetenz von PMs, ÜbersetzerInnen und Redigierenden sowie eine deutliche Kundenorientierung.

Die ISO 9001 wird seit 2012 ebenfalls überarbeitet. Ende 2015 ist mit einer umfassend revidierten Ausgabe zu rechnen. An dem vorliegenden Entwurf („Committee Draft“8) lassen sich bereits wesentliche Änderungen erkennen: Risiko-Management wird eine bedeutende Rolle spielen und zieht sich durch alle Kapitel der Norm. Das Prozess-Management erhält ein eigenes Kapitel, in dem sich der Fokus vom Erkennen von Prozessen hin zum konkreten Managen verschiebt. Darüber hinaus werden noch Abschnitte zu den Themen Wissensmanagement und Vorbildfunktion der Unternehmensführung diskutiert. Vorsichtig zusammengefasst scheint sich der Teil der Forderungen, in denen die neue ISO 9001 mit der ISO 17100 übereinstimmt, zu verringern, da die aufgeführten Themen darin keine Rolle spielen. Für eine abschließende Bewertung ist es noch zu früh.

Registrierung vs. Zertifizierung

In hohem Maße bedauerlich ist die Ankündigung von DIN CERTCO, die Registrierung auch nach ISO 17100 gegen eine einmalige Gebühr beibehalten zu wollen. Bei „DIN CERTCO Gesellschaft für Konformitätsbewertung mbH“ handelt es sich nicht um eine Aufsichtsbehörde, sondern um ein kommerzielles Unternehmen, an dem die TÜV Rheinland Service GmbH mit 70,2 % der Anteile sowie das Deutsche Institut für Normung e.V., also die DIN, mit 19,8 % beteiligt sind. Weitere Gesellschafterin ist die TÜV Umwelt Berlin-Brandenburg GmbH („TUBB“)9.

Mit der online angebotenen Registrierung wird ein wesentlicher Zweck der Norm, Kunden gegenüber eine Aussage über Qualitätsfähigkeit als Übersetzungsdienstleister auszudrücken, verwässert. Das Prinzip, die Übereinstimmung einer Dienstleistung mit festgelegten Forderungen einer Norm mittels einer Konformitätserklärung dokumentieren zu wollen, ist per se nicht verkehrt, da sich der Aussteller beispielsweise einem regelmäßigen intern und externen Audit freiwillig unterziehen könnte – bezogen auf Kosten und Aufwand wäre hier der Schritt zu einer Zertifizierung naheliegend. Bei der Registrierung indes ist eine Überprüfung, ob und inwieweit diese Selbsterklärung eingehalten wird, nicht vorgesehen. Die Registrierung kann die Zertifizierung nicht ersetzen.

Allerdings gilt auch für die Registrierten, dass sie selbstverständlich die Vorgaben der Norm einhalten müssen. Wer damit wirbt – hier reicht allein der Hinweis auf der Website –, muss damit rechnen, dass die eigene Leistung an den Vorgaben der Norm gemessen wird. Mehr noch: Sollte im Schadensfall die Einhaltung der Norm für den jeweiligen Auftrag nicht explizit ausgeschlossen worden sein, steht der Dienstleister in der Haftung. Schließlich hat er durch seine werbliche Aussage gezielt den Eindruck erweckt, die Norm anzuwenden. Das gilt im Übrigen für beide Fälle: Registrierte und zertifizierte Unternehmen sollten schon in der Angebotsphase deutlich machen, ob die Norm in Gänze oder lediglich in Teilen eingehalten werden soll. Das kann ja gute Gründe haben. Fehlt der Hinweis, kann der Kunde den Nachweis verlangen, dass beispielsweise das Vier-Augen-Prinzip während der Prüfung durch einen Muttersprachler mit der gleichen Qualifikation wie der des Übersetzers und vergleichbaren Kenntnissen im jeweiligen Sachgebiet durchgeführt wurde. Eine Formulierung wie „orientiert sich an Norm…“ stellt den gewünschten Bezug her und vermeidet einen verkehrten Eindruck. Eine Registrierung ist hierfür nicht erforderlich.

Kunst der Darstellung

Nach einem verhaltenen Start in den ersten Jahren nach der Veröffentlichung der EN 15038 ist deutlich festzustellen, dass Einkäufer immer häufiger die EN 15038 verwenden, um ihren Anspruch an das Qualitätsverständnis eines Dienstleisters schon in der ersten Runde einer Ausschreibung zu begründen. Die Norm kommt langsam aber sicher in den von vielen Unternehmen geführten Verzeichnissen mitgeltender Dokumente an (Normen, Standards, gesetzliche Vorschriften). Aus vielen Gesprächen ist dem Autor bekannt, dass es für Einkäufer eine Erleichterung darzustellen scheint, durch die Norm wenigstens einen Standard für die Qualität von Übersetzungslieferungen einfordern zu können. Mit Hilfe dieser Prozessnorm bettet sich die auch für erfahrene Einkäufer schwer fassbare Übersetzungsleistung in für sie gewohnte Muster und Abläufe ein. Mittlerweile sind auch feinere Differenzierungen üblich: Nachweise zu QM-System und Prozessnorm, Qualifikation und Profil der am Auftrag Beteiligten – unabhängig vom Status fest angestellt oder freiberuflich. In diesem Zusammenhang ist es interessant zu beobachten, dass Kriterien zur Fehlererkennung und der Güte eines Translation Memories ebenfalls Einzug in den Fragenkatalog einer Ausschreibung finden.

In dieser Situation stehen der Dienstleister wie der Freiberufler vor einer wichtigen, taktischen Überlegung: Schränkt er die Einhaltung der Norm ein, besteht das Risiko, in der nächsten Runde nicht mehr berücksichtigt zu werden. Inkludiert er die Kosten für ein durchgängiges Vier-Augen-Prinzip im Wortpreis, kann dieser zu hoch ausfallen und ebenfalls zum Ausschluss von der Ausschreibung führen. Hier empfiehlt sich, eine präzise Darstellung der eigenen Prozesse zu einem frühen Zeitpunkt. Sofern die Fachabteilung kundenseitig involviert ist, sicher eine gute Chance, das eigene Vorgehen zu erläutern und zu begründen, und dabei in den Dialog mit dem Kunden über die tatsächlichen Anforderungen einzusteigen. Das setzt allerdings voraus, dass der Kunde die Gewichtung des Ausschreibungskriteriums „Stückkosten“ nicht zu hoch ansetzt und bereit ist, gemeinsam die Prozesskosten anstelle des rohen Wortpreises zu ermitteln.

Es ist, zumindest bei ausschreibenden Unternehmen, nicht ungewöhnlich, wenn sich herausstellt, dass die Norm als Türöffner wirkt, während im Ergebnis ein Prozess vereinbart wird, der nur einzelne Verfahren der Norm zur Anwendung bringt. Dann ergänzen sich das QM-System des Dienstleisters, die Verfahren auf Basis der Prozessnorm und die spezifischen Anforderungen des Kunden auf vorteilhafte Weise. Es bleibt fraglich, ob die registrierten Anbieter, deren Ablehnung der Norm wohl begründet sein mag, sich in ihrer Differenzierung erfolgreich darstellen können. Der eine oder andere hat nachweislich ein QM-System im Einsatz ohne zertifiziert zu sein. Ob die Registrierung in diesem Fall noch notwendig ist, sei dahingestellt. Glaubwürdiger ist jedenfalls eine Zertifizierung nach ISO 9001 und ISO 17100. Diese Erkenntnis wird sich auch bei den Einkäufern durchsetzen, die immer öfters angehalten sind, Nachweise über die Qualitätsfähigkeit entlang der gesamten Prozesskette schon vor Beginn einer Zusammenarbeit einzuholen.

Kernaussagen

  • ISO 17100 weitgehend identisch mit EN 15038
  • Wirklich neu sind:
    • Qualifikationsprofile für PMs mit SOLL- und IST-Kompetenzen
    • Verfahren zur Aktualisierung von Kompetenzen
    • Verfahren zur Informationssicherheit (Datenschutz, Archivierung)
    • Betonung der Machbarkeitsprüfung als Teil der Projektvorbereitung
  • ISO 17100 ist ein Vorgehensmodell, kein QM-System
  • Erfüllungsgrad im Vergleich zu den Forderungen der ISO 9001:2015 sinkt
  • Matrix-Zertifizierung von Freiberuflern prinzipiell möglich
  • Werbliche Aussagen zu der Norm kritisch hinterfragen
  • Registrierung ersetzt nicht die Zertifizierung
  • Einkäufer fragen differenzierter nach Qualifikationsnachweisen
  • Nachweise zur Einhaltung von Standards rollen die Prozesskette entlang

Quellenangaben zum Weiterlesen

1 siehe ISO/DIS 17100:2013 (ENTWURF ÖNORM EN ISO 17100 Ausgabe: 2013-08-01 ), „Übersetzungsdienstleistungen – Anforderungen an Übersetzungsdienstleistungen“

2 allgemeine Infos zu ISO 27001 siehe http://de.wikipedia.org/wiki/ISO/IEC_27001

3 vergleiche Christoph Rösener und Thomas Wedde „Auf dem Prüfstand – Über die Jahre kann die Qualität eines Translation Memorys sinken. Wo liegen die Ursachen, was lässt sich dagegen unternehmen?“ in technische kommunikation 03/2013

4 siehe auch den differenzierten Beitrag von Valerij Tomarenko „DIN EN 15038 und das „Vier-Augen- Prinzip“ – Unsachgemäße Diskussion?“ in MDÜ 03/2012

5 aus Brigitte Horn-Helf „EN 15038 auf dem Prüfstand: am Beispiel von vier praxisrelevanten Fachtextsorten“ in „Das Wort. Germanistisches Jahrbuch Russland 2009“, S. 75-100

6 siehe https://de.wikipedia.org/wiki/DIN_2345

7 weitere Infos siehe Existengründungsportal des BMWi: http://www.existenzgruender.de/ selbstaendigkeit/vorbereitung/gruendungswissen/rechtsform/

8 siehe ISO 9001/CD: 2013 06 03 „Quality management systems – Requirements“

9 siehe unter www.bundesanzeiger.de, Suchbegriff „DIN CERTCO“, Ergebnis „Jahresabschluss zum Geschäftsjahr vom 01.01.2012 bis zum 31.12.2012“

Zum Autor

Thomas Wedde ist seit zwanzig Jahren in der Branche tätig und hat sich auf die Tätigkeit als QM-Auditor und Prozess-Auditor VDA 6.3 spezialisiert. Mit seiner docConsult GmbH bereitet er Unternehmen auf die Zertifizierung nach ISO 9001 und ISO 17100 vor, gestaltet für Kunden konforme Prozesse, z. B. nach Vorgaben der Automobilindustrie (TS 16949) und Medizintechnik (ISO 13485), führt im Auftrag weltweit operierender Unternehmen Lieferanten- Audits durch und auditiert Dienstleister für unterschiedliche Zertifizierungsstellen.

Dieser Artikel erschient im FORUM 1/2014.