Bericht vom Anglophonen Tag 2007 in Essen

Um es gleich vorweg zu nehmen: Die provokante Frage nach der Notwendigkeit von Englisch-Übersetzern wurde bei dem traditionellen jährlichen Treffen von Kollegen mit den Arbeitssprachen Englisch und Deutsch eindeutig mit „ja“ beantwortet. Sogar Übersetzer anderer Sprachen benötigen in Zukunft zusätzlich immer bessere Englischkenntnisse, je mehr sich Englisch als Lingua Franca in allen Sprachräumen und Fachgebieten sowie als Fachterminologie durchsetzt. Allerdings verschieben sich die Aufgaben des Übersetzers oft hin zu denen eines Redakteurs, Lektors und Sprachexperten, der die in Englisch von nicht-muttersprachlichen Fachexperten geschriebenen Texte nachbearbeitet und anpasst.

Dies war eines der Themen, das auf dem 13. Anglophonen Tag diskutiert wurde, der am Pfingstsamstag in Essen stattfand und dieses Jahr von Reiner Heard für ATICOM ausgerichtet worden war. Mit Fortbildung und Erfahrungsaustausch im Mittelpunkt wurde die Tagung Freitag und Sonntag umrahmt von einem Besichtigungsprogramm, das die traditionellen Quellen des Ruhrgebiets in den Vordergrund rückte. Nicht zu vergessen die für das Networking wesentlichen Abendessen: Freitagabend in einem Biergarten bei sommerlicher Wärme und rheinischer Hausmannskost, inklusive hausgebrautem Bier, am Samstag in modernem italienischem Design bei mediterraner Küche.

Gaseum

Die Teilnehmer des Anglophonen Tags erhielten eine Führung durch das nicht-öffentliche Museum von E.ON Ruhrgas von einem hochmotivierten Techniker, der mit ganzer Seele in der Geschichte der Firma und ihrem Geschäftsfeld verwurzelt war, und lernten die geologische Entstehung, Gewinnung und Verwendung von Kohlegas kennen, das heute weitgehend durch Erdgas ersetzt wird, das man in Pipelines über tausende von Kilometern, z.B. aus Russland, nach Deutschland transportiert. Alte Gerätschaften, Modelle, Zeichnungen und Tafeln illustrierten die historischen Veränderungen im Bereich der Technik und in unserer Lebensumwelt. Ein direkter Bezug von der Verwertung des Abfallprodukts Kohlegas zu der Gewinnung von Koks erleichterte den Besuchern dann das Verständnis für die Produktionsanlagen in dem zweiten Besichtigungsziel.

UNESCO Weltkulturerbe Zeche Zollverein

Die erhaltenen Förderungsanlagen bieten eine anschauliche Vorstellung von der Arbeit in der Kohleförderung seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Anlagen wurden vor 20 Jahren stillgelegt und man hat die funktionalen Industriebauten im Stil der Neuen Sachlichkeit, die in ihrer klaren Struktur (Ziegelsteine in einem sichtbaren Stahlträgergerüst) an das Bauhaus erinnern, zugleich aber auch als Gesamtkonzept Macht und Größe demonstrieren sollten, unter Denkmalschutz gestellt. Immerhin war diese Zeche einmal die größte der Welt, was ein kleiner Werbe- (fast möchte man sagen Propaganda-)Film aus den 30er Jahren unterstrich, dessen Bilder an Metropolis und Arbeiterdenkmäler denken ließen. Dieser „schweren körperlichen Arbeit des Mannes“ ist die geistige Herausforderung des Übersetzerberufs doch vorzuziehen!

Übersetzer bei SAP

„Globalization and repercussions for software translation at SAP“ war der Titel des Vortrags von Duncan Bryce. Als im Kern deutsche Firma arbeitet SAP bei der Übersetzung von Texten in alle erforderlichen Sprachen über die Relaissprachen Deutsch und Englisch. Viele Aufgaben werden in „kostengünstige“ Länder verlagert, wobei es allerdings Probleme mit der sprachlichen Qualität der dabei entstehenden Texte gibt. So hat sich die Aufgabenstellung der Übersetzer um die neuen Schwerpunkte des Redigierens (copy-editing und language-editing) erweitert. Die Durchsetzung sprachlicher Qualitätsanforderungen verlangt auch viel Fingerspitzengefühl, weil man weltweit mit vielen verschiedenen englischen Muttersprachlern zu tun hat, die sich nicht unbedingt nur am britischen oder amerikanischen Englisch messen lassen. Wie definiert man genau diese Unterschiede und wie kann ein globales „englisches Englisch“ festgelegt werden? Diese Probleme sind nicht nur mit Hilfe der SAP Standards und Guidelines sowie Style Guides zu lösen oder dadurch, dass die Übersetzer ausschließlich in die Muttersprache übersetzen. Auch beim Englischen gibt es Lokalisierungsbedarf. SAP rekrutiert seine englischen Übersetzer hauptsächlich aus Großbritannien, und zwar nicht nur, weil man hier die Erfahrung machte, dass diese eine bessere Ausbildung haben und damit höhere Qualität liefern können, sondern auch wegen der Nähe zur Heimat, die den erwünschten längeren Verbleib der Mitarbeiter in der Firma sicherstellt. Vom Übersetzer werden Hard Skills wie z. B. die Beherrschung der Übersetzungstechnologien und sehr gute Sprachkompetenz verlangt; Soft Skills umfassen u.a. Team- und Kommunikationsfähigkeit (auch in Form der immer mehr dominierenden Netmeetings) sowie allgemeine kaufmännische Fertigkeiten. Erwünscht sind Erfahrungen durch Praktika und Berufspraxis in der Industrie. Wichtig anzumerken eine Zahl, die sich im Hinblick auf den dritten Vortrag stark relativiert: 2000 Wörter werden als durchschnittliche Übersetzungsleistung pro Tag erwartet. Dabei wird besonderer Wert auf die sprachliche und fachliche Qualitätssicherung gelegt.

Welche Arbeit leistet ein Dragoman?

Jadwiga Bobrowska (CloL) und Shawn Christoph (ATICOM), kurzfristig eingesprungen als Vortragende für den Part von Sally Lamm (BDÜ), tauchten tief in die Vergangenheit, um herauszufinden, wie sich unser Beruf definiert. Demnach war der Götterbote Hermes der erste unserer Zunft, der die Botschaften der Götter nicht nur verkündete, sondern auch dolmetschte, d. h. erklärte und auslegte in dem Sinne, dass er diese in sterbliche Sprache übersetzt und zugleich den Sinnzusammenhang aus der einen Welt in die andere übertrug. In diesem Sinne war er „The bridge, the indispensable link“. Alexander Kinglake beschreibt in einem seiner Reiseberichte sehr anschaulich diese Arbeit, indem er die englischen und die türkischen Sitten und Höflichkeitsfloskeln durch einen Dragoman (Übersetzer, Dolmetscher und sprachkundiger Reiseführer) sehr rigoros lokalisieren lässt. So werden lange, blumige und poetische Wünsche kurz zusammengefasst zu „Gute Reise!“. Die Vortragenden untersuchten auch, inwieweit Neutralität und Unparteilichkeit des Übersetzers/Dolmetschers immer gewährleistet waren, und erinnerten an die vielen, leider auch aktuellen Beispiele, in denen der Dolmetscher als angeblicher Kollaborateur des Feindes getötet wurde. In der anschließenden Diskussion ging es auch um die Möglichkeiten, als Übersetzer/Dolmetscher Aufträge aus moralischen Erwägungen ablehnen zu können oder durch Missverständnisse ernste Folgen verantworten zu müssen.

Schnelligkeit ist Trumpf: Berufspraxis in den neuen Medien

Wie viele Wörter übersetzt man an einem Tag, wenn man mit einem Zeitverzug von nur einem Sekundenbruchteil die gesprochenen Dialoge in einem Film simultan und schriftlich übertragen muss? Diese Zahl wurde nicht ermittelt, weil diese hohe Reaktionsgeschwindigkeit bei trotzdem erforderlicher sprachlicher und technischer Perfektion erst einmal den Atem stocken ließ. Mary Carroll von der Titelbild GmbH berichtete so lebendig und begeistert über die „Developments in the World of Subtitling“, dass ihre Redezeit wie im Fluge verging.

Vor dem inneren Auge tauchten z. B. Kollegen auf, die mit zwei Tastaturen gemeinsam an der Life-Untertitelung von Sportberichten arbeiten. Dabei kann es sich um gleichsprachige Untertitel (intra-lingual) oder aber übersetzte handeln (inter-lingua). Warum machen wohl hauptsächlich Frauen diesen Job, der so viel Konzentration, Präzision, Reaktionsgeschwindigkeit und journalistische Formulierungsfertigkeit erfordert? Und warum wird dies so schlecht bezahlt? Es besteht doch eine große Nachfrage, da infolge des europäischen Gesetzes für barrierefreien Zugang zu den Medien auch die deutschen Fernsehsender gefordert sind, alle ihre Sendungen für Hörgeschädigte zugänglich zu machen. Übrigens wird in diesem Zusammenhang wahrscheinlich die Untertitelung der Gebärdensprache den Rang ablaufen. Deutsche Filme lassen sich nur dann ins Ausland verkaufen, wenn sie zumindest englische Untertitel haben. Aber leider kommt es hier wie auch auf dem stark expandierenden Markt für DVD-Untertitelungen durch den unerbittlichen Preiskampf zu einer Entprofessionalisierung, weil man sich teure qualifizierte Übersetzer nicht leisten kann.

Bei der Synchronisation muss lippensynchron gesprochen werden. Ein Übersetzer bereitet zunächst einen Text vor, der um Bemerkungen zum Inhalt der Aussagen und zu etwaigen Zwischentönen des Gesagten ergänzt wird. Ein sogenannter Autor bearbeitet diesen Text dann sprachlich so, dass er lippensynchron gesprochen werden kann. Beim voice-over handelt es sich um die Übersetzung von Interviews oder Kommentaren mit im Hintergrund leise laufendem Originalton. Auch hier muss man sehr kostenbewusst produzieren, aber doch so präzise, dass die Zeit im Tonstudio möglichst knapp gehalten werden kann, da sie extrem teuer ist. Neue technische Hilfsmittel wie Spracherkennung helfen bei der Bewältigung der Aufgaben unter Zeitdruck. Für die Übertitelung in der Oper gibt es z. B. auch eine spezielle Software.

Ein großer Markt öffnet sich für Übersetzer, aber nur wenige Produzenten werden sich den Luxus teurer Qualität noch leisten können. Ob man diese Arbeitsbedingungen reizvoll findet, ist sicherlich eine Mentalitätsfrage.

Survival Strategies for Translators

Wie kann man heute als Übersetzer angesichts gestiegener zeitlicher und fachlicher Anforderungen noch überleben? Hierzu präsentierte Reiner Heard einige Überlegungen, die als Anregungen zu verstehen sein sollten, sich für die Zukunft zu rüsten und der Herausforderung zu stellen. Er verbreitete dabei einen gedämpften Optimismus, aber die Lage ist wohl nicht hoffnungslos!

Marktüberblick

In Deutschland gab es 2004 nach der Statistik des Bundesamtes 34.000 Übersetzer und Dolmetscher, von denen 68 % Freiberufler waren. Das ist nur die innerdeutsche Zahl unserer Kollegen bzw. Konkurrenten! Wir alle sind den Risiken bzw. Herausforderungen ausgesetzt, die sich aus der Rationalisierung, der Globalisierung, der Industrialisierung, der Isolierung und der (Ent)Professionalisierung ergeben. Wir müssen effizienter arbeiten, um durch höheres Arbeitspensum die gefallenen Preise aufzufangen. Unsere Aufgabenbereiche verändern sich, denn tendenziell mehr Übersetzungen erfolgen ins Englische als ins Deutsche, und immer häufiger müssen Texte editiert werden, die nicht von englischen Muttersprachlern geschrieben wurden. Übersetzer sind in internationalen Datenbanken zu finden und Texte werden übers Internet verschickt, was dazu führt, dass man in der Übersetzungsindustrie weltweit Tag und Nacht arbeiten lassen kann. Für das laufende Jahr schätzt man das globale Marktvolumen in der Übersetzungsindustrie auf ca. 8 Milliarden US Dollar.
Einzelkämpfer können hier nicht überleben: Große Projekte müssen in Teams bearbeitet werden. Die UN und die EU lassen bereits für ihre Ausschreibungen nur noch Angebote von Gruppen zu. Unternehmen kehren den Prozess des Outsourcing wieder um und bauen Übersetzungsabteilungen auf, deren Mitglieder in die Arbeitsprozesse integriert werden, wobei sie auch Korrekturfunktionen für nach Außen gegebene Texte übernehmen und mit den externen Übersetzern im Interesse der Effektivität und Qualitätssicherung langfristige Kooperationen aufbauen. Neu entwickelte MÜ-Systeme sollen künftig 60-80% eines Textes so übersetzen können, dass der Übersetzer einfacher als bisher eine Reinversion erstellen kann. Die neuen Aufgaben der Vor- und Nachbereitung solcher Texte erfordern vom Übersetzer Flexibilität und natürlich laufende Weiterbildung. Die neue Norm EN 15038 arbeitet ebenfalls in die Richtung einer Professionalisierung.

Überlebensstrategien

Mehr als je zuvor gilt: Der professionelle Übersetzer muss seine Marktnischen finden, in Netzwerken und flexiblen Teams kooperieren, und er kann sich nur durch laufende Fortbildung seine Marktstellung erhalten.

Fazit

Durch die Beiträge der Dozenten wurde ein umfangreiches Bild unseres Berufsstandes präsentiert. Die Möglichkeiten des Networking wurden intensiv genutzt. Dies war eine sehr informative und motivierende Veranstaltung, zu deren Gelingen natürlich auch die Teilnehmer selbst entscheidend beitrugen.
Ein großer Dank an Reiner Heard für die perfekte Organisation des Rahmens für unser Treffen!

Susanne Goepfert