Ein Kongress mit vielen Facetten

Für diejenigen unserer Zunft, die schon immer mal nach Australien reisen wollten, ergab sich diesen August der perfekte Anlass: vom 3. bis zum 5. August fand der diesjährige FIT-Kongress unter dem Motto „Disruption and Diversification“ in Brisbane statt. Zwar war es der Jahreszeit nach Winter, aber blauer Himmel, blühende Bäume und Temperaturen um 25 °C tagsüber ließen keine Wünsche offen. Rund 700 Teilnehmer aus allen Himmelsrichtungen hatten sich im Brisbane Convention & Exhibition Centre versammelt, um in vielen Veranstaltungen zu den verschiedensten Themen aktuelle und zukünftige Herausforderungen zu beleuchten.

Die Überschrift, unter der der Kongress stattfand, war dabei so weit gefasst, dass sämtliche Themen, die unseren Beruf betreffen, angesprochen wurden. Sie reichten vom Dolmetschen und Übersetzen in Krisengebieten, Social-Media-Trends, Community-Interpreting, Globalisierung und Ethik, Übersetzungstechnologien und die durch sie hervorgerufenen Umbrüche in der Berufsausübung über Gebärdensprachdolmetschen, Zertifizierungen und Normen bis hin zu Best-Practice-Fragen für Freiberufler.

Das Angebot war so reichhaltig, dass es schwer fiel, zwischen den bis zu 10 gleichzeitig stattfindenden Vorträgen zu den unterschiedlichsten Themen zu wählen, darunter auch Vorträge zu sehr speziellen Randthemen.

Wer aber befürchtet hatte, dass er als Besucher aus dem „alten Teil“ der Welt (Europa) zwischen den vielen Teilnehmern und Vorträgen verloren gehen würde, durfte einmal mehr erleben, dass die Welt der professionellen Sprachmittler klein ist. Man trifft sich auch dann, wenn man einmal um die halbe Erdkugel gereist ist. Die Herausforderungen und Themen sind dieselben, auch wenn deutlich wurde, dass je nach Region andere Schwerpunkte bestehen, die zum Teil auf den geografischen Gegebenheiten beruhen. Australien und Neuseeland liegen im asiatisch-pazifischen Raum und sind anderen Einflüssen ausgesetzt als die Länder der westlichen Hemisphäre, und die zu überwindenden Entfernungen sind wesentlich größer als in Europa.

Aus diesem Grund spielt beispielsweise das Konferenzdolmetschen in Australien und Neuseeland kaum eine Rolle, während dem Community Interpreting, dem Dolmetschen im Gemeinwesen, eine sehr wichtige Rolle zukommt.

Neben denjenigen Kollegen, die man immer wieder trifft, lernt man bei einem solchen Anlass natürlich auch neue Kollegen und Arbeitsbereiche kennen. So hatte die Autorin das Privileg, sich länger mit einer australischen Kollegin zu unterhalten, die Aboriginal Australian(1) ist und als Aboriginal Interpreter arbeitet. Die Dienste der Aboriginal Interpreters werden immer weiter ausgeweitet und gewinnen zunehmend an Bedeutung. Ihr Arbeitsbereich umfasst sämtliche Bereiche des Community-Interpreting, Dolmetschen im Justizbereich, aber auch die Vermittlung von Tradition und Kultur unter jungen Mitgliedern der First People. Den Aboriginal Interpreters kommt in einer Dolmetschsituation eine wichtige Rolle bei der Vermittlung von Sprache und Kultur zu. In Australien leben über 250 verschiedene indigene Stämme mit jeweils eigenen Sprachen und einer in Teilen noch lebendigen, eigenen Kultur.

So erzählte die Kollegin, dass das Dolmetschen insbesondere vor Gericht eine große Herausforderung darstelle, weil auf der einen Seite ein westlich geprägtes Rechtssystem steht und auf der anderen Seite ein Mensch, dessen kulturelle Voraussetzungen vollkommen von denen des westlichen Systems abweichen können. Schon alleine der Zeitbegriff sei ein Hindernis. Würde ein Aboriginal Australian z. B. zu mehreren Monaten Haft verurteilt, könne er oftmals gar nicht erfassen, welche Zeitspanne damit gemeint sei, ganz zu schweigen von den Gründen für diese Verurteilung. Aber auch andere kulturelle Prägungen stellen Hindernisse dar, wie z. B. die höfliche Zustimmung zu dem, was ein westlicher Gesprächspartner sagt, auch wenn der indigene Gesprächspartner gar nicht derselben Meinung ist oder nicht verstanden hat, worüber der westliche Gesprächspartner spricht, oder wenn letzterer in der Gesprächshierarchie als höher stehend empfunden wird. Tatsachen sind bei den indigenen Völkern immer mit Personen/Charakteren verknüpft und können gar nicht eigenständig existieren. Damit ist ein Aboriginal Interpreter nicht nur Sprach-, sondern vor allem auch Kulturmittler. Die Kollegin erzählte dann beiläufig, dass sie Totemtiere bestimmen, fischen und in der Wüste überleben könne – und außerdem sei sie sehr aktiv auf ihrem Facebook- Account …

Das Community-Interpreting wird in Australien seit rund 40 Jahren vorangebracht. Es gibt inzwischen staatliche und private Ausbildungsinstitute, die auf hohem Niveau Dolmetscher ausbilden. Im Gespräch mit Verantwortlichen wurde der Autorin deutlich, dass Deutschland in diesem Bereich sehr großen Nachholbedarf hat und derzeit dort steht, wo Australien vor 40 Jahren stand. Auch die Sprachtechnologie spielt in diesem Bereich eine immer größere Rolle. Die Behörden sind sehr an der Verbreitung der Technologie für das Remote Interpreting interessiert, deren Berechtigung in einem so riesigen Land wie Australien nicht abgesprochen werden kann. Aber bei aller Begeisterung für die technischen Lösungen haben auch sie keine Lösung für das Problem, dass die wichtige nonverbale Kommunikation dabei stark bis vollkommen auf der Strecke bleibt. In die Diskussion der wichtigen, mit dem Remote Interpreting verbundenen rechtlichen Fragen konnte leider aufgrund der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit gar nicht erst eingestiegen werden.

Auch das sehr aktuelle Thema „Übersetzen und Dolmetschen in Konfliktzonen“ bot viele Vorträge. Der Vortrag von Frau Dr. Kayoko Takeda, Rikkyo-Universität Tokio, befasste sich mit der Frage, ob das Dolmetschen in Foltersituationen ein Kriegsverbrechen darstellt („Interpreting Torture – A War Crime“?) Sie bezog sich dabei auf eine Studie über die Tokyo Trials, dem Gegenstück zu den Nürnberger Prozessen, bei denen allerdings auch Dolmetscher, die während des 2. Weltkriegs auf japanischer Seite tätig waren und während der Folter von Kriegsgefangenen dolmetschen mussten, vor Gericht standen. Sie wurden zum Teil in eigenen Gerichtsverfahren verurteilt, und an einigen wurde sogar die Todesstrafe vollstreckt. Nicht nur der Autorin war dieser geschichtliche Aspekt vollkommen neu, und es entspann sich unter den Zuhörern in kleiner Runde eine Diskussion über die Frage nach Schuld und Unschuld als Dolmetscher in einer Situation, in der er selbst zwischen Mitmachen oder Verweigerung und den entsprechenden Konsequenzen wählen muss.

Ein anderer Vortrag aus dieser Reihe befasste sich mit der Übersetzung von Waffenbezeichnungen im Rahmen einer Buchübersetzung aus dem Arabischen ins Norwegische, in dem eine syrische Geflüchtete ihre Erfahrungen aus dem immer noch tobenden syrischen Bürgerkrieg verarbeitet hat.

Auch die neuen Technologien und Künstliche Intelligenz bildeten einen Schwerpunkt, der in mehreren Vorträgen und Veranstaltungen beleuchtet wurde. Letztendlich stellt sich die Frage, wann die KI so weit ist, dass Sprachmittlung als Beruf vollkommen überflüssig wird. Die aktuelle Antwort, die von verschiedenen Autoren vertreten wird, ist beruhigend – solange KI dem menschlichen Gehirn nicht ebenbürtig sei, könne sie auch keine Übersetzung schaffen, die einer Humanübersetzung ebenbürtig sei. Die Frage, wann dieser Zeitpunkt erreicht sei, oder wie es sich als Mensch in einer von ebenbürtiger KI geprägten Welt wohl leben wird, sprengte den Rahmen und konnte nicht vertieft werden.

Neben den Vorträgen, Workshops und Diskussionsrunden kam auch das Beisammensein nicht zu kurz. An einem Abend waren die Teilnehmer auf eine Fahrt mit dem Schaufelraddampfer auf dem Brisbane River eingeladen. Es gab Musik und Tanz, aber auch den Ausblick vom Oberdeck auf die nächtliche Stadt. Nach der Fahrt ließ ein Großteil der Kollegen den fröhlichen Abend in einer Bar ausklingen, ein Zusammensein, das am folgenden Abend im feierlichen Rahmen eines Galadinner fortgesetzt werden konnte.

So bleibt festzuhalten, dass der FIT-Kongress unzählige Facetten unseres Berufes und seiner Herausforderungen beleuchtet hat, wenn auch nicht immer in der Tiefe, die dem entsprechenden Thema angemessen gewesen wäre. Wer nun Lust bekommen hat, den nächsten FIT-Weltkongress zu besuchen, darf sich auf Kuba im Jahr 2020 freuen. Informationen dazu werden durch die FIT und ihre Mitgliedsverbände rechtzeitig bekannt gegeben.

(1) Inzwischen gilt der Begriff „Aborigine“ als abwertend, und Mitglieder der Ureinwohner Australiens werden als „Aboriginal Australians“ oder „Indigenous Australians“ bezeichnet. Die Völker werden in einem Oberbegriff auch „First People“ genannt.

Isabel Schwagereit

Dieser Bericht erschien im FORUM 2/2017.